20. März 2011, 19:40 Uhr

Umjubelter »Rosenkavalier« in Wiesbaden

Die Neuinszenierung von Renate Ackermann am Staatstheater hält die feine Balance zwischen Lyrik und Deftigkeit. Auch die Sänger überzeugen.
20. März 2011, 19:40 Uhr
Die Marschallin (Lydia Easley, l.) liebt den jungen Oktavian (Merit Ostermann). (Foto: Kaufhold)

Am Schluss regnet es silberne Blätter - oder ist es Schnee? - zu silbernen Flötenklängen, wenn sich Oktavian und Sophie ganz nah sind. Die Premiere von Richard Strauss' Oper »Der Rosenkavalier« bekam am Samstag im Wiesbadener Staatstheater stürmischen Jubelbeifall. Zu Recht: Selten wurde eine so stimmige, gleichermaßen lyrische und tiefsinnige, dabei humorvolle und bei aller Deftigkeit nie platte Sicht in den vergangenen Jahren auf eine Bühne gebracht. Das bezieht sich nicht nur auf die hessische Landeshauptstadt, wo jetzt die vorige »Rosenkavalier«-Inszenierung mit Hermine May vor rund zehn Jahren deutlich getoppt wurde. Das liegt in erster Linie an einer Spitzenbesetzung, einer feinfühligen Regisseurin mit Sinn für Figuren, Text und Musik und dem gelungenen Bühnenbild samt Lichtregie, in dem sich Poesie und der Lauf der Zeit im Jahreszeiten-Zauber spiegeln. Die Musik kam artikuliert in allen Straussschen Facetten aus dem Orchestergraben, niemals illustrierend, sondern eng am inneren Geschehen - das vervollständigte ein überaus beglückendes Erlebnis.

Gleich zu Beginn hinein in die muntere Szene: Zu burlesken Ouvertürenklängen lieben sich die Marschallin und der junge Oktavian im Grünen. So lebendig der Einstieg, so spannend der Verlauf über die gesamten vier Stunden. Regisseurin Renate Ackermann beweist Gespür für natürliches Agieren in dieser Komödie mit Tiefsinn. Sie hebt die wesentlichen Szenen durch intensives Spiel hervor. Bei Gefühlsausbrüchen bleibt stets eine Portion Noblesse spürbar. Mit sparsamen, aber wirkungsvollen Gags wird viel gesagt: Was im hochadeligen Traditionshaushalt der Fürstin von Werdenberg das Mohrlein ist, ist bei den »bagatelladligen« Faninals ein fahrender Roboter; auch deren Kleidung ist ein wenig fortschrittlicher als die prachtvolle ausladende Robe der Zeit Maria Theresias (für zauberhafte Details stehen Michael Sieberock-Serafimowitschs Entwürfe). Das Bühnenbild aus grünen Pflanzenornamenten und weißer Gaze kommt von Marcel Keller - ein luftiges Parterre mit geometrisch beschnittenen Hecken zitiert barocke Gartenkunst und bietet Handlungsräume. Auch der dritte Akt spielt im jetzt herbstlichen Garten und nicht in einem Gasthaus, wenn sich Baron Ochs mit Mariandl trifft.

Die amerikanische, europäisch geschulte Sopranistin Lydia Easley gab eine Marschallin von natürlicher Würde und menschlich glaubhaften Reaktionen. Leuchtende Stimme, souveränes Spiel und Diktion machten Eindruck. Ihr berühmter Monolog »Die Zeit ist ein sonderbar Ding« und das melancholische Beiseitestehen zugunsten der Jugend ebenso. Das Wienerische des Librettos kam übrigens abgestuft charmant über die Rampe (für Fremde gab's Hofmannsthals Text im Übertitel). Ideal in Aussehen und Auftritt: Merit Ostermann als Oktavian. Ihr nimmt man den 17-jährigen Grafen in jeder Facette ab, ebenso wie die Unbeholfenheit als Mariandl; ein ansprechender Mezzosopran ergänzte das jungmännliche Bewegungsmuster.

Emma Pearson als Sophie ist ein bei aller Klostererziehung natürliches, energisches Mädel in pfiffigem Outfit, das ihren grobschlächtigen Zukünftigen als unerwünscht abweist. Pearsons schön tragende Stimme mit silbrigen Höhen gefiel wie immer. Sinnenfroh und schwerfällig von Begriff, dabei imposant und gut aussehend, das ist der Ochs des bühnenerfahrenen Österreichers Albert Pesendorfer mit einem warmtonigen Bass und waschechtem Weanerisch. Auch in den zahlreichen kleineren Rollen stimmte alles, und vor allem die Chorsänger machten ihre Sache blendend.

GMD Marc Piollet hielt die zwischen Spätromantik, jugendstilhafter Arabeske und neuen Harmonien geistreich changierende Klangpracht in Balance zwischen Lyrik und Dramatik, ließ die Partitur bei aller Prallheit durchsichtig bis in schöne Details hinein zu Klang werden; das Orchester ging stets konzentriert mit. Ebenso sauber die Chorarbeit von Anton Tremmel und Dagmar Howe.

Olga Lappo-Danilewski

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