12. Mai 2011, 18:05 Uhr

Gut unterhalten: »Kinder der Sonne« in Wiesbaden

Weniger Revolution geht kaum: Das Deutsche Theater Berlin zeigt Stephan Kimmigs Inszenierung des Maxim-Gorki-Stücks bei den Maifestspielen.
12. Mai 2011, 18:05 Uhr
Eine Frau (Nina Hoss) zwischen zwei Männern: Ulrich Matthes als Pawel und Sven Lehmann (r.) als Maler Dimitrij. (Foto: Martin Kaufhold)

Viele dürfen nicht mitspielen an diesem Abend im Großen Haus des Staatstheaters Wiesbaden. Regisseur Stephan Kimmig hat sämtliches Gorki-Personal, das an zaristische Zustände vor der Revolution erinnert, gestrichen. Wir sehen keine urrussische Njanja (Kindermädchen), keine Dienstboten, die mitten im Lebenskampf stehen, und vor allem wütet keine Cholera-Epidemie. Stattdessen plaudern sich sieben erstklassige Schauspieler, ebenso kurzweilig wie faszinierend, durch eine brillante Konversationskomödie. Von Maxim Gorkis revolutionärem Sprengstoff des Stücks, das er kurz nach dem berüchtigten Petersburger Blutsonntag 1905 im Gefängnis niederschrieb, bleibt nur noch das komödiantische Skelett übrig, in der sich die »Kinder der Sonne«, eine autistische, um sensible Befindlichkeiten und ausweglose Beziehungskisten kreisende intellektuelle Mittelschicht zur Identifikation fürs Publikum anbietet. Einzig in Hausmeister Jegor (Markus Graf) fasst Kimmig sämtliches Proletariat zusammen. Der tapst einmal lautstark und brutal durch den eleganten Wintergarten (Bühne: Katja Haß) und hämmert ab und zu ans vielstrebige Gerüstgestänge. Weniger Revolution geht kaum.

Währenddessen schwatzt der Rest, allen voran Ulrich Matthes als weltfremder Pawel Protassow, von einer besseren Welt, schönen Künsten und tiefer Liebe. Versponnen in seinem Wissenschaftslabor tüftelt er an Genpflanzen für die Dritte Welt, benutzt aber seine Arbeit vielmehr dazu, den anmaßenden Alltag samt störender Gefühlswelt abzublocken. Matthes Schauspielkunst, immer an den störendsten Stellen einfältig in sich hinein zu lächeln, Liebesschwüre als »unpassend« abzutun und seelenruhig Kirschen zu futtern, während seiner Ehe das Aus droht, sucht ihresgleichen.

Nina Hoss als zynische, weil stark vernachlässigte Ehefrau Jelena kann sich seinen naiven Ausrufen »Ich liebe dich doch - ich habe nur keine Zeit« nicht entziehen und wendet sich wieder von dem in sie verliebten Maler Dimitrij (Sven Lehmann) ab. Ebenso aussichtslos in Liebe entbrannt ist Katrin Wichmann als Aufsteigerin Melanija, die dem pusseligen Pawel mit ihrem Herz auch alle erwirtschafteten Reichtümer zu Füßen legt. Katharina Schüttler legt mit der an depressiven Weltschmerz und krankhafter Übersensibilität leidenden Lisa als Schwester Pawels eine darstellerische Glanzleistung hin. Von Schwarzseherei zerfressen, mummelt sie sich in übergroße Angorapullis ein und wehrt die Liebe neurotisch ab. Mit dem Selbstmord ihres Geliebten, dem Tierarzt Tschepurnoj (Alexander Khuon), der sich als »überflüssiger« Mensch erhängt, nachdem sie sein Liebeswerben ängstlich ausgeschlagen hat, weht endlich ein Hauch von Tragik durch die Szenerie. Und wenn Hausmeister Jegor zum Schluss mit den Fäusten drohend ins Publikum schreit: »Ihr werdet schon sehen« auch ein Wittern des proletarischen Frühlings. Identifikation hin oder her: Tief erschüttert oder gar unwohl in seinem Sitz, wie Maxim Gorki sich das wünschte, fühlt man sich nach diesen reizenden 100 Minuten nicht. Nur gut unterhalten. Wie im Boulevard. Bettina Boyens

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