Thomas Lempert
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Thomas Lempert

Gleichgewichtssinn im Sturzflug

  • vonDr. Jörg Zittlau
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Schwindel kann zum Horrortrip werden, gerade dann, wenn er lange dauert. In diesem Zusammenhang hört man dann auch immer wieder von der Menière-Erkrankung. Benannt nach ihrem Entdecker, dem französischen Arzt Prosper Menière. Doch wie oft steckt sie tatsächlich hinter einem Schwindel?

Wir sprachen darüber mit Professor Thomas Lempert, Chefarzt der Neurologie an der Schlosspark-Klinik in Berlin - auch über die Aussichten einer Therapie.

Herr Professor Lempert, wenn man mit Menschen spricht, hat man den Eindruck, dass der Schwindel geradezu ein Alltagsphänomen ist….

Ja, das ist schon so. Jeder Dritte hat im Laufe seines Lebens irgendwann mal relevante Schwindelattacken, die ihn so einschränken, dass er damit zum Arzt geht.

Und man hört in diesem Zusammenhang auch immer wieder von der Menière-Krankheit. Steckt die wirklich so oft hinter den Schwindelattacken?

Nein. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie dahintersteckt, ist kleiner als ein Prozent. Meni-ère ist eine wirklich seltene Erkrankung.

Trotzdem wird sie relativ häufig im Zusammenhang mit Schwindelattacken genannt. Ein klarer Fall von Überdiagnose?

Tatsächlich gibt es beides. Die Menièresche Erkrankung wird einerseits zu schnell und zu oft als Ursache von Schwindel angeführt, andererseits gibt es auch viele Fälle, in denen sie vorliegt, aber niemand darauf kommt. Da wird dann mit Diagnosen wie Hörsturz, vestibulärer Schwindel oder dergleichen herumhantiert, was dann natürlich auch zur Folge hat, dass falsch therapiert wird.

Was sind denn die Symptome der Menièreschen Erkrankung?

Da sind vor allem vier zu nennen. Das erste Symptom sind starke Schwankungen im Hörvermögen, so ähnlich wie beim Hörsturz. Es kommt zwar zunächst immer wieder zu einer Erholung, doch nach zwei Jahren lässt in der Regel das Hörvermögen deutlich nach. Das zweite Symptom sind die Ohrgeräusche, die am Ende ebenfalls permanent auftreten. Herausragend sind aber die heftigen Drehschwindelattacken. Die kann man nicht damit vergleichen, dass man mal wackelig auf den Beinen ist, weil man etwa zu schnell aufgestanden ist.

Beim Menièreschen Schwindel sind die Betroffenen oft so hilflos, dass sie alle Aktionen unterbrechen müssen. Ich kenne Patienten, die sich dann einfach auf der Straße hinlegen und jedem, der ihnen helfen will, unmissverständlich sagen, dass sie in Ruhe gelassen, also auch nicht nach Hause gebracht werden wollen. Die bleiben dann tatsächlich lieber zwei oder drei Stunden auf der Straße sitzen.

So lang? Das klingt ja furchtbar.

Ja. Aber das Zeitfenster des Schwindels ist ein wichtiges Kriterium für die Diagnose. Beim gutartigen Lagerungsschwindel etwa dauert er nur ein paar Sekunden. Doch bei Menière kann er zwei bis drei, in seltenen Fällen sogar zwölf Stunden dauern.

Bliebe noch das vierte Symptom der Menièreschen Erkrankung…

Das wäre der Ohrdruck, also ein Völlegefühl im Ohr. Bei manchen baut es sich vor der Schwindelattacke auf, bei anderen kommt es unabhängig davon. Wenn man diese vier Symptome zusammen findet, dann ist es schon sehr wahrscheinlich, dass es sich um die Menièresche Erkrankung handelt.

Und was sind ihre Ursachen?

Man weiß es nicht genau. Klar ist, dass es sich um ein instabiles Innenohr handelt. Und bei vielen Patienten sind dort die mit Flüssigkeit gefüllten Räume aufgebläht, man spricht dann - etwas poetisch - von einem endolymphatischen Hydrops. Möglicherweise ist das aber auch eher eine Folge als eine Ursache der Erkrankung. Das Innenohr wird eben von einem überaus kräftigen Knochen umschlossen, durch den wir nicht hineinschauen können, um nähere Aufschlüsse über die Ursachen von Meni-ère zu finden.

Gibt es Risikogruppen, also Menschen, die besonders gefährdet sind?

Nein. Eine Zeit lang wurde eine bestimmte Menière-Persönlichkeit postuliert, doch davon ist man mittlerweile wieder abgerückt. Die psychischen Auffälligkeiten der Betroffenen sind wohl eher eine Folge ihrer Erkrankung, nicht aber deren Ursache. Denn wer immer befürchten muss, dass eine vernichtende Schwindelkattacke kommt, wird auch insgesamt eher eine Neigung zur Ängstlichkeit entwickeln.

Wie therapiert man eine Erkrankung, deren Ursachen man nicht genau kennt?

Es gibt Hunderte von an- geblich Erfolg versprechenden Therapien - und allein diese Zahl lässt vermuten, dass kaum eine von ihnen wirkt. In Deutschland setzt man nach wie vor auf Betahistin, was zu einer besseren Durchblutung am Innenohr führen soll. Doch klinische Studien konnten nicht bestätigen, dass es beim Menièreschen Schwindel besser hilft als ein Placebo.

Insgesamt scheinen Medikamente, die man als Tablette gibt, eher wirkungslos zu sein. Es gibt aber Wirksamkeitsbelege für zwei Arzneimittel, die direkt ins Innenohr eingespritzt werden. Das eine ist Methylprednisolon, ein Abkömmling des Cortisons. Es verringert die Anzahl der Schwindelattacken. Das andere ist das Antibiotikum Gentamicin, mit dem quasi der Vestibularapparat, also das Gleichgewichtsorgan im Innenohr, abgeschaltet wird.

Aber das schaltet sich doch irgendwann auch wieder ein, oder?

Nein. Es ist dann für immer vergiftet und außer Kraft. Aber das Medikament wirkt langsam genug, sodass der Patient den Ausfall seines Vestibularapparates zu kompensieren lernt. Etwa durch seinen visuellen Sinn oder auch die Sinnesorgane in seinen Muskeln und Sehnen. Am Ende der Menièreschen Erkrankung steht ohnehin ein weitgehend zerstörtes Innenohr. Warum soll man dann dem Patienten bis dahin nicht die Tortur seiner vielen Schwindelattacken nehmen und ihm anbieten: "Pass auf, wir veröden jetzt dein Innenohr - und dann ist Ruhe im Karton." Wobei einigen Patienten schon allein der Gedanke daran Rettungsanker und Beruhigung genug ist, sodass sie ihn möglicherweise gar nicht in die Tat umsetzen lassen.

Aber wenn man den Gleichgewichtssinn verloren hat, sollte man wohl besser nicht nachts hinausgehen, oder? Denn dann fehlt doch der optische Sinn zur Kompensation.

Ja, im Dunkeln kann man dann schon Probleme bekommen. Wir raten daher auch manchen unserer Patienten, dass sie sich dann einen Nor-dic-Walking-Stock oder etwas Ähnliches mitnehmen. Aber so schlimm wird es meistens nicht. Denn der Menièresche Schwindel entwickelt sich ja meistens im Alter von 40 bis 50 Jahren - da sind wir alle noch in einem Alter, wo unser Gehirn noch sehr viel, also auch den Ausfall von Sinnesorganen, gut kompensieren kann.

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