17. Juni 2012, 19:38 Uhr

Lechtenbrink kehrt als König Lear nach Hersfeld zurück

Eröffnung der Freilichtfestspiele: Intendant Holk Freytag geht mit seiner soliden Inszenierung des Shakespeare-Klassikers auf Nummer sicher.
17. Juni 2012, 19:38 Uhr
Ein Höhepunkt der Inszenierung: König Lear (Volker Lechtenbrink, r.) und der Graf von Gloucester (Bernd Kuschmann) beklagen ihr Schicksal. (dpa-Foto)

Es war die Stunde des Volker Lechtenbrink. Kaum jemand kennt die weitläufige Bühne so gut wie er, stand er doch seit 1966 regelmäßig auf ihr, leitete sogar drei Jahre lang von 1995 bis 1997 die Bad Hersfelder Festspiele als Intendant. Nun kehrt der inzwischen 67-Jährige in diesem Sommer zurück, um als Shakespeares König Lear mit Würde die Apsis zu durchschreiten. Eine enorme Herausforderung, doch Lechtenbrink meistert die Altersrolle schlechthin in der soliden Interpretation von Holk Freytag.

Der Intendant geht bei seinen Inszenierungen kein Risiko mehr ein, zu heikel ist die Frage der Finanzen und der Platzausnutzung, die in den letzten Jahren immer wieder zur Diskussion standen. Deshalb werden erfolgreiche Produktionen aus dem vergangenen Sommer wie »Der Name der Rose« und »Das Dschungelbuch« in dieser Saison erneut auf den Spielplan gehievt. Im Übrigen setzt man auf Promis wie Michael Schanze, der in der morgigen Premiere von »Anatevka« seine Sangeskunst als Tevje unter Beweis stellen will.

Lechtenbrink macht den Wandel eines mächtigen Herrschers zum verwirrten, gebrochenen Greis glaubhaft deutlich. Zwar drückt er stimmlich heftig auf die Tube, will allzu schnell die vorzeitige Verteilung seines Reiches an die Töchter hinter sich bringen. Doch seine stärksten Momente hat er immer dann, wenn er sich Ruhe für die Entwicklung seiner Gedanken nimmt. Der Höhepunkt schlechthin: sein Dialog mit dem geblendeten Freund Gloucester – zwei geläuterte Väter beklagen einhellig ihr Schicksal.

Freytag verfügt über ein formidables Ensemble. Der Graf von Gloucester ist bei Bernd Kuschmann, der schon als William von Baskerville in »Der Name der Rose« überzeugte, in allerbesten Händen. Auch Manfred Stella zeichnet mit Bedacht den treuen Weggefährten Kent. Zu den Umherirrenden gesellt sich Annika Martens’ kecker Narr, der mit flinker Zunge so manche Pointe geschickt zu setzen weiß. Julian Weigend – auch er ein Hersfeld-Heimkehrer – komplettiert die Gruppe der Ausgestoßenen als körperlich durchtrainierter Edgar, der sich am Ende einen wüsten, aber siegreichen Kampf (Einstudierung: Klaus Figge) mit seinem hinterhältigen Halbbruder Edmund liefert. Lars Weström weiß die Facetten dieser intriganten Rolle leider so gar nicht zu nutzen.

Bei den freundlich historisierten Kostümen von Michaela Barth stechen die edlen Gewänder der drei Lear-Töchter besonders hervor. Anja Brünglinghaus (Goneril) und Oda Pretzschner (Regan) führen den üblichen Zickenkrieg, während Kristin Hölck als jüngste ganz die sanftmütige, aufrichtige Lieblingstochter Cordelia gibt.

In der entscheidenden Sturmnacht, in der ein zutiefst verletzter Vater Lear vor seinen abweisenden Töchtern flieht, setzt Freytag raffiniert die Theatermaschinerie in Gang. Es donnert, blitzt und stürmt in der Stiftsruine, dass einem wirklich angst und bange werden kann. Nicht minder effektvoll: Wenn Gloucester mit dem lodernden Feuer geblendet wird, richtet der Regisseur gleißende Scheinwerfer auf das überraschte Publikum. Der Einsatz der drei Bläser – Englischhorn, Bassklarinette und Posaune – tut sein Übriges. Je nach Anlass erklingen herrschaftliche Fanfaren oder bedrohliche Töne der Gefahr.

Holk Freytag und sein Protagonist Volker Lechtenbrink haben die gewaltige Bühne fest im Griff. Da scheinen sich zwei Gleichgesinnte getroffen zu haben. Das Resultat jedenfalls kann sich sehen lassen und wurde bei der Premiere am Freitagabend reichlich bejubelt. Marion Schwarzmann

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