Die Regio-Tram ist am Samstag ein allgegenwärtiges Thema. FOTO: CSK

Viel Raum für neue Ideen

Der Ludwigsplatz als großes Freiluft-Wohnzimmer: So wirkt es beim Aktionstag zur Verkehrswende am Samstag. Die Teilnehmer reparieren, informieren und diskutieren insgesamt sieben Stunden lang, was das Zeug hält. Für Zündstoff sorgt die Verschiebung eines zugesagten Berichts.

Mitten auf der Straße lassen Jan Buck und Filis Yücel die Gedanken schweifen. "Man muss nicht nur den Autoverkehr reduzieren, sondern auch baulich dringend etwas ändern", sagt Buck, lässig im Gartenstuhl hockend, während sich hinter ihm die Pkw-Schlange einspurig über den Ludwigsplatz schiebt. "Ein bisschen weniger Asphalt wäre schon nicht schlecht", ergänzt Yücel, ehe unweit von ihr ein Stadtbus um die Ecke schleicht, als leide sein Motor unter Schluckauf. Der Aktionstag zur Verkehrswende am Samstag beginnt mit diesem Bild - und auf jeden Fall eher entspannt als aktivistisch. Wo sonst Autos, Lkw und Busse um die Kurve in Richtung Berliner Platz oder zur Grünberger Straße heizen, animieren Vereine und Initiativen mit Infoangeboten und Diskussionen, Spiel und Spaß zum gemütlichen Verweilen.

Das Spektrum der Teilnehmer reicht von ProBahn bis zu Extinction Rebellion. Beim AStA der Justus-Liebig-Universität kann man Seite 16in der "Do it yourself"-Fahrradwerkstatt platte Fahrradreifen mit Luft aufpumpen und öde Fahrradklingeln mit Nagellack aufpimpen. Gleich nebenan lockt wahlweise ein Solarenergie-Verein oder die Initiative Gießen tierversuchsfrei. Auf dem Asphalt reiht sich ein mit Kreide gemalter, bunter Slogan an den nächsten. Außer Plastikstühlen sorgen Blumentöpfe, Teppiche und andere Accessoires trotz allen immer wieder mal zu hörenden Flüchen seitens mancher Autofahrer ("Das ist hier eine Straße und kein Kinderspielplatz!") beinahe schon für Wohnzimmeratmosphäre unter freiem Himmel.

Ungefähr zur Halbzeit des Straßenfestes wird es kontrovers. Den Auftakt macht Lutz Hiestermann von der Kampagne "Gießen 2035Null". Als das Stadtparlament den Bürgerantrag für eine klimaneutrale Stadt bis zum Jahr 2035 im Herbst annahm, sei er "sehr positiv gestimmt" gewesen, sagt Hiestermann. Heute lebe er in der "Phase der Desillusionierung". Der Ärger entzündet sich daran, dass der vom Magistrat für Ende April zugesagte Bericht über Ergebnisse interner Arbeitsgruppen in den September verschoben worden sei. Ohne "Gießen 2035Null" vorab zu informieren, sagte Hiestermann.

Die Aktivsten befürchten, das Thema könne - erst recht in der Coronakrise - mehr oder weniger unbemerkt aus dem Mittelpunkt des Interesses verschwinden. Als Symbol dafür dient ihnen am Samstag eine Aktion, bei der drei Klimaschützer ein Paket "auf die lange Bank" schieben. Kleine Fortschritte, etwa neue Fahrradstraßen, reichten nicht, sagt Hiestermann. Der Klimaschutz brauche "große Veränderungen": Später nehmen Alex Wright (Grüne), Christopher Nübel (SPD) und Stefan Häbich (Linke) Stellung zu Forderungen von "Gießen 2035Null". Nübel verteidigt die Stadtpolitik gegen Hiestermanns Vorwürfe: Corona habe Gremiensitzungen sowie die vorgesehene Bürgerbeteiligung erschwert und den Zeitplan so über den Haufen geworfen.

Fahrraddemo über den Anlagenring

Weiter geht der Aktionstag, der mit Fahrradsternfahrten aus allen Himmelsrichtungen und entlang möglicher Regio-Tram-Linien begonnen hatte, bei einer Fahrraddemo in der Innenstadt. Vom Berliner Platz führt sie die schätzungsweise 200 Teilnehmer über den Anlagenring und weiter in die Nordstadt, wo die Aktivisten ebenfalls mögliche Standorte für Tram-Haltestellen sehen, und dann über die Marburger Straße zurück zum Berliner Platz. Dort endet das Programm nach insgesamt sieben Stunden mit einem Expertenvortrag - zu Erfahrungen mit der Regio Tram in Kassel.

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