Im Elektromobil von Gießen nach Oberursel

Dahingleiten statt Rasen mit dem Twike: Unser Mitarbeiter Markus Becker ist im Elektromobil von Gießen nach Oberursel gefahren. Eine Reisebericht über die Suche nach Stromtankstellen, irritiert guckende Verkehrsteilnehmer und Fahrkomfort im spartanischen E-Mobil.
13. Juli 2011, 12:15 Uhr
Kurz vor Oberursel wartet der Elektromobil-Konvoi auf die anderen Teilnehmer, um gemeinsam am Zielort einzutreffen.

Wie komme ich am schnellsten von A nach B? Dies war schon immer eine der drängendsten Fragen der Menschheit. Mit der Einreichung des Patentantrags für das Automobil sorgte Dr. Carl Benz am 29. Januar 1886 für den Startschuss der mobilen Revolution. Doch wie so oft liegen Segen und Fluch bei einer Erfindung dicht beieinander. Auch 125 Jahre später ist heute die Problematik der für die Umwelt schädlichen CO2-ausstoßenden Autos nicht gelöst. Viele Ansätze verschwanden im Laufe der Jahrzehnte wieder in den Schubladen. Im Zentrum heftiger Debatten um die richtigen Energiekonzepte für die Zukunft steht nach wie vor vor allem die Frage im Raum, wie man die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen beenden kann.

Unsere Sommerserie kommt da gerade recht, um einen Selbstversuch zu starten. Es ist ja nicht so, dass es keine alternativen Antriebe für das Automobil gäbe, die eben nicht auf Öl und Benzin angewiesen sind. Sie haben sich nur nicht durchgesetzt - aus den verschiedensten Gründen. Ich schließe mich also einer Gruppe an, die ganz auf erneuerbare Energien setzt und mit Elektroautos unterwegs ist. Erneuerbar insofern, als die Besitzer der Elektromobile zu Hause über eine Fotovoltaikanlage verfügen, mit deren Solarstrom sie die Batterien aufladen. So weit die Theorie. Doch wie sieht die Praxis aus? Wie ist das Fahrgefühl in einer solchen Karosse, und wie steht es um Reichweite, Aufladezeiten und Sicherheit? Es wird also ernst, der Termin steht: Mit 17 Elektrofahrzeugen geht es im Konvoi von Gießen nach Oberursel, und das hat einen Grund: Der Verein Solarmobil Rhein-Main will eine Grußbotschaft von der letzten Hessentagsstadt Stadtallendorf an die diesjährige im Taunus übermitteln und damit dokumentieren, dass »eine fast CO2-freie Mobilität schon heute Alltag sein könnte«, so der Organisator Klaus Scheithauer.

Stromkabel liegen überall herum, als ich an einem sonnigen Morgen am vereinbarten Ort in Gießen eintreffe. Über den ganzen Hof verteilt stehen viele sogenannte Twikes - dreirädrige Leichtelektromobile, die Platz für zwei Personen bieten - zum Auftanken bereit. Lektion eins: Eine Zapfsäule suche ich vergebens. Die Steckdose liefert die Energie für die Fahrt nach Oberursel. Ich mische mich unter die Fahrer und lausche der Fachsimpelei. Mit Lithium-Ionen-Batterien fahren die neueren Modelle, da diese Akkus über eine mehr als doppelt so hohe Energiedichte verfügen wie die Nickel-Cadmium-Batterien, die noch in den alten Fahrzeugen stecken. In den Gesprächen geht es auch um Ampere und Spannung, wobei ich beim Thema Physik die Ohren schnell auf Durchzug stelle - ein Reflex, den ich seit dem früheren Unterricht in diesem Fach einfach nicht abstellen kann.

Dann ist es endlich so weit. Ich sitze bei Klaus Scheithauer in einem Twike ganz vorne an der Spitze des Konvois. Gas gibt er mit einem Hebel in seiner Hand, dann betätigt er die sogenannte Fahrtaste und beschleunigt. Mit dem fünf Kilowattstarken Motor geht es in dem 250 Kilogramm schweren Fahrzeug flotter voran, als ich dachte. Die Instrumente sind übersichtlich angebracht und ich schaue mich interessiert um. Angenehm ist der Frontscheibenbereich, durch den man den Himmel direkt über sich hat und keine Fahrzeugsäule die Sicht stört. Die dunklen Wolken weichen mehr und mehr der Sonne. Das Radio einschalten oder eine passende CD hören, das wäre jetzt genau das Richtige. Aber das Unterhaltungsgerät suche ich vergebens - warum erfahre ich von Scheithauer auch gleich: Er verzichte auf alles, was zusätzliche Energie verbraucht. Andere wiederum würden großen Wert auf ein Radio legen und hätten auch eines eingebaut.

