05. August 2011, 20:05 Uhr

Wassily Kandinsky und Franz Marc: »Der Blaue Reiter«

»Der Blaue Reiter« im blauen Land: Vor hundert Jahren trafen sich im oberbayerischen Murnau Maler auf der Suche nach neuen Wegen in der Kunst.
05. August 2011, 20:05 Uhr
Heute ein kleines Museum: das Haus von Gabriele Münter in Murnau. (Foto: Schwarzmann)

Die Dorfbewohner nannten es despektierlich das »Russenhaus«, war ihnen doch von Anfang an nicht ganz geheuer, was in dieser Landvilla in der Kottmüllerallee oberhalb der Bahnlinie vor sich ging. Die junge Malerin Gabriele Münter hatte dieses Anwesen mit dem verwunschenen Garten 1909 vom Schreinermeister Streidl erworben, um hier für sich und ihren Geliebten Wassily Kandinsky ein Heim zu schaffen. Denn beide hatten sich schon ein Jahr zuvor bei ihrem ersten Aufenthalt in der oberbayerischen Marktgemeinde Murnau in die liebliche Landschaft vor der blauen Alpenkette verguckt. Hier fanden sie die Motive, die eine neue Stilrichtung begründen sollten: den Expressionismus. Hier fanden sie aber auch Freunde und Gleichgesinnte, die auf der Suche waren nach neuen, abstrakten Wegen in der Kunst.

Marianne von Werefkin und Alexej Jawlensky gehörten zu den gern gesehenen Kollegen, die sie in ihrem gastfreundlichen Haus immer wieder zu gemeinsamen Malaufenthalten begrüßten. Auch Franz Marc, der mit seiner Frau Maria im unweit entfernten Sindelsdorf am Kochelsee wohnte, kehrte hier ein, ebenso wie August Macke und der Komponist Arnold Schönberg. Die anregenden Gespräche unter den Künstlern sorgten schließlich im Sommer 1911 für die Geburtsstunde des »Blauen Reiters«.

»Der Blaue Reiter ist keine Künstlervereinigung«, stellt Dr. Brigitte Salmen, bis Ende Juni Direktorin des Murnauer Schlossmuseums, gleich klar. Es ist der Titel einer programmatischen Schrift, eines Almanachs, dessen entscheidenden Redaktionssitzungen Ende September, Anfang Oktober vor genau hundert Jahren im Münterhaus stattfanden und der dann letztendlich im Mai 1912 bei Reinhard Piper in München erschienen ist.

»Sie wollten aus ihrer Sicht neue geistige Entwicklungen darstellen«, erläutert Salmen, die vor 22 Jahren als Gründungsdirektorin das Schlossmuseum aus dem Boden gestampft hat und nun aus Altersgründen die Leitung in die Hände ihrer langjährigen Stellvertreterin Sandra Uhrig gelegt hat. Nicht alle nämlich teilten die visionären Ideen dieser radikal andersdenkenden Künstler, die dafür auch heftig angegriffen wurden. Sie lehnten alles Akademische ab, brachen mit der damals gültigen Sehweise, forderten eine Reduzierung auf die Grundformen, um den Kern, den inneren Klang freizulegen.

»Am fortschrittlichsten waren Kandinsky und Werefkin«, weiß Dr. Salmen. Und Kandinsky war es auch, der am 2. Dezember 1911 den Bruch mit der erst 1909 gegründeten Neuen Künstlervereinigung München herbeiführte, weil ein Bild von ihm aus formalen Gründen für die neuerliche Ausstellung der Vereinigung abgelehnt wurde. Blitzschnell organisierte der geschäftige Russe eine Gegenausstellung, die bereits am 18. Dezember 1911 in der Münchner Galerie Thannhauser in der Theatinerstraße die »Erste Ausstellung der Redaktion des ›Blauen Reiter»« präsentierte. Zu dieser Redaktion gehörten neben Kandinsky und Marc auch dessen Ehefrau Maria, Gabriele Münter, Heinrich Campendonk und die Vettern August und Helmuth Macke. Unter dem Leitmotiv des Heiligen Georg als Titelbild, den sie als »Heros des Geistes« im Kampf gegen den Materialismus verstanden wissen wollten, veröffentlichten sie schließlich im »Blauen Reiter« Beiträge zur zeitgenössischen Kunst, zur Musik und zum Theater – eine Art Gesamtkunstwerk, vertraten sie doch die Gleichwertigkeit völlig unterschiedlicher Dinge.

Nicht verbrieft hingegen ist die Anekdote, die zur Entstehung des Namens immer wieder gern erzählt wird. So soll Kandinsky einmal berichtet haben: »Den Namen ›Der Blaue Reiter» erfanden wir am Kaffeetisch in der Gartenlaube in Sindelsdorf. Beide liebten wir Blau, Marc – Pferde, ich – Reiter. So kam der Name von selbst.«

Heute vermarktet sich die ganze Region rund um den idyllischen Staffelsee erfolgreich als »Das blaue Land«, das natürlich das 100-jährige Jubiläum des Blauen Reiters gebührend zu würdigen weiß. In der Tourist-Information Murnau werden sogenannte »Blaue Boxen« mit Gutscheinen verkauft, die zur Spurensuche in Museen, Schlössern und Ausstellungen anregen sollen (www.blauesjahr.de).

Das Schlossmuseum Murnau zeigt noch bis zum 6. November die Sonderausstellung »Die Maler des Blauen Reiter und Japan«, die sich mit dem Einfluss der japanischen Kunst auf die Expressionisten beschäftigt. Der ehemaligen Museumsdirektorin Brigitte Salmen ist es nämlich gelungen, vor zweieinhalb Jahren aus dem Nachlass von Franz Marc japanische Tuschezeichnungen, Farbholzschnitte und Bücher zu erwerben, die dieser zu Lebzeiten gesammelt hat.

Das eigentliche Franz-Marc-Museum in Kochel am See widmet seinem Namensgeber ab dem 18. September die Sonderausstellung »Franz Marc und Joseph Beuys: Im Einklang mit der Natur«, und im Buchheim Museum am nahe gelegenen Starnberger See treffen in der Schau »Die Blaue Brücke« noch bis Ende des Jahres Alexej Jawlensky und Lyonel Feininger aufeinander.

Übrigens, der Erste Weltkrieg setzte dem überaus kreativen Schaffen des Künstlerzirkels ein jähes Ende. August Macke fiel schon in den ersten Kriegswochen, Franz Marc 1916 in Verdun. Die Beziehung von Gabriele Münter und Wassily Kandinsky zerbrach endgültig, sie zog sich nach Skandinavien zurück, er ging nach Moskau. Jawlensky und Werefkin flüchteten in die Schweiz.

Marion Schwarzmann

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