Bei Bad Köstritz soll die Weiße Elster aus ihrem Korsett befreit werden und wieder mäandern können.
+
Bei Bad Köstritz soll die Weiße Elster aus ihrem Korsett befreit werden und wieder mäandern können.

Von der "Betonelster" zum Touristenziel

  • vonRedaktion
    schließen

Seit Tausenden von Jahren siedeln Menschen an der Weißen Elster und haben hier ihre Spuren hinterlassen. Nicht immer zum Guten. Mit dem Titel "Flusslandschaft des Jahres" soll künftig mehr Interesse an dem Fluss geweckt werden - auch im Rad- und Kulturtourismus.

Zügig rauscht die Weiße Elster an diesem milden Frühlingstag durch ihr von Deichen eingezwängtes Flussbett. Tilo Wetzel vom Verband der Naturfreunde hat hier sein Auto am Rand von Bad Köstritz bei Gera gestoppt und deutet auf alte Bäume auf einem Feld abseits des Flusses. "Dort war einmal der Flusslauf", erklärt er. Seit Jahrhunderten hat der Mensch die Weiße Elster beeinflusst, sie begradigt, umgeleitet, angestaut und auf vielfältige Weise genutzt. "Früher konnte man am Wasser sehen, welche Farben gerade in der Textilindustrie eingesetzt wurden", erinnert sich Wetzel.

Diese Zeiten sind vorbei. Zwar hat sich die Wasserqualität in den vergangenen Jahren erheblich verbessert, wie Wetzel bestätigt. Das zeige sich auch daran, dass sensible Tiere wie der Eisvogel wieder häufiger am Fluss zu sehen sind. Doch die Weiße Elster bleibt ein Sorgenkind. Um auf ihren Zustand aufmerksam zu machen und die Anrainer für neue Projekte etwa im Tourismus stärker zu vernetzen, wurde sie von den Naturfreunden und dem Deutschen Angelfischerverband als "Flusslandschaft des Jahres 2020/21" auserkoren.

Mehr als 250 Kilometer legt das Elsterwasser von der Quelle in Tschechien bis zur Mündung in die Saale zurück und streift dabei Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Die Gewässerqualität verfehlt die EU-Vorgaben nach wie vor deutlich, wie die Behörden der drei Bundesländer bestätigen. Probleme gibt es demnach etwa mit Schadstoffen wie Quecksilber und Phosphor, der Begradigung und Uferbefestigung, wodurch wichtige Lebensräume für Tiere und Pflanzen fehlen, und der Durchgängigkeit störender Bauwerke. Der Fluss sei eines der am stärksten belasteten Fließgewässer in Mitteldeutschland, sagt Wetzel.

Ziel müsse es sein, die Gewässerqualität zu verbessern und einen guten ökologischen Zustand zu erreichen, betont Sachsen-Anhalts Umweltministerin Claudia Dalbert (Grüne). "Wir müssen das Artensterben stoppen. Saubere Flüsse sind ein Lebensraum für unzählige Lebewesen, für viele heimischen Tiere und Pflanzen."

Dazu gibt es gezielte Projekte an der Weißen Elster. Im sächsischen Vogtland etwa wird an Nebenflüssen mit Millionenaufwand daran gearbeitet, die vom Aussterben bedrohte Flussperlmuschel zu erhalten. Ihr soll manches Geschmeide des Dresdner Hofes zu verdanken sein. Bei Bad Köstritz, wo Wetzel an diesem Tag haltgemacht hat, soll der Fluss aus seinem Korsett befreit werden und wieder frei mäandern und sich Raum schaffen. Dabei sollen vielfältige Gewässerstrukturen entstehen, die einem natürlichen Gewässer sehr nahe kommen, erläutert Lutz Baseler vom Thüringer Landesamt für Umwelt. Derzeit läuft hierzu das Planfeststellungsverfahren; eine Umsetzung wird ab 2022 erwartet.

Von einer Renaturierung ist der Fluss im Süden Leipzigs noch weiter entfernt. Dort wurde er einst für den Tagebau Zwenkau auf rund zehn Kilometern in ein künstliches Bett verlegt, was ihm den Spitznamen "Betonelster" eingebracht hat. Es seien Untersuchungen seitens des Bergbausanierers LMBV zugesagt, ob dies erhalten werden müsse, heißt es beim Dresdner Umweltministerium. "Erst wenn klar ist, dass diese Dichtung nicht mehr benötigt wird, kann eine konkrete Planung für eine Renaturierung des Gewässerbettes der Weißen Elster erstellt werden."

Wetzel als Koordinator des Flusslandschaftprojekts hofft, dass die Weiße Elster in den nächsten Jahrzehnten komplett durchgängig wird und dann auch wieder Lachse oder sogar Störe angesiedelt werden. Doch der Blick geht über die Natur an sich hinaus. Er und seine Mitstreiter wollen, dass die ganze Vielfalt des Flusses und seiner Funktionen mehr in den Fokus rücken: "Unser Ziel ist, die Weiße Elster durchgehend für Tourismus zu erschließen." Der 62 Jahre alte einstige Bergmann denkt dabei etwa an Radtouristen und das Wasserwandern. Zwar gibt es einen Elsterradweg, aber es fehle an weiterer Infrastruktur wie Möglichkeiten zum Zelten. Und für das Befahren mit Booten sei der Wasserstand oft zu niedrig.

Hoffnungen werden dabei auch auf Kulturinteressierte gesetzt. Denn die fruchtbare Talaue wird schon seit Tausenden von Jahren als Siedlungsraum genutzt, weiß der Kulturhistoriker Matthias Prasse. "Der Fluss wurde oft als Grenze befestigt und es finden sich 83 Schlösser, Burgen und Herrenhäuser entlang der Weißen Elster", betont Prasse, der dem Verband Historische Häuser und Gärten Sachsen-Anhalts vorsteht. "Das ist eine Dichte wie an der Loire in Frankreich." Sein Ziel sei es, unter dem Titel "Schlösserlandschaft Weiße Elster" den Fluss auch für sanften Kulturtourismus zu erschließen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare