28. Februar 2010, 17:08 Uhr

"Die tote Stadt" in Gelsenkirchen

Zu den erfreulichsten Wiederentdeckungen der 90er Jahre zählt Erich Wolfgang Korngolds Psycho-Drama »Die tote Stadt«. Das Musiktheater im Revier in Gelsenkirchenn zeigt das Werke.
28. Februar 2010, 17:08 Uhr
Das Traum-Double als Rivalin der unerreichbaren toten Marie (Majken Bjerno, Elena Kofina). Paul schaut zu (Burkhard Fritz). (Foto: Malinowski)

Zu den erfreulichsten Wiederentdeckungen der 90er Jahre zählt Erich Wolfgang Korngolds Psycho-Drama »Die tote Stadt«, das seitdem an vielen Bühnen zwischen Aachen und Hagen ausnahmslos in vorzüglichen Produktionen seine Qualitäten beweisen konnte. Das Musiktheater im Revier setzt diese Erfolgsserie fort und kann zudem durch seine besondere vokale Klasse zusätzliche Meriten für sich verbuchen.

Burkhard Fritz, vor 20 Jahren Ensemblemitglied des Gelsenkirchener Theaters, mittlerweile zur Deutschen Oper Berlin aufgestiegen, ist als Paul ein Ereignis. Die extrem anspruchsvolle und kräftezehrende Partie gestaltet er stimmlich mit eiserner Kondition, tenoraler Strahlkraft und gestalterischer Intelligenz, sodass auch die Zwischentöne zu ihrem Recht kommen. Ein Genuss par exzellence. Was die souveräne Mühelosigkeit angeht, kann Majken Bjerno als Marie da nicht ganz mithalten, überzeugt dennoch durch eine beeindruckende Leistung. Einen erfreulicherweise völlig unsentimentalen Frank und Pierrot steuert Bjorn Waag bei, und Almuth Herbst erweist sich in der kleinen Rolle der Brigitta mit ihrem edlen Mezzo geradezu als Luxusbesetzung.

Die dunkel schimmernde Leuchtkraft der Musik kostet Kapellmeister Heiko Mathias Förster angemessen aus und sorgt für einen orchestral zwar nicht übermäßig sensiblen, dafür jedoch einen umso intensiveren Ablauf des kurzweiligen und spannenden Abends. Auch szenisch steht es zum Besten. Die Handlung in Kürze: Paul verehrt seine verstorbene Gattin Marie wie eine Heilige, gestaltet sein Haus zu einer »Kirche des Gewesenen« um, bis er in der Tänzerin Marietta einem Ebenbild seiner Frau begegnet. Er sucht Kontakt zu der Doppelgängerin und entfacht ein Vexierbild der Fantasie, in dem sich Vision und Realität, Wunsch und Desillusion untrennbar mit einander vermischen.

Die morbide Dekadenz des Geschehens, das sich im düsteren Kolorit Brügges widerspiegelt, interpretiert Thilo Reinhardt als traumatischen Totentanz eines psychopathisch angehauchten Außenseiters, der sich, ganz »Psycho«-like, die Erinnerung an seine tote Geliebte mit einer mumifizierten Puppe erhalten will.

Im Unterschied zu Paul Esterhazy in Hagen und Klaus Weise in Bonn deutet Reinhardt die Möglichkeit, dass Marie einer Gewalttat Pauls zum Opfer gefallen ist, lediglich an. Das sieht das Libretto zwar nicht vor, wirkt aber in sich schlüssig.

Einfühlsam arrangiert Reinhardt die fiktiven Revierkämpfe der quicklebendigen Marietta und der Erscheinung Maries, verwebt das private Drama mit dem katholischen Ambiente, gipfelnd in einer Prozessionsszene, in der die nackte Gestalt Maries (Elena Kofina) als Bischöfin ein Heer entfesselter Skelette beherrscht. Die filmischen Anleihen, die schon Günter Krämer in Köln und an der Rheinoper hervorkehrte und die durchaus zur Musik des später auch als Filmkomponist erfolgreichen Korngold passen, hüllt Wilfried Buchholz in dunkle Bühnenbilder, in denen sich Traum und Wirklichkeit geschickt vermischen.Überflüssig sind allein Reinhardts Versuche, das Psycho-Drama politisch zu überhöhen und durch das Auftreten der kaiserlichen Familie als Chiffre des Ungergang der Habsburger-Donaumonarchie zu deuten in der einstigen Metropole Wien, in der Korngold aufwuchs und seine ersten Erfolge feierte.

Begeisterter Beifall für eine großartige Produktion, mit der das Gelsenkirchener Musiktheater seinen exzellenten Ruf bekräftigen kann.

Pedro Obiera

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