08. Mai 2011, 18:55 Uhr

Eifersuchtsdrama von Arthur Miller in Frankfurt

Florian Fiedler inszeniert in den Kammerspielen »Ein Blick von der Brücke« im bedrückenden Bühnenbild von Vanessa Eder.
08. Mai 2011, 18:55 Uhr
Diese Liebe ist nicht mehr väterlich: Eddie (Martin Rentzsch) begehrt seine Ziehtochter Catherine (Henriette Blumenau). (Foto: Birgit Hupfeld)

Die Bühne der Kammerspiele zeigt bedrängend die ärmlichen Wohnverhältnisse, die sich ein Dockarbeiter in Brooklyns Hafenviertel Red Hook leisten kann. Ausstatterin Vanessa Eder am Schauspiel Frankfurt zeigt deutlich: Menschen, die hier wohnen müssen, sitzen in der Falle. Unerbittlich vollzieht sich in diesen Räumen das Schicksal Eddie Carbones, eines italienischen Einwanderers, dessen väterliche Liebe für seine Ziehtochter Catherine in erotische Obsession ausartet. Arthur Miller, der politischste unter den amerikanischen Dramatikern, verhandelt in »Ein Blick von der Brücke« sein Lieblingsthema Schuld und Sühne vor dem Hintergrund seiner eigenen, hilflosen Leidenschaft für Marilyn Monroe.

In der leicht versenkten Ebene, die nur ein Viertel der gesamten Spielfläche der Kammerbühne einnimmt, erzeugen die fahl gelben Küchenkacheln, die mühsam hineingezwängte Couch und die winzige Essecke, in der sich nicht einmal ein Stuhl stressfrei versetzen lässt, den Hochdruck eines Dampfkessels. Die hübsche 17-jährige Catherine kann in diesem engen Rattenloch nicht mal Kaffeewasser aufsetzen, ohne ihren lüsternen Onkel Eddie erotisch aufzureizen. Über ihre Köpfe spannt Vanessa Eder eine tief hängende, verstrebte Brücke, die zweifelsfrei auch eine Flucht nach oben vereitelt.

Florian Fiedlers Regie ist nicht frei von Selbstironie. Das von ihm konventionell inszenierte Drama beginnt damit, dass Anwalt Alfieri erst fingerdicke Staubschichten von den abgewetzten Möbeln klopfen muss, um seine Erinnerungen hervorzukramen. Altmodischer Firnis hat sich auch über die Sprache Millers, 56 Jahre nach der Uraufführung, gelegt. Wenn Ehefrau Beatrice ihren Mann begehrt, fragt sie: »Wann werde ich wieder deine Frau?«, wenn Eddie Versöhnungsversuche abwehrt, schnauzt er: »Du zählst überhaupt nicht.« In 90 gut durchdachten Premierenminuten sehen wir ein leicht antiquiertes »well made play«, dem der junge Regisseur seine würdevolle Patina belässt und auf brachiale Aktualisierung verzichtet. Allein die Kraft der freudianischen Seelenskizze befähigt das Ensemble zu stupenden Leistungen.

Da fährt Martin Rentzsch als Eddie großen Applaus ein, weil ihm der Spagat zwischen schnörkellos gutem Kerl und Fritzl-Wahnsinn meisterlich gelingt, während Henriette Blumenau ihn als seine »Madonna« Catherine mit naiven Mundküssen und lockerem Hüftschaukeln glaubhaft um den Verstand bringt. Rivale um die Gunst der Nichte ist Mathis Reinhardt, der als illegaler Einwanderer Rudolpho mit Kinski-hafter Lässigkeit das Herz der Schönen gewinnt.

Die Rolle der mahnenden Vernunft erfüllt Heidi Ecks als Ehefrau Beatrice zupackend mit Leben. Doch genau wie Michael Benthin in der schwierig zu spielenden Personalunion von Anwalt Alfieri und antik anmutendem Chor kämpft sie an hoffnungsloser Front. Eddie, blind vor Eifersucht, denunziert Rudolpho bei der Einwanderungsbehörde und verrät damit den ungeschriebenen Ehrenkodex des Red Hook. Am Ende vollzieht sich die von Georg Hensel einst beschriebene »dramatische Notwendigkeit« des Stücks. Eddie rennt tödlich in das Messer, das er selbst gezogen hat. Damit behauptete Miller eine moralische Gegenposition zu Elia Kazans Film »Die Faust im Nacken«. Anders als Marlon Brando wird bei ihm der Verräter vor dem Hintergrund der McCarthy-Ära nicht zum Helden, sondern als »Feigling« und »Ratte« bespuckt und muss mit qualvollem Tod die Schuld sühnen. Bettina Boyens

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