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Wo das Meer nie weit weg ist

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Manchmal kommt ein Auto. Ungefähr alle 20 Minuten. Und wenn einmal mehrere hintereinander fahren, hat mit ziemlicher Sicherheit kurz zuvor eine Fähre angelegt. Weil es sonst meistens ruhig ist dort auf den Inseln zwischen Finnland und Schweden, auf den Åland-Inseln. Zumindest was menschengemachte Geräusche angeht. Was jedoch immer zu hören ist: der Wind, das Meer, die Vögel.

6700 Inseln und Schären gehören zu Åland. Manche von Menschen bewohnt, andere so klein, dass nur Möwen darauf sitzen. Die größte Insel heißt Fasta Åland, was Festland bedeutet. Vom nördlichsten zum südlichsten Zipfel sind es gerade einmal knapp 50 Kilometer. Die Wege sind kurz auf Åland.

29 000 Menschen leben auf den Inseln. Das sind nicht viele, und das merkt, wer auf Åland unterwegs ist. Auf Kumlinge zum Beispiel. 308 Einwohner hat die Gemeinde, die sich auf vier Inseln verteilt. Einen Lebensmittelmarkt gibt es, um 17 Uhr schließt er seine Türen. Wer die Insel verlassen will, muss ein eigenes Boot haben oder auf die täglich verkehrenden Fähren warten.

Die einzige Stadt

Die Uhren gehen hier anders; so fühlen sich vor allem die östlichen Inseln wie Kumlinge und Brändö an. Langsamer irgendwie, gemächlich. Eben so, als haben die Menschen schon vor langer Zeit gelernt, was es bedeutet, mit dem Meer zu leben.

So ist es überhaupt in ganz Åland: leiser, ruhiger, leerer. Sogar in der Hauptstadt, die zugleich die einzige Stadt auf Åland ist (sonst gibt es zwar Ansiedlungen, größer als Dörfer sind sie aber nie).

Mariehamn nennen die Åländer ihre Hauptstadt. Ein schwedischer Name. Die Finnen hingegen sagen Maarianhamina. Doch obwohl Åland offiziell zu Finnland gehört, wird dort Schwedisch gesprochen. Das liegt an der Geschichte der Inselgruppe. Dort, mitten in der Ostsee zwischen Schweden und Finnland, ist Åland in den vergangenen Jahrhunderten nicht selten Schauplatz internationaler Machtspiele und Konflikte geworden. Die Schweden waren dort, die Russen, kurz auch die Deutschen.

Schließlich, im Jahr 1921, wurde die Inselgruppe zur politisch autonomen Region. So haben die Åländer ein eigenes Parlament, das zum Beispiel über das Bildungssystem oder die Finanzen entscheidet.

Ein überall sichtbares Symbol der Autonomie ist die Flagge. Blauer Hintergrund, gelb-rotes Kreuz: Diese Fahnen wehen in allen Ecken der Inseln - ob im entlegensten Winkel der östlichen Schären oder in Mariehamn.

Dort setzen viele Reisende zum ersten Mal ihren Fuß auf die Åland-Inseln. Die meisten von einer Fähre (es gibt aber auch einen Flughafen) - täglich verkehren zahlreiche zwischen Schweden im Westen und Finnland oder Estland im Osten mit Zwischenstopp in Mariehamn.

Das Zentrum des überschaubaren Städtchens (11 000 Einwohner) besteht aus einer Straße mit ein paar Abzweigungen. Einige Restaurants gibt es hier, ein Geschäft für Anglerzubehör, ein kleines Kaufhaus für Kleidung. Man bekommt alles, was man braucht, und wer mehr will, muss woanders als auf den Åland-Inseln danach suchen.

Für eine Rundreise ist ein bisschen (aber wirklich nur ein bisschen) Planung erforderlich: Wann und was man essen, wo man übernachten will, da die Öffnungszeiten von Lebensmittelläden und (den wenigen) Restaurants begrenzt sind, und da auch nicht an jeder Ecke ein Zimmer oder ein Campingplatz zu finden ist.

Vor allem Fahrradtouristen zieht es nach Åland. Die Strecken sind überschaubar lang, die Steigungen weder groß noch lang. Und, der Reiz daran: Die kilometerlangen Straßen am Meer (manchmal solche, die zwei Inseln verbinden), die Strecken durch die Wälder, vorbei an Wiesen, sind kaum besser wahrzunehmen und zu erkunden als mit dem Rad.

Auf Åland gibt es ein gut ausgebautes Radwegenetz. Und selbst wenn es keinen Fahrradweg gibt: Auf den meisten Straßen ist ohnehin nichts los.

Eine beliebte Strecke ist die alte Postroute. Sie führt über ganz Fasta Åland zu den kleinen und den entlegensten Inseln. Sie stammt aus einer Zeit, in der das Leben mitten im Meer noch härter war. Ab 1663, Åland gehörte damals zum schwedischen Reich, verlief die Route von Stockholm über Turku nach Sankt Petersburg. Die Bauern auf Åland waren damals dazu verpflichtet, Post und Reisende über das Meer zu befördern - zu jeder Jahreszeit, bei jedem Wetter. Heute gehen die Reisenden auf eine der vielen Fähren. Es gibt die kleinen, die alle 15 Minuten fahren und bloß von einem Ufer zum anderen. Und es gibt die großen, die mehrere Stunden unterwegs sind.

Im alten Gefängnis

Die Postroute führt auch an dem mittelalterlichen Schloss Kastelholm vorbei, das viele Touristen anzieht. Neben dem Schloss steht zudem ein Gefängnismuseum. 200 Jahre sind hier Menschen gefangen gehalten und gefoltert worden, 1975 ist es geschlossen worden. Das Außergewöhnliche daran: Auf den ersten Blick sieht es wie ein gewöhnliches Wohnhaus aus (auch wenn es nicht wie die meisten anderen Häuser auf Åland aus Holz, sondern aus Stein ist). Innen zeigt sich, warum: In der linken Haushälfte sind die Zellen, schwere Eisentüren, Gitterstäbe vor den Fenstern. In der rechten Haushälfte: ein Wohnzimmer, ein Schaukelpferd, Ehe- und Kinderbett. Hier haben, als das Gefängnis noch kein Museum gewesen ist, Wärter, Frau und Kinder gewohnt.

Überhaupt gibt es viele kleine Museen auf den Inseln. Solche, die von der Geschichte und den Geschichten der Inseln erzählen. Das Schönste aber an Åland ist die Natur. Die Weitläufigkeit und die ständige Nähe zum Meer - zum Beispiel auf einem kleinen Felsen mit Blick aufs Wasser. In einer der vielen Saunen - manche von ihnen schwimmend. Oder an einem kleinen Waldsee.

Wo auch immer - irgendwo jedenfalls, und dafür muss man auf Åland nirgends lange suchen, findet jeder ein ruhiges und für den Moment ganz eigenes Plätzchen für sich. Sabrina Dämon

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