In der Gegend gibt es rund 300 Höhlen - zwei davon sind zugänglich. FOTO: ANDRÉ MEIER/UNESCO BIOSPHÄRE ENTLEBUCH/DPA

In luftigen Höhen und tiefen Höhlen

Sanfte Hügel, schroffe Felsen, unberührte Natur: Das bietet die Biosphäre Entlebuch zwischen Bern und Luzern. Hier gibt es Massagen von Ameisen und eine riesige Höhle unter einem Kuhstall.

Zielstrebig geht Pius Schnider den steilen Trampelpfad hinauf. Vor einer Fichte türmt sich ein Hügel auf. Schwarze Punkte wuseln darauf herum. Schnider legt eine Hand in das Gewimmel, sofort krabbeln die Waldameisen auf die Haut des Tourenführers. "Das ist wie eine Massage", schwärmt Schnider.

Die Wandergruppe ist an diesem Tag mit Schnider im Schrattenfluh unterwegs. So heißt das Karstgebirge am Rand der UNESCO-Biosphäre Entlebuch. Der Naturpark liegt in der Zentralschweiz, zwischen Luzern und Bern.

Das Schrattenfluh ist mit seinen markanten Felsen eines der Wahrzeichen dieser Gegend, und kaum einer kennt sich hier so gut aus wie Pius Schnider, der nun seine Begleiter auffordert, sich ebenfalls eine Ameisenmassage zu gönnen. Fühlt sich in etwa so an, als würde sich eine Brauseta-blette auf der Haut auflösen.

Der Tourenführer erläutert enthusiastisch, was er am Wegesrand sieht - etwa den Seidelbast, dessen Früchte Johannisbeeren ähneln, die aber beim Verzehr zu Herzlähmung führen können. "Nicht anfassen."

Zugreifen erlaubt ist dagegen bei den zahlreichen Heidelbeeren, die hier in der Karstlandschaft fast überall wachsen. Von den Moorbeeren, die fast genauso aussehen, nimmt man lieber nicht zu viel. "Das gibt einen Rausch", sagt Schnider. Um keinen falschen Schritt zu machen, sind ungetrübte Sinne bei dieser Wanderung sicher von Vorteil. Durch den zerklüfteten Felsen ziehen sich metertiefe schmale Spalten.

Statt weiter hinauf geht es nun wieder nach unten. Den gullyähnlichen Deckel neben einem Kuhstall könnte man fast übersehen. Doch er ist der Zugang zu einer eigenen Welt: Durch eine schmale Röhre führt eine Treppe acht Meter tief in die Sihlwängen-Höhle.

Zwar gibt es hier im Karst rund 300 Höhlen, für die Öffentlichkeit zugänglich sind aber nur zwei. Und jetzt steigt die Gruppe in eine von ihnen ab. Jeder trägt einen Helm mit Lampe, dazukommen einige leistungsstarke Handleuchten, die Schnider verteilt. Ohne Führer wäre ein Gang durch die 140 Meter lange Höhle sehr gefährlich.

An einer Tropfsteinformation hält Schnider inne und sagt: "Das ist der Teufel vom Schrattenfluh." Die Geschichte der Entdeckung der Höhle war allerdings ein sehr irdischer Zufall, bei dem der Kuhstall über der Höhle und das natürliche Bedürfnis der Rinder eine wichtige Rolle spielten. Der Bauer wollte einen neuen Güllekasten bauen und grub ein Loch, das plötzlich erstaunlich tief wurde. Das war 1973.

Am Ende der Höhle angekommen, bleibt Schnider stehen. "Auf mein Kommando schalten wir jetzt alle mal das Licht aus und sind eine Minute still." Was folgt ist eine Dunkelheit, wie sie wohl nur in solch einer tiefen Höhle noch zu finden ist.

Das Entlebuch bietet aber nicht nur Abenteuer im Karst. Das Wanderwegenetz ist groß. Wer mit Kindern in die Gegend rund um das touristische Zentrum Sörenberg reist, findet Abenteuerspielplätze wie das Mooraculum oder einen Naturerlebnispark, der rund um die Bergstation einer Gondel angelegt wurde.

Spannend ist ein Besuch im Bauernhof Birkenhof. Hier grasen nicht nur Rinder, sondern wachsen auch Erdbeeren. Besitzer Christian Schnider baut die roten Früchte an und beliefert mit ihnen das ganze Tal.

Plötzlich ist da ein dumpfes Geräusch am Zaun. Ein Schaf fliegt einen Meter durch die Luft. Kuh Gina hat es zur Seite gerammt. Denn es stand im Weg zwischen ihr und dem leckeren Futter, das es bei den Kindern gibt. Gina ist 13 Jahre alt, was durchaus ein stattliches Alter ist, und deshalb nicht wie die anderen Rinder im Sommer auf den Wiesen weiter oben in den Bergen, wie Schnider erklärt. Hier unten ist sie offensichtlich die Chefin auf der Weide.

Eiger und Jungfrau im Blick

An einem anderen Tag geht es mit der Gondel hinauf zum Brienzer Rothorn. Das ist 2350 Meter hoch und damit der höchste Berg des Kantons Luzern. Der Berg markiert dessen Grenze zu den Kantonen Bern und Obwalden und bietet einen irrsinnigen Ausblick. Bei guter Sicht sollen von hier aus 693 andere Gipfel zu sehen sein, darunter Eiger und Jungfrau. Das Highlight ist aber der Blick hinab zum Brienzersee, der in türkisähnlichem Blau geradezu zu leuchten scheint.

In Richtung Norden öffnet sich der Blick ins Entlebuch, weiter weg schimmert der Sarnersee. Dorthin führt von Sörenberg aus eine Panoramastraße über einen Pass, der in der Regel zwischen Mai und Ende Oktober geöffnet ist.

"Für Töff-Fahrer in der Schweiz ist die Straße ein Muss", sagt Ueli Mattmann, der beim Management der Biosphäre Entlebuch arbeitet. Doch nicht nur für Motorradfahrer ist die Straße ein Abenteuer.

Wer mit dem Auto von Luzern aus über Giswil den Pass Richtung Entlebuch befährt, erlebt zunächst eine Strecke, die eher an einen Schleichweg zu den Bauernhöfen am Berg erinnert. Sie ist eng und sehr kurvig, doch der Ausblick immer wieder atemberaubend.

Ueli Mattmann sitzt im Restaurant unter dem Gipfel des Brienzer Rothorns. Es gibt Käsespätzle und die Frage steht im Raum, für wen ein Urlaub im Entlebuch das Richtige ist. Mattmann sagt: "Wer auf der Suche nach Action ist, dem wird hier nach einem Tag vielleicht etwas langweilig. Für Familien aber ist es hier ideal."

Im zweiten Punkt möchte man Mattmann nicht widersprechen. Doch wer nicht gerade ein absoluter Adrenalinjunkie ist, der findet hier auch genügend Abenteuer. Ein Anruf bei Pius Schnider genügt.

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