Mohamed Saad Khedr ist deutschsprachiger Reiseführer in Ägypten.
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Mohamed Saad Khedr ist deutschsprachiger Reiseführer in Ägypten.

Ägypten abseits der Massen

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Eine Fahrt zur Oase Faijum ist eine Reise raus aus Kairo. Hinaus aus der lauten, schmutzigen Hauptstadt Ägyptens und hinein in die Wüste und ins Grüne. Wer sich nach Faijum aufmacht, dessen Ziel ist der Weg selbst: Im Umfeld der Oase liegen sehenswerte Pyramiden, die man ohne Touristenmassen besichtigen kann - anders als in Gizeh.

Von der Witterung abgetragen

In die mehr als 4500 Jahre alte Pyramide von Meidum führt ein 40 Meter langer schräger Schacht. Aufrecht stehen kann man nicht, es geht im gebückten Gang nach unten. Wächter und Reiseführer bleiben draußen, im Moment sind auch keine anderen Reisenden vor Ort. Ihr Geschnatter am Eingang wird mit jedem Schritt leiser. Und das Gefühl, wie Indiana Jones einen geheimen Schatz zu suchen, größer. Irgendwann ist es völlig ruhig, ganz unten in der Kammer. Sie wurde nie verwendet, daher ist der Raum nicht bearbeitet. Man könnte auch in einer natürlichen Felsenhöhle stehen, in der nun tatsächlich Fledermäuse geblendet vom Kamerablitz umherflattern. Jetzt aber schnell wieder raus.

Der abenteuerliche Besuch lohnt sich, vor allem aus geschichtlicher Perspektive: Pharao Snofru (ca. 2600 v. Chr.) war kein Geringerer als der Vater des berühmten Cheops. Er entwickelte mit der Pyramide Meidum die damals noch gängigen Stufenpyramiden weiter. Allerdings war er mit Meidum nicht zufrieden und verwendete den Bau wohl nie als Grabmal. Der Pharao zog weiter und errichtete einfach noch zwei weitere Pyramiden.

Meidum liegt etwas abseits der Oase Faijum. In dem Becken rundherum finden sich weitere, sehenswerte Grabmäler der Pharaonen. Es ist ideal für Reisende, denen das Kairo-Standardprogramm nicht reicht. Auch einen Abstecher wert ist zum Beispiel die Pyramide von Hawara von Pharao Amenemhet III. (ca. 1800 v. Chr.). Auf den ersten Blick enttäuscht sie etwas, weil der Komplex teilweise eingestürzt ist und seine ursprüngliche Höhe von 58 Metern verloren hat. Dabei ist die Hawara-Pyramide eine der jüngsten Ägyptens, erbaut viele Jahrzehnte nach der von Meidum und den Großen bei Kairo.

"Hier siehst du, was sie falsch gemacht haben", erklärt Reiseführer Mohamed Saad Khedr. Hawara wurde aus kleinen, gut tragbaren Lehmziegeln gefertigt, wie sie heute noch die Bauern für ihre Häuser verwenden. "Aber viele Ziegel zerfielen mit der Zeit, und die Pyramide ist stellenweise eingebrochen", sagt Mohamed. Auch kann man die Grabkammer nicht besichtigen. Sie steht unter Wasser. "Denn viele Pyramiden in der Wüste haben ein Grundwasserproblem", erklärt Mohamed. Sie wurden oft in der Nähe des Nils und nur am Rand der Wüste errichtet.

Keine zehn Meter entfernt von Hawara fließt der Bahr Yusuf, ein Arm des Nils. Faijum lebt mit und am Wasser. Der Nil ist die Lebensader der Oase Faijum, die quasi der Garten der Metropolregion Kairo ist. Sie ist durchzogen von saftiggrünen Feldern voller Futterklee, Dattelpalmen, Obst und Gemüse. Landwirtschaft ist hier oft noch Handarbeit: Mit Pflug und Esel schiebt so mancher Landarbeiter hier sein Gerät über die Felder. Frauen tragen große Haufen Futterklee auf dem Kopf nach Hause. Die Landschaft durchziehen unzählige Kanäle und kleine künstliche Seen. Wassernot gibt es hier nicht. An die grüne Oase grenzt im Nordwesten außerdem der 230 Quadratkilometer große Qarun-See. Das Ziel ist bei Ägyptern beliebt für Wochenendtrips, Schulausflüge und die Sommerferien. Hier finden sich Hotels in allen Preisklassen für Reisende, die etwas länger in der Gegend bleiben wollen.

Faijum ist jedoch eine sehr arme Region. Auf den Suks der kleinen Oasen-Dörfer sieht man keine üppigen Marktstände voll prächtiger Waren. Verkauft werden Mengen, die die kleinen Felder einer Familie an dem Tag hergegeben haben, dazu viel Secondhand-Ware. Die Armut hat Folgen: Da jede helfende Hand auf dem Feld gebraucht wird, ist Analphabetismus weit verbreitet, erklärt Reiseführer Mohamed. Man heiratet früh, die Kinderzahl pro Familie ist hoch.

Die Faijum-Oase gilt als eine konservative und religiöse Region Ägyptens. Moderne Kleidung wie Jeans tragen maximal die jungen Männer, Frauen sind oft vollverschleiert. Touristen wird geraten, aus Respekt auf nackte Haut zu verzichten.

Ein schmutziges Pflaster

Fremde werden auf der Straße trotz der kulturellen Unterschiede freundlich gegrüßt. Viele Reiseagenturen bieten Tagesausflüge in die Region im Rahmen ihrer Ägypten-Rundreisen an. Wobei der Stopp in der Oase sich oft auf die gleichnamige Hauptstadt Faijum beschränkt und dort nur der Suk und unspektakuläre Wasserräder besichtigt werden. "Länger bleiben die meisten nicht. Ich hoffe aber, das ändert sich", sagt Mohamed. "Es gibt so viel Tolles im Umland zu sehen." Wer Zeit hat, sollte die Stadt trotzdem zu Fuß oder mit einer Pferdekutsche besichtigen. Allein schon, um den Kontrast wahrzunehmen. Und noch etwas hat die Region zu beiten: Wo heute Wüste ist, war einst ein Meer: In der sengenden Mittagssonne steht man im Wüstenbecken Wadi El Hitan (Tal der Wale) mit seinen orangeroten und goldgelben Sandsteinfelsen - und endlosen Dünen. Im Sand liegen bis heute unzählige versteinerte Fossilien von Archaeoceti, den Vorfahren der Wale. Im gut gemachten und noch recht neuen Museum des UNESCO-Weltnaturerbes kann man einige von ihnen sehen - und auf einem der ausgezeichneten Spazierwege durch die Wüste selbst entdecken: 10, 20, 30 Meter lange versteinerte Überbleibsel einer vergangenen Welt liegen teils immer noch an ihren ursprünglichen Fundorten mitten auf dem Sandstein.

Für die Fahrt in die Wüste nimmt man sich am besten einen Fahrer mit Geländewagen, der auch mal die Piste verlässt. Ein See neben dem anderen reiht sich auf der Etappe aneinander. Das Wüstenland Ägypten hat ganz schön viel Wasser. Wer jedoch den Tagesausflug und die vielen Stunden im Auto scheut, findet genug zu tun für einen weiteren Tag im direkten Umfeld der Oase. Simone Andrea Mayer

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