Ganz allein - nicht nur in Zeiten der Corona-Krise? Das muss nicht schlecht sein, sagt Expertin Sonia Lippke. FOTO: DPA
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Ganz allein - nicht nur in Zeiten der Corona-Krise? Das muss nicht schlecht sein, sagt Expertin Sonia Lippke. FOTO: DPA

"Alleinsein kann auch guttun"

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Alleinsein. Einsamkeit. Isolation. Und neuerdings: social Distancing. Das Phänomen, ohne andere Menschen auskommen zu müssen, hat viele Namen. Doch ist es Fluch - oder vielleicht sogar Segen?

Das Alleinsein gehört zum Menschen dazu wie alles andere auch", sagt die Gesundheitspsychologin Sonia Lippke. Manche genießen dieses Gefühl und sind sich seiner Vorteile bewusst. Andere ertragen es kaum. "Aber Angst muss es einem nicht machen", so die Professorin, die an der Jacobs University Bremen unterrichtet.

Heute ist das Alleinsein ein neutraler Begriff, der oft auch positiv verwendet werden kann. "Das war im 18. und 19. Jahrhundert anders", sagt der Soziologe Janosch Schobin von der Universität Kassel. Damals waren Wortschöpfungen wie "mutterseelenallein" und Konjunktionen wie "ganz allein" gebräuchlich. Gemeint war damit: von allen geliebten Menschen verlassen, ohne sozialen Schutz. Die Einsamkeit war dagegen eher positiv. Sie bezog sich auf spirituelle Erlebnisse oder besondere Erfahrungen.

Hilfreich für die Selbstregulation

"Heute hat sich das fast komplett gedreht", sagt Schobin. "Alleinsein wird viel stärker mit Autonomievorstellungen verbunden - alleine leben, selbstständig sein. Einsamkeit wird dagegen eher mit Mangelerfahrungen und dem Verlust von Autonomie assoziiert: Einsamkeit ist zu einer Art des Gefangenseins im Alleinsein geworden."

Neueste Forschungen belegen, dass ein gewisses Maß an Alleinsein uns guttut. Es fördert zum Beispiel die Kreativität, die Konzentration und das Lernen. "Man hat mehr Zeit, sich mit sich selbst und Dingen auseinanderzusetzen und kann so neue Ideen entwickeln", sagt Lippke. "Es ist also eine Art Selbstreflexion." Ist man dagegen ständig mit anderen zusammen oder läuft mit der Masse mit, stellt man nur schwer fest, was einen selbst ausmacht und fördert.

Durch das Alleinsein kann man sich auch selbst regulieren und vielleicht sogar etwas im Leben verbessern. Nimmt man sich vor, sportlicher zu werden, scheitert das oft am Alltag. "Aber im Alleinsein funktioniert die Selbstregulation besser, und zum Beispiel Rückenübungen können so wie geplant ausgeführt werden", erklärt Lippke.

Indirekt kann man über andere lernen

Indirekt kann man so auch etwas über andere lernen. Denn beim Alleinsein reflektiert man nicht nur über sich, sondern auch über andere: "Man kann viel über andere feststellen, welche Eigenheiten sie haben und wie die sich auf einen selbst übertragen", sagt Lippke. Ein Beispiel dafür: "In Studien wurde herausgefunden, dass zum Beispiel jemand, der mit Rauchern befreundet ist, eher Gefahr läuft, auch zu rauchen", erklärt Lippke. Hört ein Freund auf, ist es wahrscheinlicher, dass der Raucher selbst auch aufhört. "Andersherum ist es allerdings möglich, dass man selbst mit dem Rauchen aufhören will und es beim Alleinsein klappt - aber im Freundeskreis oder in der alten Kneipe bricht man mit dem Vorsatz."

Aber warum mögen dann manche das Alleinsein nicht? "Man muss das Positive sehen können", sagt Lippke. Manche sind sozial und suchen trotzdem das Alleinsein, als sozialen Detox sozusagen. Denn die vielen Reize im Alltag können überfordern. "Dann ist es gut, bewusst alleine zu sein. Ohne E-Mails oder Videokonferenzen."

Andere empfinden genau das als belastend. Sie suchen den Austausch mit anderen Menschen, sorgen sich um die anderen oder haben Angst vor der Einsamkeit. "Hier ist die eigene Lebensphase oder -situation entscheidend und ob das Alleinesein selbst gewollt ist", sagt Lippke. Einsamkeit ist dagegen ein Frühwarnsignal. "Im Leben gibt es Phasen, in denen wir uns eher einsam fühlen", sagt Lippke. Typischerweise tritt das Phänomen das erste Mal auf, wenn junge Menschen von daheim ausziehen. Doch das sind kurze Momente im Leben, die vorbeigehen. "Wichtig ist, es wahrzunehmen und als Impuls zu nutzen, dass man etwas ändern kann. Ein Einsiedler kann auch mal in die Stadt gehen. Er kann selbst entscheiden, was er will."

Nimmt man die Einsamkeit also wahr, kann man sie nutzen - indem man selbst etwas tut. "Man sollte bewusst Austausch und Begegnung suchen - ob medial vermittelt oder in Person, darauf kommt es nicht an", sagt Lippke.

Und ab wann gleitet man in die Isolation ab? "Es gibt keine feste Definition, ab wann jemand als sozial isoliert gilt", sagt Schobin. Im Alltag sind Menschen meistens nur teilweise isoliert - also zum Beispiel von Partnern, Kindern, Freunden oder gesamtgesellschaftlich abgeschnitten - aber fast nie von allen Gruppen zugleich. Das gilt auch in Zeiten der Corona-Krise: Schließlich gibt es bei aller räumlichen Distanz ja noch immer die Möglichkeit, Kontakt mit anderen zu haben.

Wann diese Teilisolation trotzdem in eine negative Einsamkeit umschlägt, hängt von vielen Faktoren ab - individuellen, situativen und kulturellen. "Man kann aber sagen: Fühlt sich jemand einsam, ist das bereits zu viel für diese Person." Denn das Gefühl ist ein Zeichen: Da stimmt etwas mit meiner Einbindung in meine soziale Umwelt nicht.

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