07. Juni 2009, 18:58 Uhr

Urgewalt des Rhythmus mit Pauken und Trommeln

Die Weilburger Schlosskonzerte zählen längst zur ersten Liga sommerlicher Musikfestivals in Deutschland, die mittlerweile Publikum über Landesgrenzen hinweg anlocken. Zum Auftakt der 37. Saison am Freitag und zugleich zu dem 1000. Konzert der Reihe war der Schirmherr persönlich gekommen: Henri, Großherzog von Luxemburg und Herzog von Nassau, dessen Ahnherr einst hier in der Lahnstadt residierte.
07. Juni 2009, 18:58 Uhr
Die Solistin Vilde Frang (Violine) gefiel bei ihrem Auftritt in Weilburg. (Foto: jou)

Eine Polizei-Eskorte begleitete die dunkle Limousine mit Wappenfahne eine halbe Stunde vor Konzertbeginn zum Schlossplatz. Der hochrangige Gast aus dem Nachbarstaat wurde dort von Bürgermeister Hans-Peter Schick in Empfang genommen, der mit seiner Amtskette wesentlich prächtiger aussah als der schlicht auftretende Souverän; ihm bot eine historisch gekleidete städtische Ehrengarde Salut. Volksnah gab sich die Königliche Hoheit auch in der Schlosskirche und nahm nicht »abgehoben« in der Fürstenloge im ersten Stock Platz, sondern im Parterre. Dem Jubiläumsereignis vorangegangen war in der Schlossstraße die Einweihung einer Büste Johannes Meyers, der die erfolgreiche Konzertreihe 1972 ins Leben gerufen hatte.

Zum 1000. Konzert hatte sich der Künstlerische Leiter Karl Rarichs ein dem Anlass und dem Ruf der Schlosskonzerte entsprechend interessantes Programm ausgedacht und dazu die optimale Besetzung gefunden. Langjährige Gäste sind die Brüder Joseph und Anthony Paratore, die an diesem Abend virtuos zwei Klaviere bedienten. Dazu kam das sechsköpfige Schlagzeugensemble Babette Haag, ein klingender Name für Kenner. Und der Bachchor Mainz unter Ralf Otto ist bekanntlich nicht nur für Vokalwerke des Thomaskantors zuständig, wie er am Freitag nachhaltig bewies: Perfektion in Dynamik, Exaktheit in Diktion und Plastizität in der Klangnuancierung - einmal abgesehen von der Homogenität des Gesamteindrucks.

Schon der erste Teil des Abends bot Außergewöhnliches: Béla Bartóks Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug. In dem dreisätzigen Opus wirkten die zwei »Stimmen« Pauken und Xylophon neben den Tasteninstrumenten gleichrangig, gaben Farben zum Klavierklang, setzten kontrapunktische Motive und übernahmen auch einmal die Hauptstimme. Anders in Gershwins »Rhapsody in Blue«: Hier verstärkt das Schlagwerk die Klaviere. Das Stück wirkt in dieser Besetzung ungleich jazziger und härter als im viel später entstandenen Orchesterarrangement, das eher den Swingcharakter unterstreicht.

Nach der Pause brillierte der Chor in Carl Orffs »Carmina burana«. Das populäre Werk mit seiner lebensprallen Auswahl mittelalterlicher Vagantenlyrik, von Trinkliedern, Parodien und Liebesgedichten wurde ohne Orchester, nur mit vielfältigem Schlagzeug und den obligatorischen zwei Klavieren aufgeführt. Der Dirigent überzeugte mit seinem Sinn für Klarheit kompositorischer Strukturen. Ein fulminantes Ereignis war diese »Carmina«-Interpretation, die dem elementaren, archaischen Charakter Rechnung trug, die Schlosskirche zum Erbeben brachte - und das begeisterte Publikum zum Toben. Beeindruckend die Leistung vor allem von Babette Haag, die nicht nur mit Pauken und Trommeln kraft- und temperamentvoll die Urgewalt des Rhythmus physisch erleben ließ, ergänzt von eingespielten Mitstreitern. Idealbesetzungen auch die Solisten, die mit Stilgefühl die Inhalte herüberbrachten: Für den erkrankten Bariton Konrad Jarnot war Klaus Häger eingesprungen, ausdrucksstark und umwerfend komisch als »Abbas Cucaniensis«. Die silbersüße Stimme von Valentina Farcas gab den Liebesszenen Atem, und der helle Tenor von Daniel Sans hauchte dem armen gebratenen Schwan Leben ein. Kinder des Mainzer Domchores ergänzten die Aufführung.

Nach diesen außergewöhnlichen Programmpunkten ging nichts ohne Zugaben. Die Brüder Paratore boten vor der Pause eine eigene Bearbeitung von Saint-Saëns »Karneval der Tiere«, und nach dem machtvollen »O Fortuna«-Chor setzte die Wiederholung der »Königin von Engelland« den knalligen musikalischen Schlusspunkt. Olga Lappo-Danilewski

Geigerin Vilde Frang betörte am Samstag

Beim zweiten Konzert am Samstag widmete sich das Württembergische Kammerorchester Heilbronn unter Leitung seines Chefdirigenten Ruben Gazarian zwei gewichtigen Kompositionen von Ludwig van Beethoven. Heftige, mit geballter Kraft gespielte Tutti-Schläge markierten den Beginn der Ballettmusik »Die Geschöpfe des Prometheus« op. 43. Es folgte eine melodiöse Passage, in der das Orchester große Spannung aufbaute, die sich im virtuosen, in straffem Tempo dargebotenen Allegro-Teil der Ouvertüre entlud. Gazarian dirigierte meist mit sparsamen Gesten - das Orchester spielte routiniert, die dramatischen Akzente saßen, ebenso präzise glückte das rhythmische Zusammenspiel.

Die transparente, dynamisch kontrastreiche Musizierweise bestimmte die ganze Komposition. Rastlos-schnellen Passagen standen langsame, in aller Ruhe dahinströmende Teile gegenüber; nichts wirkte gehetzt, vielmehr waren die Tempi genau ausgelotet. Federnd gerieten tänzerisch-leichte Nummern, während heroische Abschnitte in ihrer Pfeffrigkeit mitrissen, so temperamentvoll brachte sie das Orchester zu Gehör; die wohldosierte klangliche Schärfe der Blechbläser trug erheblich dazu bei.

Nach der Pause nahm die aus Oslo stammende, seit 2003 in Hamburg studierende Geigerin Vilde Frang (Jahrgang 1986) im Violinkonzert D-Dur op. 61 das Auditorium für sich ein. Sie wartete im Kopfsatz mit recht feiner, heller und stets wohlklingender Intonation auf und erwies sich als sensible, intensiv mit dem Orchester interagierende Musikerin. Dynamisch zurückgenommene, subtil ausgehorchte Passagen muteten ungemein tiefgründig an. Das Orchester ließ Frang unter Gazarians empathischer Leitung genügend Freiraum. Die emotional vielschichtige Interpretation beeindruckte nachhaltig; auch Details wie die Gestaltung der Gegenbewegung in den zweistimmigen Abschnitten der Solokadenz gefielen. Im Larghetto betörte Frangs kantable, dabei schlanke, nie dick aufgetragene Tongebung. Die Musik bot viele besinnliche Momente, ohne sich vordergründig aufzudrängen. Selbst zarteste Pianissimi gelangen der Solistin ausdrucksvoll. Das Rondo-Finale rundete den hervorragenden Gesamteindruck ab. Sascha Jouini

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