18. August 2009, 17:46 Uhr

Folgenschwere Erdenfahrt eines Gottes

Weil der Eltviller Burghof ihm versperrt ist, hat Kleists »Amphitryon« sich im lauschigen Hof des alteingesessenen Weinguts Langwerth von Simmern etabliert. Ein glücklicher Tausch! Nicht nur für die Komödianten, sondern auch das Publikum, das in der Pause und nach Vorstellungsende das parkartige Gelände zu kleinen Spaziergängen nutzen und dabei die edlen Getränke des Hauses probieren und genießen kann.
18. August 2009, 17:46 Uhr
Jupiter (Henning Kober) umschwärmt Alkmene (Alexandra Sydow). (Foto: Festspiele)

Bühnenbildner Reinhard Wust (Staatstheater Wiesbaden) hat für Andreas Machs wohldurchdachte Interpretation des klassischen Stoffs vor den sich im Abendwind wiegenden riesigen Bäumen ein breites Spielpodest installiert, das von einem durch verschiebbare große Steinquader unterbrochenen Palisadenzaun begrenzt wird. Wir befinden uns in Theben, wohin Jupiter, der oberste der Götter, der eine Liebesnacht mit Alkmene, der treuesten aller irdischen Ehefrauen zu verbringen gedenkt, den verkleideten Merkur als Boten vorausgeschickt hat.

Kleist nennt sein Stück ein Lustspiel. Doch in Wirklichkeit ist es eher eine bitterböse Tragikomödie mit einer schuldlosen jungen Frau im Zentrum, der aufs Übelste mitgespielt wird. Sie erzählt von Macht und Willkür, Langeweile und Genusssucht des Olympiers, der mit den Menschen wie mit Marionetten umspringt, sie zu hilflosen Spielbällen seiner Eingebungen macht und am Ende sich selbst überlässt. Das es dem Stück dennoch an Humor und köstlicher Situationskomik nicht mangelt, zeigen die munteren Auftritte des niederen Paares, vor allem aber die herrliche Szene mit den beiden Dienern, die mit urkomischen verbalen Attacken und einer handfesten Prügelei auf die unglaubliche Geschichte einstimmt.

Die von Jupiter herbei geführte Begegnung des versoffenen echten Sosias, dessen Herr sich gerade auf irgendeinem Kriegsschauplatz herumtreibt, und dem als Sosias verkleideten Merkur, der auf der Erde für heillose Verwirrung zu sorgen hat, ist neben der glänzend gespielten, entlarvenden Schlussszene die beste des Abends. Beide werden vom Publikum stürmisch gefeiert! Harald Schwamm brilliert in der Partie des »echten« Sosias, der von seinem Weib mehr verachtet als geliebt wird. Alkmenes Dienerin sehnt sich nach Besserem. Zu einem Problem wird die »Selbstfindung« freilich für den früher als erwartet vom Kriegszug heimkehrenden Feldherrn, der zu Hause alles so seltsam verändert findet und nicht, wie erhofft, von einer ihn sehnlichst erwartenden Gattin begrüßt wird.

Nach allerlei Verwirrungen macht Jupiter endlich Schluss mit der Quälerei. Er hat seinen Spaß gehabt, lässt die Maske fallen und schenkt allen reinen Wein ein. Aber er ist nicht undankbar. Als kleines Dankeschön für gewährte Lust und Liebe hinterlässt er Alkmene ein Göttergeschenk, an dem sie noch neun lange Monate zu tragen haben wird. Glücklich scheint es die Ärmste nicht zu machen, wie ihr ratloses, vieldeutiges »Ach« bekundet...

Gespielt wird mit großer Flexibilität, viel Temperament, Witz und sichtbarer Freude am turbulenten Geschehen: Allen voran Harald Schlamm als gebeutelter Sosias, der aus seinen Auftritten kleine Kabinettstückchen macht, gefolgt von Timo Klein als Amphitryon und Alexandra Sydow als schändlich betrogene, treue Alkmene. In der Rolle der Dienerin Charis glänzt Franziska Geyer mit Bühnenpräsenz, als Jupiter/Amphitryon Henning Kober und in der Partie des blitzschneller Götterboten, Helfers in Liebesdingen und falschen Sosias Bruno Lehan.

Langer, herzlicher Beifall für einen nicht nur lustigen Abend: Die folgenschwere Erdenfahrt des dem öden Olymp für eine Nacht voller erhoffter Seligkeit entflohenen geilen Gottes, der einmal tief ins volle Menschenleben greifen wollte.

Britta Steiner-Rinneberg

(Eltviller Burghofspiele bis 30. August. Karten über Telefon 06123/907171)

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