Open-World-Rollenspiel

Cyberpunk 2077 in der Vorschau: Wird das Spiel ein Next-Gen-Brecher?

  • vonChristian Böttcher
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Kaum ein Spiel sorgt für solch ein Aufsehen wie Cyberpunk 2077 von CD Projekt RED. Nun konnten wir erstmals Hand anlegen und verraten unsere Eindrücke.

  • Cyberpunk 2077 erscheint am 19. November 2020 für PC, PS4, Xbox One und Google Stadia.
  • Ingame.de konnte das First-Person-Rollenspiel bereits rund vier Stunden anspielen.
  • Die Vorschau zeigt, was Spieler vom Mammut-Projekt von CD Projekt RED erwarten können.

Warschau, Polen – Atemberaubend! Mit nur einem Wort schob Action-Ikone Keanu Reeves während der E3 2019 ein wahres Hype-Karussel um Cyberpunk 2077 an, das sich bis heute zu dreckigen Synthwave-Beats weiterdreht. Obwohl der Titel inzwischen zwei Release-Verschiebungen auf dem Kerbholz hat und damit knapp sieben Monate später erscheint als ursprünglich geplant, dürsten Fans nach mehr Einzelheiten zum Open World-Blockbuster. Bislang hielt sich der polnische Entwickler mit Informationshäppchen vornehm zurück, doch am 25. Juli sollen Fans endlich neues Gameplay-Material im Rahmen des Night City Wire-Events zu sehen bekommen. Pünktlich dazu konnten Journalisten das erste Mal selbst in die Welt von Cyberpunk 2077 eintauchen und das RPG rund vier Stunden anspielen – darunter auch ingame.de. Unsere Vorschau zeigt, ob das neue Mammut-Projekt der Witcher-Macher den Vorschusslorbeeren von John Wick gerecht wird oder die neongrelle Cyberpunk-Fassade am 19. November krachend einstürzt.

Name des Spiels

Cyberpunk 2077

Release (Datum der Erstveröffentlichung)

19. November 2020

Publisher (Herausgeber)

Bandai Namco (Europa), Warner Bros. (Nordamerika), Spike Chunsoft (Japan)

Serie

-

Plattform

PS4, Xbox One, PC, Google Stadia, PS5, Xbox Series X

Entwickler

CD Projekt RED

Genre

Action-Rollenspiel, Open World

Cyberpunk 2077: Charakter-Editor und Life Paths – Welchen Charakter kann ich spielen?

Seitdem Cyberpunk 2077 vor sage und schreibe acht Jahren erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurde, fiebern Kritiker wie Fans gleichermaßen darauf hin, das schmutzige Sci-Fi-Epos endlich auch spielerisch erleben zu können. Am 23. Juni war es dann so weit und erste Mitglieder der Presse durften als Protagonist_in V die große Metropole des Spiels, Night City, unsicher machen. Rund vier Stunden lang konnten wir das Action-RPG auf Herz und Nieren anspielen, in denen CD Projekt RED nicht nur den Charakter-Editor und einen begrenzten Abschnitt der Geschichte präsentierte, sondern eins schnell deutlich machte: Cyberpunk 2077 ist so gut wie fertig und will gespielt werden. Dementsprechend stand uns der Prolog in seiner Gänze offen und auch die Open World des First-Person-Rollenspiels war nicht von unsichtbaren Wänden begrenzt oder nur zu Testzwecken bestückt worden. Es galt also, die vier Stunden optimal zu nutzen, um einen möglichst breit gefächerten Eindruck vom Spiel zu erhalten.

Als Corpo-V in Cyberpunk 2077 werden wir mit diesem finsteren Zeitgenossen konfrontiert.

Doch wie in jedem guten Rollenspiel müssen wir auch in Cyberpunk 2077 zunächst eine große Entscheidung treffen, bevor wir uns ins düstere Sci-Fi-Abenteuer stürzen: Welche Rolle wollen wir spielen in einer nicht allzu fernen Zukunft, in der Körper-Modifikationen längst zum blutigen Alltag gehören und Mega-Konzerne jeden Schritt des öffentlichen Lebens kontrollieren? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, wirft uns CD Projekt RED zum Start in einen Charakter-Editor und bricht somit direkt mit einer Tradition der erfolgreichen The Witcher-Reihe. Statt Night City mit einem vorgefertigten Charakter wie Geralt von Riva zu erobern, dürfen wir in Cyberpunk 2077 nämlich selbst Hand anlegen. Und das wortwörtlich, denn der umfangreiche Editor, in dem unserer Kreativität in puncto Farbgestaltung, Geschlecht und Sci-Fi-Körperschmuck kaum Grenzen gesetzt sind, umfasst auch einen Slider für die Genitalien. Kaum verwunderlich, denn CD Projekt RED kündigte bereits an, dass Romanzen auch im neuen RPG wieder eine große Rolle spielen werden.

Doch selbst der größte Paradiesvogel von Night City ist nichts ohne eine spektakuläre Hintergrundgeschichte. Zum Start von Cyberpunk 2077 entscheiden wir uns also zusätzlich für einen von drei sogenannten Life Paths, die großen Einfluss auf den Verlauf der Story nehmen und alle einen völlig anderen Einstieg ins Spiel bedeuten. 

