»Hoffmanns Erzählungen« feiert in Frankfurts Oper Premiere

In Frankfurt haben die Frauen das Sagen. Zumindest wenn sie Olympia, Antonia und Giulietta heißen. Dann kaufen sie ihren männlichen Mitstreitern den Schneid ab. So geschehen am Sonntagabend während der Opernpremiere von Jacques Offenbachs »Hoffmanns Erzählungen«, die in einer Neuinszenierung in drei Akten von Regisseur Dale Duesing wenig lichte Momente bot, jedoch viel Schatten warf.
04. Oktober 2010, 20:28 Uhr
Gülden glänzen Kleid und Stimme: Brenda Rae (Olympia) beeindruckt als Koloratursopranistin, Hoffmann (Alfred Kim, l.) trinkt und staunt nicht schlecht. (Foto: Wolfgang Runkel)

Duesing kann auf eine Sängerkarriere zurückblicken - mittlerweile widmet sich der Bariton vermehrt dem Regiefach. Gespielt wird in Frankfurt die Fassung von Fritz Oeser, die sich auf Material des Offenbach-Experten Antonio de Almeida stützt; gesungen wird auf Französisch, dazu gibt’s deutsche Übertitel.

Duesings Inszenierung wirkt kühl und bemüht, was auch am Bühnenbild von Boris Kudlicka liegt: Ein schwarzer Quader mit Seitentüren, der weit hinten über eine Bar verfügt, die so aussieht, als habe Kudlicka sie günstig bei Ikea erstanden.

Im ersten Akt wird Püppchen Olympia in ihrem Zimmerkasten herbeigefahren, im zweiten Akt darf der obligatorische Flügel nicht fehlen, der in Frankfurt wie von Geisterhand gesteuert über die Bühne rollt, im Schlussakt wartet Kudlicka statt mit einer verruchten Lasterhöhle mit einem Laufsteg und einer kleinen schwarzen Showtreppe auf, die vom Schnürboden herabgelassen wird samt fünf diamantenarientauglichen, weil glitzernden 70er-Jahre-Disko-Kugeln, die ab und an das Publikum blenden, während zwei Table-Tänzerinnen im grün-schillernden Babydoll zeigen, dass sie sich mittels zupackender Oberschenkelmuskulatur horizontal um eine Metallstange drapieren können.

Blaue, grüne und orange Lichtstreifen (Olaf Winter) an Decke und Wänden grenzen den Spielort ein, setzen ansonsten aber keine Akzente. Das minimalistische Bühnenbild im Stil der 80er Jahre wird von den Kostümen (Arno Bremers) ergänzt: Anzüge und Mäntel im C&A-Schick. Optisch darf die Inszenierung als Einheit gelten (Sonntag war der 3. Oktober), für die Story taugt das Ambiente kaum - von »Deutschlands bestem Opernhaus«, so die jüngste Auszeichnung von der Fachzeitschrift »Opernwelt«, darf man mehr erwarten.

Duesings bedächtige Personenführung brachte wenig Spannung auf die Bühne - das lässt sich gut an Alfred Kim ablesen. Der Tenor, der zum ersten Mal den Hoffmann spielte, darf als Fehlbesetzung gelten. Der Koreaner mühte sich redlich, aber vergebens, den bankrotten, weibstollen, trunksüchtigen Dichter zu geben. Dass Hoffmann säuft, ist klar - Kim hebt ein Glas nach dem anderen und torkelt mächtig. Das macht er zu Beginn und während des ersten Aktes, und es stellt sich die Frage: Warum torkelt Kims Hoffmann immerfort? - wir wissen doch, dass er betrunken ist. Kim torkelt weiter, als sei er seekrank. Stimmlich bewegte sich der Koreaner auf dünnem Eis. In der Höhe mit brillanter Strahlkraft ausgestattet, wirkte er anfangs in der Mittellage wie zugeschnürt. Im Prolog und im ersten Akt klang der Tenor, als singe er aus einem offenen Schrank heraus. Im zweiten und dritten Durchgang konnte der Koreaner die von ihm erhofften vokalen Akzente besser setzen.

Ganz anders Brenda Rae als Olympia. Die Sopranistin demonstrierte, wie anmutig und fein Koloraturen wirken, wenn sie sauber gesungen und mit einem Legatobogen versehen sind. In der Persiflage auf Mozarts Königin der Nacht füllte sie auch optisch die Rolle des »weiblichen Automaten« gekonnt aus - für Rae gab’s immensen Schlussapplaus.

Giulietta (Claudia Mahnke) bezauberte mit voluminösem Ton - die »Barcarole« (die Hoffmann seiner deutschen Oper »Rheinnixen« entnommen hat) wurde zum Ohrenschmeichler. Sylvia Hamvasi musste kurzfristig für die an einer Stimmbandentzündung laborierenden Elza van den Heever als Antonia einspringen; sie bewältigte ihren Part eindringlich. Solide: Jenny Carlstedt als Muse.

Die Männer kamen über sangliches Mittelmaß nicht hinaus. Nur der Kroate Giorgio Surian in den Rollen der vier Bösewichter (Lindorf, Coppélius, Doctor Miracle, Dapertutto) beeindruckte bei seinem Debüt in Frankfurt mit raumfüllendem Bass. Der von Matthias Köhler einstudierte Chor sang fest und energisch.

Der Star des Abends saß im Graben. Das Orchester unter der Leitung von Roland Böer, ehemals Kapellmeister an der Frankfurter Oper und hier zuletzt mit Donizettis »Lucia di Lammermoor« und Strauss’ »Arabella« zu Gast, spielte in bestechender Form. Das »beste Opernorchester Deutschlands« (»Opernwelt«) machte seinem Titel Ehre. Böer setzte auf sparsame Agogik und zelebrierte einen seidigen Sound - so wurde die farblose Inszenierung immerhin akustisch koloriert. Manfred Merz

(Weitere Vorstellungen am 7., 10., 14., 17., 23., 29. Oktober)

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