Aus meinem Gefühl des Bedauerns werde ich jäh gerissen, als unser Twike über einen Bahnübergang fährt. Keine Frage, bisher saß ich bequem tief unten im Fahrzeug, quasi direkt über dem Asphalt. Das ist jetzt ein Nachteil, weil mein Gesäß die Schienen mehr als mir lieb ist spürt. Die Erinnerung bleibt haften und ich bin noch eine ganze Weile sehr damit beschäftigt, vorausschauend nach immer neuen Bahnübergängen Ausschau zu halten, um beim nächsten Mal vorbereitet zu sein. Und siehe da, ich erblicke ein weiteres Andreaskreuz. Ein Gefühl der Erleichterung macht sich erst breit, als die Schienenstränge passiert sind. Diesmal war es nicht so schlimm. Ob es an meiner Einstellung lag oder an einem eventuell weicheren Bahnübergang? Gibt es da überhaupt Unterschiede? Vielleicht sollte ich mich beim ZDF bewerben, denke ich vor mich hin. Wetten, dass ich beim Überfahren mit einem Twike fünf von zehn Bahnübergängen an der Härte der Schienen erkenne? Ein Anruf auf dem Handy Scheithauers erlöst mich von den blödsinnigen Gedanken: Zwei Konvoi-Teilnehmer haben den Anschluss verloren und fragen nach dem weiteren Weg.

Die Hälfte der Strecke ist ohne weitere besonderen Vorkommnisse absolviert. Erwähnenswert ist vielleicht noch das kurze Stück auf der Autobahn, wo mir die Autos auf den Überholspuren besonders laut in Erinnerung bleiben. Des Weiteren komme ich in den Genuss, ein Twike bei einer Geschwindigkeit von 85 Kilometern pro Stunde zu erleben. Obwohl ich auf der Autobahn natürlich ein anderes Tempo gewohnt bin, würde ich die Fahrt als schnell bezeichnen. Und noch etwas: Das Fahrgefühl ähnelt eher einem dahingleiten als einer aggressiven Raserei, die mit einem Twike nicht möglich wäre. Im weiteren Verlauf geht es über Bundes- und Landstraßen durch die Wetterau bis in den Taunus. Bei der Fahrt durch die einzelnen Ortschaften kommt es immer wieder zu den gleichen Begegnungen. Wir kommen an der roten Ampel zum Stehen und werden von den Verkehrsteilnehmern auf der Nebenspur erst einmal kritisch gemustert. Die Fahrer der PS-stärkeren und »getunten« Autos schütteln über uns den Kopf, lassen ihren Motor mehrmals hintereinander aufheulen und setzen alles daran, den Start an der Signalanlage für sich zu entscheiden. Keine Kunst bei diesem ungleichen Kräfteverhältnis. Aber auch die als gemäßigter fahrend einzuschätzenden Verkehrsteilnehmer haben für unser Twike beinahe nur verachtende Blicke übrig. Ein bisschen komme ich mir vor wie Bertha Benz, als diese im Film »Carl und Bertha« bei der Jungfernfahrt des von ihrem Mann entwickelten Automobils von der übrigen Bevölkerung belächelt wird. Kommentare wie: »Das wird sich niemals durchsetzen«, spiegelten auch damals die vorherrschende Meinung wider.

