+

Kunst an jeder Ecke

  • vonDPA
    schließen

An die Farbe im Treppenhaus müssen sich die Augen erst kurz gewöhnen. Sattes Rosa strahlt von den Wänden, das Treppengeländer ist passend dazu in Rot gehalten. Cinga Sampson nimmt diesen Weg fast jeden Tag, um in sein Atelier zu kommen.

Der junge Maler arbeitet gerade an einer Serie von großflächigen Bildern, die für eine Ausstellung in einer Galerie gedacht sind. In seinem Atelier in einer früheren Textilfabrik im Stadtteil Woodstock herrscht geordnetes Chaos: An der Wand lehnen alte und neue Leinwandarbeiten, in der Ecke vor dem Fenster stapeln sich Kunstbücher, daneben stehen in Gläsern Pinsel unterschiedlicher Größen und Flaschen mit verschiedenen Farben. "Ich liebe Realismus", sagt der 32-Jährige.

Die Bilder, an denen er arbeitet, zeigen selbstbewusste Afrikaner bei einer Trauerzeremonie. Das verbindende Element: Alle tragen Jeans in der gleichen Waschung. Angefangen hat Sampson mit 20 Jahren. Ohne Kunststudium hat er sich die Techniken selbst beigebracht. "An manchen Tagen habe ich 16 Stunden lang gearbeitet", erzählt er. Heute kann er von seiner Kunst leben, hat in Europa und Amerika ausgestellt.

Obwohl er inzwischen zu den etablierten Künstlern aus Südafrika zählt, öffnet er hin und wieder sein Atelier für Touristen. "Viel Kunst aus Afrika handelt von Rassismus, dem Kampf ums Überleben oder dem Kolonialismus", sagt Sampson. "Ich will auch die andere Seite, die schöne Seite zeigen." Kapstadt zieht viele Künstler an. "Es gibt hier vergleichsweise viel Geld", erklärt Touristenführer Sabelo Maku. "Das bedeutet, es gibt auch viele Sammler." In Woodstock haben sich deshalb nicht nur Künstler niedergelassen, sondern auch viele Galerien eröffnet.

Werke drücken Hoffnung aus

Auf organisierten Touren bekommen Besucher einen spannenden Einblick in diese lebendige Kunstszene. "Früher waren viele Künstler in Bo Kaap zu Hause", sagt Sabelo auf dem Weg zur nächsten Station der Tour. "Heute ist die Gegend allerdings ein Paradies für Immobilienmakler." Und so treibt die Gentrifizierung die kreative Szene jetzt in andere Gegenden der Mother City, wie Kapstadt oft genannt wird.

Woodstock und das benachbarte Salt River sind deshalb inzwischen nicht nur Standort für Ateliers und Galerien. Die Gegend rund um die Shelley Road ist dank des Streetart-Festivals IPAF mittlerweile zu einer großen Open-Air-Galerie geworden. Einmal im Jahr kommen die besten Streetart-Künstler aus Südafrika und der Welt und bringen ihre Werke auf Häusern, Schulen oder Brandmauern an.

"Kunst hält uns am Leben", erzählt der Künstler Jason, der Sabelo an diesem Tag bei der Tour unterstützt. Denn in einem Land mit hoher Arbeitslosigkeit und einer erschreckenden Kriminalitätsrate ist Kunst oft verbunden mit der Hoffnung auf ein besseres Leben. "Gerade Street Art ist eine Möglichkeit für ärmere Menschen, sich auszudrücken", sagt Jason, der seit 20 Jahren selbst Sprayer ist. "Mit Graffiti kann man zu anderen sprechen und gute Samen säen."

Apartheid Thema in Werken

Genau deshalb bietet das IPAF talentierten Streetart-Künstlern diese Plattform. Jedes Jahr werden neue Wände verziert, wächst die Galerie um weitere Werke, während die alten Arbeiten langsam Patina ansetzen. Aber auch wenn der Putz langsam abplatzt oder neben den Mauern kleine Müllberge wachsen, verlieren die Werke nichts von ihrer Intensität. Im Gegenteil, der Kontrast macht manches Bild noch eindrucksvoller.

Kunst ist immer auch ein Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse. "Als ich herkam, waren Schwarze und Weiße strikt getrennt", erzählt Manfred Zylla. Der gebürtige Augsburger lebt und arbeitet seit 1970 in Kapstadt. "Die Kunst war für viele eine Möglichkeit, mit diesen Beschränkungen umzugehen." Politische Aktivisten nutzten Kunst in den 1970er und 1980er Jahren, um auf die Apartheid aufmerksam zu machen. "Heute halte ich Kurse, in denen ich von damals erzähle", sagt der 81-Jährige. "Viele junge Menschen wissen kaum noch etwas über die Apartheid. Sie sind nicht an der Vergangenheit interessiert, sondern an der Zukunft."

Welche Themen Künstler aus Afrika heute beschäftigen, lässt sich unter anderem in den Museen der Stadt erleben, etwa im Zeitz Museum of Contemporary Art Africa (Zeitz MOCAA) im Hafenviertel Waterfront. Die umgebauten Getreidesilos am Hafen sind nicht nur architektonisch ein Höhepunkt. Zu sehen ist hier in einer permanenten Ausstellung auch die umfangreiche Privatsammlung beeindruckender afrikanischer Kunst des Namensgebers und ehemaligen Puma-Chefs Jochen Zeitz. In wechselnden Ausstellungen zeigen zeitgenössische Künstler außerdem, was ihnen unter den Nägeln brennt: Emanzipation, Sexualität, prekäre Lebensbedingungen oder Korruption. "Es gibt halt immer noch eine Menge Probleme", sagt Zylla. Falk Zielke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare