Gletschertäler, Regenwald, hohe Wasserfälle wie die Sutherland Falls und diebische Keas: Der Milford Track zeigt auf rund 53 Kilometern die vielfältigen Gesichter des Fiordlands auf der neuseeländischen Südinsel. FOTOS: ANNA-LENA GEIS
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Gletschertäler, Regenwald, hohe Wasserfälle wie die Sutherland Falls und diebische Keas: Der Milford Track zeigt auf rund 53 Kilometern die vielfältigen Gesichter des Fiordlands auf der neuseeländischen Südinsel. FOTOS: ANNA-LENA GEIS

Wie aus einer anderen Welt

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Er wird auch als der schönste Wanderweg der Welt bezeichnet: der Milford Track auf der Südinsel Neuseelands. Ruhe, unberührte Natur und unzählige Wasserfälle machen ihn für Wanderer zweifellos zu einem besonderen Erlebnis. Aber auch mit viel Regen muss gerechnet werden.

Gefunden wurde der Wanderweg von Quintin McKinnon im Jahre 1888. Vor dem Bau des Homer Tunnels und damit einer Straßenverbindung, war der Weg früher die einzige Route um auf dem Landweg zum Milford Sound, von den Maoris auch Piopio- tahi genannt, zu kommen.

Der Startpunkt des Wegs, der aus Umweltschutzgründen nur von Süden nach Norden begangen werden darf, befindet sich am nördlichen Ende des Lake Te Anau am Glade Wharf, zu dem regelmäßig eine einstündige Bootsverbindung verkehrt. Von dort führt er 53,5 Kilometer lang und über vier Tage hinweg über den Mackinnon-Pass zu dem wohl berühmtesten Fjord der Pazifikinsel.

Die erste Etappe ist nur knapp vier Kilometer lang und führt durch einen gemäßigten Regenwald, dessen Bäume dicht mit Moos behangen sind, über freie Wiesenflächen und schließlich dem Clinton River folgend bis zu der ersten Hütte, der Clinton Hut. Jede Hütte hat 40 Betten, und aufgrund der Beliebtheit des Milford Tracks muss auch mit ebenso vielen Wanderern zu jeder Zeit der Saison gerechnet werden.

Die Schlafräume sind teilweise nicht beheizt, weshalb vor allem zu Beginn und gegen Ende der Saison ein warmer Schlafsack mitgebracht werden muss, denn dann können die Temperaturen nachts auch Minusgrade erreichen. Auch das Essen muss man selbst organisieren. Wasser kann man unbesorgt aus den Wasserfällen und Flüssen zum Trinken nehmen. Die Hütten selbst werden von dort versorgt.

Wanderer mit Bedenken werden von den Rangern gerne beruhigt: "Wo auf der Welt könnte man das Wasser direkt aus der Natur trinken, wenn nicht hier?" Denn der Milford Track liegt mitten in dem zum UNESCO-Weltnaturerbe gehörenden Fiordland-Nationalpark, in dem auch Teile des 2017 erschienenen Science-Fiction-Horrorfilms "Alien: Covenant" gedreht wurden. Die Wahl des Drehortes scheint geeignet, denn tatsächlich fühlt man sich oft so überwältigt von der Natur, dass man schnell meinen könnte, man befände sich auf einem anderen Planeten. Je nach Witterung bietet der Ranger in der Hütte vielleicht auch eine Naturführung an, bei der verschiedene Vogelarten sowie essbare und giftige Pflanzen erklärt werden.

Ein Wasserfall in der Prärie

Am zweiten Tag führt der Weg auf 16,5 Kilometern weiter das Tal des Clinton Rivers mit seinen steilen Felswänden hinauf. Auf dem Weg gibt es zwei Unterstände, unter denen sich auch bei schlechtem Wetter Rast machen lässt. Bei gutem Wetter bieten sich Seen und Wasserfälle wie der Prairie Lake Waterfall zu einer Mittagspause an. Seinen Namen hat der Wasserfall von seiner Umgebung, die durch offene Wiesenflächen geprägt ist und deswegen den nicht offiziellen Namen "Prärie" bekommen hat.

Nach dem letzten Unterstand steigt der Pfad bis zur Mintaro Hut an, in der sich die Wanderer vor der dritten Etappe am nächsten Tag ausruhen können. Die Wanderschuhe kann man in die Hütte mitnehmen. Sollte man auch, denn sie werden gerne von Keas geklaut. Der Kea ist endemisch in Neuseeland, kommt also nur in den Bergregionen der Südinsel vor und steht mit rund 4000 erwachsenen Tieren als gefährdete Art auf der Roten Liste. Sie ist nicht die einzige gefährdete Vogelart, der man auf der Wande- rung begegnen kann: Die Saumschnabelente, die in der maorischen Sprache lautmalerisch auch whio genannt wird, steht ebenso auf der Roten Liste wie die Neuseelandente oder pateke, deren Bestand sich zuletzt jedoch leicht erholt hat.

Der nach seinem Entdecker benannte Mackinnon-Pass wird am dritten Tag der Wanderung erklommen. Sein höchster Punkt liegt auf 1154 Metern, wo man bei sonnigem Wetter nach dem anstrengenden Aufstieg über einen unebenen Pfad mit atemberaubenden Aussichten belohnt wird.

Bei Regen verschwinden die Berge jedoch in den Wolken und verschleiern so den Blick ins Tal. Damit muss unbedingt gerechnet werden, denn die Region Fiordland gehört mit über 200 Regentagen und durchschnittlichen Jahresniederschlägen von mehr als 7000 Millimetern zu den regenreichsten Gebieten der Erde. So können vereinzelt auch über 200 Millimeter Regen an einem Tag fallen, was dazu führt, dass die Täler unpassierbar überflutet sind. Wanderer können so in den Hütten festsitzen oder müssen mit Helikoptern ausgeflogen werden. Ein Vorteil der großen Regenmengen: Sonst trockenliegende Wasserfälle rauschen über die steilen Felswände in die Täler, die während der letzten Kaltzeit durch Gletscher geformt worden sind.

Besonders beeindruckend zeigen sich die Sutherland Falls mit einer Gesamthöhe von 580 Metern, die über einen vier Kilometer langen Seitenweg erreichbar sind. Nach 14 oder 18 Kilometern erreicht man die Dumpling Hut.

Der letzte Tag führt über 18 Kilometer ohne nennenswerte Steigung das Tal des Arthur Rivers hinab und vorbei am Lake Ada bis zum Sandfly Point, dem Ende des Wanderwegs. Die letzten zwei Kilometer des Weges wurden im späten 19. Jahrhundert von Häftlingen ausgebaut, weswegen er breit und eben ist.

Vom Sandfly Point fährt ein Boot zurück zum Besucherzentrum des Fjords. Dieser kann auf der Überfahrt mit Blick auf den Mitre Peak, einen der höchsten Berge am Fjord, bewundert werden. Nach vier Tagen in der unberührten Natur mit ihren steilen Hängen, Seen und atemberaubenden Wasserfällen versteht man schließlich, warum er nicht zuletzt auch von der nationalen Naturschutzbehörde, dem Department of Conservation, als "der schönste Wanderweg der Welt" bezeichnet wird.

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