Nachdem der Elektromobil-Konvoi am Hessentag in Oberursel angekommen ist, höre ich von interessierten Passanten ganz ähnliche Töne. Aufgereiht stehen die Fahrzeuge zwischen den großen Zelten der Landesausstellung und erweisen sich als Publikumsmagnet. Und es gibt auch viel Lob von den staunenden Besuchern. Viele stutzen jedoch bei dem Preis, der bei 21 000 Euro liegt inklusive Pedalwerk zum Mittreten - ohne kostet das Twike um die 18 000 Euro. Schnell entwickeln sich eifrig geführte Debatten über das richtige Energiekonzept der Zukunft. Da auch ich gerade die erste Fahrt mit einem von einem E-Motor angetriebenen Twike hinter mir habe, gebe ich meine Sicht wieder: Ja, angenehm war das Fahrgefühl, und sicher habe ich mich auch gefühlt. Eineinhalb Stunden Fahrzeit sind auch in Ordnung, aber es ist auch Sonntag und kein Berufsverkehr. Laut war es auf der Autobahn und bei den Bahnübergängen... aber so weit komme ich nicht mit meinen Ausführungen, denn in unmittelbarer Nähe startet gerade ohrenbetäubend ein Hubschrauber der Bundeswehr und zieht das Interesse auf sich.

Im Laufe des Nachmittags legt sich das Interesse der Hessentagsbesucher an den Elektroautos, und viele Konvoi-Teilnehmer sind bereits ausgeschwärmt, auf der Suche nach einer Steckdose. Da fällt auch mir ein, dass vor der Rückfahrt ja noch aufgeladen werden muss. Die Reichweite liegt je nach Modell zwischen 80 und 150 Kilometern. Auch mein Fahrer sucht, aber nach und nach wird klar, dass zu wenige Stromverteiler zur Verfügung stehen. Eine Lösung wäre noch, in Oberursel eine »Park&Charge«-Tankstelle zu finden, die im Rahmen einer europäischen Lade infrastruktur für Elektro- und Solarfahrzeuge hier und da aufgestellt sind. Also geht es durch Besucherströme in Richtung Innenstadt auf die Suche nach der Tanke.

Bei der Ausschau werde ich den Reflex nicht los, auf die großen Tankstellenschilder der bekannten Anbieter zu achten. Ich sehe nur unzählige Anzeigetafeln mit Super- und Diesel-Preisen. Das »Park&Charge«-System macht nicht in großem Stil auf sich aufmerksam. Da kommt plötzlich ein Konvoi-Teilnehmer und zeigt den richtigen Weg. Die Freude ist groß, jetzt geht es bald nach Hause. Und als ich erfahre, dass die Stromkosten für 100 Kilometer bei nur rund einem Euro liegen, kennt meine Hochachtung beinahe keine Grenzen mehr. Nachdem das Twike an diese ungewöhnliche Tankstelle angeschlossen ist, heißt es, sich die Zeit zu vertreiben. Nicht weit steht das große Zelt mit dem HR-Treff. Eine Tasse Kaffee und ein Kaltgetränk an diesem warmen Nachmittag sind jetzt genau das Richtige. Während wir auf der festlich geschmückten Bank sitzen, erfahre ich nebenbei die Dauer der Aufladezeit: Zwei Stunden. Oh, fällt mein Kommentar wenig begeistert aus. Ich rechne. Zwei Stunden plus die Rückfahrzeit. Das wird spät. Da taucht plötzlich auf der Bühne Tony Marshall auf, als wolle er mich mit seinem Stimmungsmedley ein wenig aufheitern. »Live is life« trällert er passend zur Situation ins Mikrofon. Da kommt auf einmal wieder der Konvoi-Teilnehmer, der uns den Weg zur Tankstelle gezeigt hat. Sein Elektroauto ist fast aufgeladen, und zufällig muss er in die gleiche Richtung wie ich. Er nimmt mich mit. Die Stimmung im Zelt steigt, als Marshall eine Coverversion von »Macarena« singt - genau der richtige Zeitpunkt, um den HR-Treff zu verlassen.

Von unserem Mitarbeiter Markus Becker (Gießen/Oberursel)

Dieser Beitrag ist der 3. Teil unserer Sommerserie 2011. Wir laden Sie, liebe Leser wieder ein, unsere Redakteure durch Hessen zu begleiten. Die Journalisten sind mit ungewöhnlichen Fortbewegungsmitteln unterwegs und/oder sie besuchen besondere Orte in Hessen. Jeweils samstags werden die Geschichten vorab in der Zeitung veröffentlicht.

Bisher erschienen: Eine Berg- und Talfahrt und eine Schifffahrt.

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