Oasenstadt aus 1001 Nacht

Wenn Said die Schleuse öffnet, dann geht’s los: Mit aller Kraft sprudelt das klare Wasser in die schmalen Gräben, um die angrenzenden Felder und Palmen zu versorgen. Es gibt ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem in der Oasenstadt. Schmale Gräben ziehen an den mehrstöckigen Häusern aus Lehm vorbei. Bewohner können das Wasser bestellen, abgerechnet wird pro Stunde.

Es ist eine Reise zu den Wurzeln meiner angeheirateten Familie, die mich in die Wüste führt. Ein Roadtrip mit den Schwiegereltern vom Meer an der Atlantischen Küste bis hin zu den gewaltigen Sanddünen in der Wüste. Es geht von Agadir über Taroudant und Quarzazate bis hin nach Merzouga nahe der algerischen Grenze. Kurz davor: Ksar Touroug - eine Oasenstadt aus 1001 Nacht.

Die Arbeit im Krankenhaus hatte meine Schwiegereltern vor einigen Jahrzehnten nach Taroudant geführt. Jener Stadt mit ihren gewaltigen Stadtmauern und unendlich vielen Toren, die ganz besonders für eine Sache bekannt ist: Argan. Wenn Ziegen auf die stacheligen Bäume klettern, haben die Touristen ein schönes Fotomotiv. "Gibt es in Deutschland keine Ziegen?", fragt der zwölfjährige Yassin. Er hat gerade Sommerferien und hütet die Herde seines Onkels zu der auch 20 Kamele gehören. "Klettern die Ziegen in Deutschland nicht auf Bäume?"

Unser 655 Kilometer langer Weg in die Wüste zeigt noch mehr Schätze, die Marokko zu bieten hat. Als die Arganbäume immer seltener werden und sich die Hügel des Kleinen Atlasgebirges erheben, erreichen wir Taliouine - die Safranstadt. Von September bis Dezember ist dort Erntezeit für die kostbaren roten Fäden - des teuersten Gewürzes der Welt.

Eine andere Welt

Zwei Stunden später fahren wir durch Taznakht, die Stadt der Teppiche, in der Frauen in Kooperativen die farbenfrohe Stücke fertigen. Auf der Hälfte der Strecke liegt Quarzazate. Es gibt viele Touristen hier, aber jetzt ist es nicht überlaufen. Die Hauptreisezeit nach Marokko liegt vor und nach den heißen Sommermonaten.

Majestätisch thront Ait Ben Haddou am Rande eines Tals und es ist kaum verwunderlich, dass die alte Stadt schon Schauplatz vieler Hollywoodfilme war. Überhaupt hat sich Marokko in den vergangenen Jahrzehnten zu einem beliebten Filmproduktionsland gemausert. Vom "Hollywood aus der Wüste" wird gerne gesprochen und die Atlas-Studios in Quarzazate vermitteln mit ihren Kulissen einen Eindruck davon.

"Ab hier fängt eine andere Welt an", kündigen meine Mitreisenden nach einigen Kilometern an. Jetzt sprechen die Menschen meist Berberisch - so wie meine Familie. Wir durchqueren El-Kelaâ M’Gouna, die Rosenstadt. Danach wird die Landschaft immer karger und zum ersten Mal stehen Verkehrsschilder mit Kamelen am Straßenrand. Am Horizont sieht man sie in einer Karawane vor der Kulisse der Atlas-Berge laufen.

Es ist schon Abend, als wir in Touroug ankommen, wir breiten Teppiche auf dem Dach des Hauses aus und schlafen wie viele der Nachbarn rings um uns herum unterm Sternenhimmel. Der kühle Abendwind wiegt die Palmen sacht hin und her.

Am nächsten Morgen werden wir jäh von einem brüllenden Esel geweckt. Die Frauen des Dorfes - viele tragen die für den Ort typischen schwarzen Tücher mit neonfarbenen Stickereien - gehen zu den Feldern, um Futter für ihre Tiere zu holen. Wir treffen Onkel Brahim, den Bäcker. Er sitzt im kühlen Flur des Hauses und trinkt Tee. An normalen Tagen backt er ab drei Uhr morgens einige Hundert Brote, an Tagen, an denen eine Hochzeit ansteht, sind es mehr als tausend. Die Marokkaner, die in Frankreich und Spanien leben, kommen in den Sommermonaten wieder zurück in ihre alte Heimat. Es gibt Monate, da finden deswegen an jedem Wochenende mehrere Hochzeiten an einem Abend statt.

Da ist auch gerade Cousin Lhou, der uns alte Häuser der Familie zeigen will. In der Kasbah Ighrem, in der Ortsmitte, stehen sie, verwinkelt mit labyrinthhaften Gängen und Wegen. "Alles verfällt", sagt Lhou und Bedauern schwingt in seiner Stimme mit. "Jederzeit können sie einstürzen." Wir haben Glück und treffen einen der letzten Bewohner. Ohne zu zögern bittet uns Omar Lhouche hinein. Im ersten Stock nehmen wir auf dem Boden Platz und trinken kühles Wasser aus seinem Tonkrug. Ein kleiner Fernseher mit Antenne steht im Regal. Der Mittfünfziger möchte es bewusst so wie früher haben. Sie haben auch ein Haus am Ortsrand gebaut, berichtet er, aber er sei lieber hier. "Hier ist es schön kühl im Sommer", sagt er und blickt auf seine Schafe. Ihr Stall ist im ersten Stock und beim Anblick ahnt man, wie das Leben hier früher war.

Nur noch wenige interessieren sich für die Altstadt. Viele bauen außerhalb moderne Gebäude. Generell wird in Marokko viel gebaut. Touristenhochburgen entstehen in Windeseile wie beispielsweise im Surferparadies Thaghazout nahe Agadir.

Auch meine Schwiegereltern sind im Baufieber, am Haus wird an-, um- und hochgebaut, denn schließlich halten sie sich nun die meiste Zeit des Jahres in Touroug auf. Kommen sie nach einigen Wochen in Taroudant wieder dorthin, gibt es ein bestimmtes Ritual: Mehrere Eimer Wasser schüttet meine Schwiegermutter mit Freundinnen die Marmortreppe hinunter - so versuchen sie den Sand, den der Wind ins Haus geweht hat, wieder loszuwerden.

Dabei sind die gewaltigen Sand- dünen der Sahara noch gut 100 Kilometer entfernt. Die Straße dorthin teilen wir uns mit den kleinen, weißen Touristenbussen. Doch jetzt, in der Mittagszeit, ist wenig los in Merzouga, denn frühmorgens oder spät- abends sollte man die Dünen erklimmen. Während meine Schwiegermutter im brennend heißen Wüstensand ein Sandbad nimmt, gesellen wir uns in den Schatten zu den Männern, die Besuchern den Weg in der Wüste zeigen, und träumen von den Wassergräben in Touroug, in die wir jetzt zu gerne eintauchen würden. Nastasja Akchour-Becker

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