Das Interview mit Tarek Assam führt die Gießenerin Theresa Gehring, die jetzt in Köln Tanzwissenschaft studiert, coronabedingt am Computer. FOTO: DKL

Künstlerischer Austausch zentral

Studentin Theresa Gehring interviewt für eine wissenschaftliche Arbeit Gießens Ballettdirektor Tarek Assam zur TanzArt. Das in diesem Jahr wegen Corona stornierte Festival soll im kommenden Jahr wieder über die Pfingst- tage am Stadttheater stattfinden.

Zu den zahlreichen Veranstaltungen, die wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden mussten, gehört auch das Festival TanzArt ostwest, das an Pfingsten zum 18. Mal hätte stattfinden sollen. Studentin Theresa Gehring interviewt den Mitbegründer und Organisator Tarek Assam dazu.

Gehring hat zehn Jahre beim Jugendclub-Tanz von Terrry Pfeiffer getanzt. Nach dem Abitur entschied sie sich 2019 für das Studium der Tanzwissenschaft an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln, das unter der Leitung von Ulrike Nestler und Constanze Schellow steht. Im Rahmen eines Dramaturgie-Kolloquiums erhielten die Studierenden die Aufgabe, das Kuratieren von Tanzfestivals zu untersuchen, jeweils am Beispiel eines einzelnen Festivals. Da lag es für Gehring nahe, sich mit dem Festival TanzArt ostwest in Gießen, wo sie ab 2002 lebte, zu beschäftigen. Ihr erster Besuch war die Tanz-Gala 2006, die damals noch eine mäßig besuchte Matinee war. Das gab ihr den Kick zurück zum Tanz, den sie zwischenzeitlich für sich beendet hatte.

Festivalleiter Tarek Assam, Ballettdirektor am Stadttheater Gießen, erklärte sich für ein Interview bereit, das wegen Corona auf digitalem Weg stattfand. Die erste Frage galt dem Umgang mit dem Festival angesichts des Corona-Lockdowns. "Allen wurde abgesagt und zugleich angefragt, ob eine Teilnahme im nächsten Jahr möglich wäre", erklärt Assam. Da man sich in Gießen auf Pfingsten als Kerntage des Festivals fokussiert hat, sind die Termine jetzt schon klar. Besonders froh sei er, dass der spanische Gastchoreograf, der für die Studiobühnen-Premiere gewonnen wurde, auch im nächsten Jahr kommen kann und mit der Tanzcompagnie seine choreografische Idee erarbeiten wird.

Streaming: Kein theatraler Genuss

Auf die Frage nach der Nutzung von Streaming-Formaten antwortet Assam, auch darüber hätten sie nachgedacht. Doch zum einen kämen die meisten TanzArt-Akteure aus dem Ausland und hätten erst gar nicht einreisen dürfen, und zum anderen hätten mehrfache Gespräche mit Kollegen ergeben, dass auf diesem Weg "kein theatraler Genuss entsteht". Denn: "Online wird gezappt, da funktionieren die kurzen Formate, also zwei bis vier Minuten lange Einspieler. Aber das ist nicht die Art, wie am Theater gearbeitet wird."

Wie ist das Festival entstanden? Was ist die Grundidee? Das wollte die Studentin als nächstes wissen. Dass es als Low-Budget-Projekt entstanden ist, das bis heute dem künstlerischen Austausch dient, dass eben nicht kuratiert wird, sondern die Beteiligten selbst auswählen, was sie zeigen. "Neues soll erprobt und gezeigt werden. Unter professionellen Bedingungen natürlich", so Assam.

Die Geschichte geht so: Nach der Wende beschlossen zwölf kleinere Stadttheater, sich miteinander über die jeweilige choreografische Arbeit im Tanz auszutauschen. Die Neugier auf das, was in den osteuropäischen Ländern in Sachen Tanz passierte, war groß, man schloss Kontakte und warb für die Idee. Bei der EU wurden finanzielle Mittel beantragt. Anfangs fanden die noch kleinen Festivals vorwiegend im Osten Deutschlands statt, "was daran lag, dass ich kurz nach der Wende die Leitung in Halberstadt übernommen hatte", erklärt Assam. "Schließlich baten mich die anderen Beteiligten, die Koordinierung zu übernehmen." Deshalb ist TanzArt ostwest seit Jahren mit dem Namen Tarek Assam verbunden. Und es war selbstverständlich, dass er die Idee nach Gießen mitbrachte, als er hier zur Spielzeit 2001/02 seine Stelle als Ballettdirektor am Stadttheater antrat. Das erste TanzArt-Festival in Gießen fand 2003 statt und ist seitdem gewachsen.

Wie hat es sich gewandelt, lautet die nächste Frage. Der Grundgedanke des künstlerischen Austauschs ist als Konstante geblieben. Es gibt auch Teilnehmende im Netzwerk TanzArt ostwest, die vom Beginn bis heute dabei sind, insgesamt gibt es natürlich personelle Veränderungen in dem Zeitraum von fast 25 Jahren. Für osteuropäische Ensembles gilt leider, dass die kulturelle Förderung stark gekürzt wurde und es für viele Ensembles seit Jahren kaum noch möglich ist, zu reisen.

Seminararbeit an Kölner Hochschule

Dafür sei die Beteiligung der freien Szene gewachsen, wie überhaupt die Teilnahmeanfragen auch aus Stadt-/Staatstheatern expandierten. "Nur dadurch konnte die Tanz-Gala in Gießen zu einem Social Event werden", ist Assam überzeugt. Er weist auf eine Gießener Besonderheit hin: das regelmäßige Site-Specific-Format, das durch das Kulturamt gefördert wird und schon viele öffentliche Plätze mit Tanzperformances eroberte. Wie überhaupt die Ausweitung des Festivals in andere Formate zum Markenzeichen wurde, sei es in Ausstellungen und Lesungen, in Kooperationen mit Ballettschulen oder Studierenden der Uni Gießen.

"Es ist ein großes, überregionales Netzwerk entstanden, das von der Kreativität und Aktivität der Teilnehmenden lebt", sagt Assam. Und nun auch, dank Theresa Gehring, Thema einer Seminararbeit an der Universität Köln wird.

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