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Rad und Reben

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Bergig geht es los vom Neustädter Bahnhof in Richtung Edenkoben, bis der schmale Weg mit dem Fahrradsymbol erreicht ist. Er führt an Weinstöcken entlang, die voller blauer und grüner Trauben hängen. Auf einer Lichtung sitzen Kinder auf dem Boden, anscheinend ein Schulausflug. Sie picknicken und zeigen die Richtung nach Maikammer an, als der Ortsfremde nach dem Weg fragt. Ein Junge schaut sehnsüchtig auf das Fahrrad. "Wir müssen den ganzen Weg zu Fuß machen", sagt er.

Der Radler fährt zunächst die südliche Weinstraße entlang durch idyllische Winzerorte wie Hainfeld oder Rhodt, durch die ehemalige Festungsstadt Landau bis ins Thermenparadies Bad Bergzabern. Auf der Strecke sind einige Steigungen zu überwinden. Morgens ist früher Start angesagt, um die etwa 40 bis 60 Kilometer lange Tagesetappe zu schaffen und mittags eine gemütliche Pause in einem Weingut oder Gasthaus einzulegen oder sich einen lauschigen Rastplatz im Wald zu suchen.

Für Letzteres hat sich ein Paar aus Frankfurt entschieden und kurz vor Edenkoben die Vesper ausgepackt. Sie hätten gerade ein Weingut besucht, erzählen sie, und bieten dem Radfahrer kühlen Gewürztraminer und Käse an. Beflügelt fährt er nach Landau auf den attraktiven Rathausplatz. Sehenswert ist auch die moderne bronzene Statue vor der gotischen Stiftskirche, die Martin Luther mit einer aufgeschlagenen Bibel unterm Arm zeigt.

Auf der Etappe von Bad Bergzabern nach Rastatt zieht das Weintor in Schweigen viele Radler und Wanderer an. Von dort führt der idyllische deutsch-französische Pamina-Radweg über das malerische Wissembourg nach Lauterbourg, dem östlichsten Dorf Frankreichs. Wie durch ein grünes Paradies geht es an ruhigen Altrhein-Armen und verschlungenen Auwäldern vorbei zur Fähre von Seltz nach Plittersdorf und schließlich in die ehemalige badische Residenzstadt Rastatt. Dort leuchtet das angestrahlte Barockschloss mit einem goldenen Blitze schleudernden Jupiter auf dem Dach bis weit in die Altstadt. Cafés und Restaurants sind gut besucht. Gelegentlich muss der Radler nach dem Weg fragen und bekommt meist freundliche Auskunft. Etwa bei Wörth am Rhein schreibt "Maler Hans", wie sich der Pfälzer in Arbeitskleidung vorstellt, die Route sogar sorgfältig auf ein aus dem Notizbuch herausgerissenes Blatt.

Bei Neuburg wird der Rhein wieder mit der Fähre überquert, um den Weg nach Germersheim einschlagen zu können. In der ehemals königlich-bayerischen Festung ist das Zeughaus mit dem Deutschen Straßenmuseum bemerkenswert. In Speyer steht der romanische Kaiserdom mit den Gräbern mittelalterlicher Herrscher und Bischöfe auf dem Programm. Wenige Schritte weiter im Historischen Museum der Pfalz ist nicht nur der Domschatz zu bewundern, sondern auch ein Hollywood-Star - in der sehenswerten Ausstellung "Die unbekannte Marilyn Monroe".

Ebenfalls geschichtsträchtig präsentiert sich Heidelberg als Zentrum der historischen Kurpfalz mit der ältesten deutschen Universität, die aktuelle Eliteforschung betreibt. Wie sehr studentisches Leben und der boomende Tourismus die Altstadt prägen, zeigt der abendliche Bummel. An der Alten Brücke posieren Besucher aus aller Welt für Fotos mit dem Neckar im Abendrot und dem beleuchteten Schloss als Hintergrund.

Bei der Weiterfahrt nach Worms empfiehlt sich eine Pause in Ladenburg am Neckar. Am Marktplatz der Kleinstadt mit Marienbrunnen und Fachwerkhäusern schweift der Blick zur Kirche mit zwei giebelgeschmückten Türmen. Im Innern von St. Gallus wird gerade aufgeräumt. Ein Mann spricht den Radler an, da er selbst gerne solche Touren macht. "Ladenburg ist die älteste deutsche Stadt rechts des Rheins", sagt er. Römerkaiser Trajan habe 98 n. Chr. die ehemals keltische Siedlung zur Stadt Lopodunum erhoben. Doch auch der Moderne trägt Ladenburg mit dem Carl-Benz-Haus Rechnung, in dem der Autopionier fast 25 Jahre bis zu seinem Tod 1929 lebte. Die Ausstellung in der Villa ist seinem Leben gewidmet, während das Museum in seinen ehemaligen Fabrikhallen historische Benz-Fahrzeuge zeigt.

Luther in Worms

In Worms ist dann noch einmal Luther zu bewundern. Nicht weit vom ehemaligen Bischofshof entfernt, auf dem sich der Reformator vor Kaiser Karl V. weigerte, seine Thesen zu widerrufen, befindet sich seit 1868 das weltweit größte Luther-Denkmal mit einer dreieinhalb Meter hohen, gusseisernen Statue. Darüber staunen auch Spencer und Margaret, ein Ehepaar aus Vancouver. Sie machen gerne Radtouren in Europa, um anschließend Verwandte in der irischen Heimat Spencers zu besuchen. An Rhein und Neckar entlangzufahren, finden sie faszinierend. Und natürlich besichtigen sie den Wormser Kaiserdom St. Peter. Bei der letzten, kurzen Etappe von Bad Dürkheim nach Neustadt locken noch einmal prächtige Weingüter an verwinkelten Straßen, etwa in Forst oder Deidesheim, und Weinlagen mit herrlicher Aussicht, in denen junge Winzer ernten.

In Neustadt, dem Start- und Endpunkt der Reise, wartet die mittelalterliche Altstadt und wenige Kilometer entfernt das Hambacher Schloss. Hier fand am 27. Mai 1832 das Hambacher Fest statt, als bis zu 30 000 Teilnehmer von Neustadt zur damaligen Schlossruine, zogen. "Sie kamen aus allen Schichten und forderten bürgerliche Freiheiten und die deutsche Einheit", sagt die Historikerin Daniela Kreh, die durch die Ausstellung führt. Auch die originale, damals gehisste schwarz-rot-goldene Fahne ist zu sehen. Der Besucher kann sich sogar wie damals kleiden und eine Rede halten. Der grandiose Ausblick vom Burghof über die Rheinebene, zu Schwarzwald und Odenwald ist das letzte Highlight auf des Radlers Reise. Paul Janositz

Veranstalter:Die beschriebene Radreise wird als individuelle Tour von Eurobike durchgeführt. Start und Ende sind in Neustadt. Die ersten sechs Etappen sind zwischen 40 und 60, die letzte 20 Kilometer lang. An Rhein und Neckar ist die Strecke eben, entlang der Deutschen Weinstraße teilweise hügelig. Weitere Infos im Internet: www.eurobike.at

Weinfeste:Deutsches Weinlesefest vom 2. bis 14. Oktober in Neustadt sowie Speyerer Weinprobe, 5./6. Oktober. Übersicht über weitere Veranstaltungen in der Pfalz: www.pfalz-weinfeste.de.

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