Selbstdarsteller, mit Hang zur Überschätzung der eigenen Fähigkeiten: Wer eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hat, hält sich für groß - und andere für klein. FOTO: KNIEL SYNNATZSCHKE/WESTEND61/DPA-TMN
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Selbstdarsteller, mit Hang zur Überschätzung der eigenen Fähigkeiten: Wer eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hat, hält sich für groß - und andere für klein. FOTO: KNIEL SYNNATZSCHKE/WESTEND61/DPA-TMN

Ich - und dann alle anderen

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Kein Mitgefühl, Angst vor Kritik: Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung machen sich groß und andere klein. Experten erklären, was die Erkrankung kennzeichnet und wo Therapien ansetzen können.

Egoistisch, eingebildet, selbstverliebt. So würden die meisten wohl Narzissten beschreiben. Solche Menschen gieren förmlich nach Aufmerksamkeit und Bewunderung. Ehrgeizig sind sie oft auch. Tatsächlich haben sie nicht selten eine Führungsposition inne - und leisten Herausragendes. Und sie sind sehr von sich selbst überzeugt.

So ein Persönlichkeitsstil ist aber nicht zwangsweise krankhaft. "Bis zu einem gewissen Maße ist Narzissmus nur ein anderer Begriff für ein gesundes Streben nach Selbstwert", sagt der Hamburger Psychiater und Psychotherapeut Prof. Claas-Hinrich Lammers.

Von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung ist indes die Rede, wenn der Narzissmus bei dem Betroffenen und seiner Umgebung zu Leiden führt. Lammers schätzt, dass etwa ein Prozent der Bevölkerung eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hat.

Instabiles Selbstwertgefühl

Betroffene haben ein überhöhtes, aber zugleich auch instabiles Selbstwertgefühl. Das versuchen sie durch übertriebene und realitätsverzerrende Selbstdarstellung auszugleichen. Sie tendieren dazu, ihre Kompetenzen und Errungenschaften zu überschätzen.

Menschen mit dieser Störung stellen sich über andere und versuchen, deren Leistungen und Errungenschaften klein zu halten oder abzuwerten. "Ein solches Verhalten führt unweigerlich zu Konflikten", sagt Prof. Sabine Herpertz, Direktorin der Klinik für Allgemeine Psychiatrie am Universitätsklinikum Heidelberg. Sie zeigen wenig Mitgefühl und Interesse für andere. Werden ihre Wünsche nicht erfüllt, hagelt es Kritik. Stellen sich Misserfolge ein, reagieren sie mit Ärger, Aggression oder abwertenden Äußerungen.

Das Dilemma erklärt Lammers folgendermaßen: So wenig Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung Interesse für andere Menschen aufbringen, so sehr sind sie auf deren Aufmerksamkeit und Bewunderung angewiesen, um ihr Selbstwertgefühl zu stabilisieren. So entsteht ein Leidensdruck: Erstens aus den Spannungen und Konflikten mit anderen. Und zweitens aus der immer größer werdenden Kluft zwischen der Realität einerseits sowie der Anspruchshaltung und Selbstidealisierung andererseits. Werden Betroffene in ihre Schranken gewiesen, können sie in existenzielle Krisen geraten. "Ein großes Problem ist, dass Betroffene oft nur ein sehr geringes Krankheitsbewusstsein haben", sagt Sabine Herpertz, die im Vorstand der Fachgesellschaft DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde) sitzt. Wer an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung erkrankt ist, begibt sich oft erst wegen Folgeerkrankungen wie Depressionen, Essstörungen oder wegen einer Sucht in eine Psychotherapie.

Bei der Therapie geht es unter anderem darum, dass Betroffene erlernen, sich in andere hineinzufühlen. Sie sollen auch neue Verhaltensstrategien an die Hand bekommen, um besser mit anderen klarzukommen. Wer zu hohe Ansprüche an sich selbst stellt, bekommt erreichbare Ziele aufgezeigt. Generell wird bei der Therapie vordergründig geschaut, was Betroffenen eigentlich konkret fehlt, wie Lammers erklärt. Häufig sei die Selbstidealisierung und das Abwerten von anderen Menschen "nur eine Ersatzbefriedigung".

Bedürfnis nach Zugehörigkeit

Viele hätten im Grunde nur das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Geborgenheit. Ist die Störung heilbar? Lammers sagt dazu: "Man kann einen Menschen nicht grundsätzlich ändern." Vielmehr geht es bei der Therapie darum, extreme Verhaltens- und Denkweisen zu beleuchten und abzuwandeln. "Das verbessert die Lebensqualität des Patienten und reduziert Leiden", meint Lammers. Auch für dessen Umfeld.

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