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Bei der Kaiserin des Himmels

  • vonDPA
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Wer nach Taiwan reist, wird Ma-Tsu gewiss begegnen. Im Taoismus, einer der verbreiteten Religionen auf der Insel, ist sie die Göttin des Meeres und der Gnade, die Kaiserin des Himmels. Etwa 400 Tempel sind ihr inselweit geweiht. Wenn Ma-Tsus großer Ehrentag im April oder Mai ansteht, abhängig vom Kalenderjahr, setzen sich schon lange vorher Abordnungen aus Tempelgemeinschaften in Gang, um andere Anlagen im Prozessionsmarsch zu besuchen. Und es richtig krachen zu lassen - mit Knallkörpern, Feuerwerk, Tänzen, Trommelwirbeln. Dafür ist es den Rest des Jahres über eher still in den Tempeln.

Kurios in Taiwan ist die Verschmelzung von Taoismus und Buddhismus, was sich leicht erklärt. Während der japanischen Besatzungszeit (1895 bis 1945) wurden Taoisten gnadenlos verfolgt. Sie begannen, ihre Gottheiten heimlich in buddhistischen Tempeln zu verehren. Diese Praxis blieb nach der Rückkehr unter chinesische Verwaltung erhalten.

Die Trennungslinie zwischen göttlicher und weltlicher Sphäre steckt stets der sogenannte Pailou ab, der Eingangsbogen in den Tempelbezirk. Dahinter erwarten den Besucher farbenfrohe Stein- und Holzschnitzarbeiten, geschwungene Dächer und symbolträchtige Bilder. Bunte Dachskulpturen in Menschenformen versinnbildlichen Wohlstand, Glück und Langlebigkeit.

Drachen stehen für Kraft und Weisheit

Drachen sind allerorten zugegen und stehen für Kraft, Kreativität und Weisheit. Sie können als Türwächter dienen, aber auch als Symbole der Erleuchtung. Ihre Blicke sind oft stechend, Katzenaugen gleich, und die Klauen wie jene von Adlern gestaltet. Tief im Innern des Tempels wabert Räucherstäbchenqualm bis zu den Hauptschreinen, sind Opfergaben auf Tischen drapiert: Blumengebinde, Bananen, Orangen, Reis, Kekspackungen. Was eigentlich den Vertretern der überirdischen Welt zugedacht ist, kommt in der Praxis letztlich Bedürftigen zugute.

Ein typisches Tempelgeräusch ist das "Klack, klack" der Gläubigen, die ein Paar rote Halbmondhölzchen (Jiaobei) auf den Boden werfen. Jedes Holzstück hat eine flache und eine abgerundete Seite. Die Position ihrer Landung verrät die Antwort der Götter auf eine Frage, die man ihnen gestellt hat. Landen beide auf der flachen Seite, lautet die Antwort "Nein". Fallen beide auf die gerundete Seite, bedeutet dies, dass die Frage irrelevant war. Für ein Ja des Orakels braucht es das gemischte Resultat.

Schwierig wird die Antwort auf die Frage, welcher Tempel der Schönste im ganzen Land ist. Eine Hauptsehenswürdigkeit in der Hauptstadt Taipeh ist der Manka Longshan. Ursprünglich 1738 von Immigranten der chinesischen Küstenprovinz Fujian erbaut, genießt hier Ma-Tsu Verehrung - obwohl die Haupthalle der buddhistischen Göttin Guanyin zugedacht war.

Höhepunkt in der Inselmitte ist der moderne, palastartige Wenwu-Tempel, der unter anderem Konfuzius gewidmet ist. Das Heiligtum erhebt sich über den Ufern des Sonne-Mond-Sees. Im Westteil der Insel lockt das Städtchen Lukang mit einer Kombination aus historischen Gassen und Tempelanlagen, natürlich auch für Ma-Tsu. Es ist eines der populärsten Ziele des Inlands-Tourismus, samt Kommerz, Kulinarik, Rikschafahrten und handgefertigten Laternen. Tainan, eine Großstadt im Süden, punktet mit dem ältesten Ma-Tsu-Tempel der Insel, basierend auf einem Bildnis, das 1661 vom chinesischen Festland hierher gelangte. Die Göttin darf man sich nicht als konventionelle Schönheit mit filigranen Zügen vorstellen, sie wirkt stattdessen eher herb, fast maskulin.

Noch tiefer im Süden Taiwans, in Kaohsiung, befindet sich eine XL-Tempelanlage am sogenannten Lotos-See. Hingucker sind hier die siebenstöckigen Drachen- und Tiger- Pagoden. Man marschiert durchs Drachenmaul hinein und durch den Tigerrachen hinaus. Beliebtes Fotomotiv ist außerdem das Megabildnis des taoistischen Kriegsgottes Xuan Wu, der sich mit seiner Rechten auf das Sieben-Sterne-Schwert stützt, "das mächtigste im Universum", wie es heißt. Das Ganze lässt sich natürlich als Edelkitsch abtun - doch auch der kann beeindrucken.

In den Tempeln dürfen sich Fremde überall willkommen fühlen. Fotos sind - Respekt und Zurückhaltung vorausgesetzt - kein Problem. Der Zugang ist kostenlos. "Was die Kleiderordnung betrifft, sind wir Taiwanesen locker drauf, auch in den Tempeln", erklärt Führerin Michelle Chiu, 63. Shorts sind kein despektierliches Hindernis, weder für Frauen noch für Männer, auch die Arme müssen nicht bedeckt sein. Tempelbezirke betritt man oft mit Schuhen, nur in einzelnen Räumen müssen diese manchmal ausgezogen werden. Vereinzelt sieht man Einheimische, die den Tempel sogar mit Hund betreten. Doch Achtung: Niemals auf die Schwelle treten, das ist ein No-Go! Es verheißt Unglück. Schwellen sind oft mit knöchel- oder kniehohen Absperrhölzern versehen, was zum Fehlschluss verleiten kann, der Tempel sei geschlossen. Einfach drübersteigen. Die Hindernisse sollen zudem böse Geister abhalten. Stehen Prozessionen in Tempelbezirken an, darf man den Prozessionsweg nicht kreuzen, selbst wenn sich mittendrin eine größere Lücke auftut.

Die konfessionelle Toleranz ermöglicht, dass auch Glaubensfremde die Halbmondhölzchen austesten dürfen. Reisende nehmen die Hölzer aus einem eigens bereitgestellten Körbchen, aber sollten nicht vergessen, sich zunächst den Tempelgöttern vorzustellen. Andreas Douve

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