  • Street Kid: Wählen wir einen Background als Street Kid, beginnt unsere Reise in Heywood, einem der Armenviertel von Night City, wo wir uns einen Namen bei der örtlichen Gang, den Valentinos, machen müssen. Als Street Kid zeichnen wir uns durch Straßenschläue aus und erhaltet dementsprechend mehr Dialog-Optionen, wenn es darum geht, kleinere Deals auszuhandeln oder Gang-Wissen auf die Probe zu stellen.
  • Corpo: Vom Bordstein zur Skyline und wieder zurück geht es hingegen, wenn wir als Corpo in die Welt von Cyberpunk 2077 einsteigen. Weit oben im Zentrum der Macht, dem Arasaka-Tower, lernen wir, was es heißt, zur Elite der Gesellschaft zu gehören, nur um Minuten später unsanft am Boden der Tatsachen aufzuschlagen. Corpos müssen sich um Geld nur wenig Sorgen machen, haben stets die wichtigsten Aktienkurse im Blick – buchstäblich, denn sie sind Teil des UI – und kennen sich bestens mit den mächtigen Militärorganisationen von Night City aus, was in so manch einem Dialog eine echte Hilfe sein kann.
  • Nomad: Den Kontrast dazu bildet der Life Path des Nomad. Hier starten wir unsere Reise nicht in der Metropole selbst, sondern in den Badlands vor ihren Toren. Dort soll uns im späteren Spielverlauf auch die Hauptstory hinführen, doch zum Start ist die staubige Einöde mit freiem Blick auf die Türme der Großstadt für die einsamen Wölfe reserviert. Im unmittelbaren Überlebenskampf sind Nomaden Experten und treffen sie auf andere Aussätzige, erhalten sie völlig neue Dialogoptionen.

Wir konnten in unserer Session zwar nur zwei der drei Life Path-Intros anspielen, die rund 20 Minuten andauernden Story-Happen unterscheiden sich aber derart stark voneinander, dass es sich durchaus lohnen kann, das Spiel mehrfach durchzuspielen, um die Geschichte aus einer anderen Perspektive und mit anderen Vor- und Nachteilen zu erleben. Hat man das gewählte Intro abgeschlossen, folgt jedoch noch ein weiterer Prolog, der Senior Level Designer Miles Tost zufolge in Länge und Umfang etwa mit dem Weißgarten-Areal in The Witcher 3: Wild Hunt zu vergleichen ist.

Cyberpunk 2077: Dialoge, Story und Figuren – Knüpft CD Projekt an alte Stärken an?

Diesen Teil des Spiels, den CD Projekt RED in Auszügen bereits der Öffentlichkeit präsentierte, konnten wir nun erstmals selbst anspielen. Zunächst begibt sich unser männlicher Corpo-V also mit seinem jahrelangen Freund und Aushilfsgangster Jackie auf die Suche nach einer mysteriösen Frau aus der High Society, die aufgrund ihrer sündhaft teuren Körper-Modifikationen wohl einer Art futuristischem Organhändler-Ring zum Opfer gefallen ist. Obwohl die Sequenz stark auf schnell getaktete Action-Passagen setzt, wird schon jetzt klar: Cyberpunk 2077 ist nur selten ein chaotischer Open-World-Spielplatz wie beispielsweise ein GTA. Stattdessen setzt CD Projekt RED auch bei seinem zweiten Franchise alles auf eine stringent erzählte Story und Dialoge so einzigartig wie der Wagen des Protagonisten.

Der Star von Cyberpunk 2077 ist dabei ganz klar das dynamische Questsystem. Denn wo andere Spiele vorgeben, jede Entscheidung habe im Laufe der Geschichte weitreichende Konsequenzen, so können wir diese in Night City direkt am eigenen Leib spüren. Fehlt unserer Spielfigur eine entscheidende Information, weil wir sie zuvor nicht erfragt haben oder unser Skill in einem bestimmten Bereich noch nicht hoch genug ist, müssen wir mit den Konsequenzen leben – und das gilt sowohl für die Hauptgeschichte also auch die vielen Nebenquests, die am Wegesrand auf uns warten. So wird es auch in Cyberpunk 2077 wieder Aufgaben geben, die wir ab einem bestimmten Punkt der Geschichte nicht mehr abschließen können, weil sich beispielsweise die Spielwelt zu stark verändert hat oder der Questgeber aufgrund unserer Entscheidungen sein Leben lassen musste.

Jede Entscheidung in Cyberpunk 2077 hat weitreichende Konsequenzen für die Story.

In einer späteren Quest, in der es darum geht, für unseren neuen Arbeitgeber eine tödliche Militärwaffe zu beschaffen, beispielsweise können wir durch unsere Corpo-Vergangenheit in Erfahrung bringen, dass ein Geschäftspartner uns mit einem Virus in die Falle locken will. Doch statt die Geschichte in unausweichliche Konfrontation zu lenken, gibt uns Cyberpunk 2077 die Wahl, ob wir dieses Wissen nutzen, um den Verräter unsererseits in die Irre zu führen, ihn an die Gegenseite zu verraten oder im direkten Kampf anzugehen. Es scheint als habe sich CD Projekt vorgenommen, die schon in The Witcher 3 komplexen Geschichten um noch drei weitere Ecken und Twists zu erweitern. Das mag angesichts der vielschichtigen Spielwelt von Night City anfangs etwas überfordern, denn Cyberpunk-Konzepte à la Braindance, Ripperdoc und Augmentationen sind schlicht nicht so etabliert wie Fantasy-Evergreens wie Monster, Drachen und holde Burgfräuleins, doch eröffnen sie weit mehr ethische und philosophische Ansätze, mit dem Quellmaterial umzugehen.

Anders als es jetzt vielleicht klingen mag, ist Cyberpunk 2077 aber kein verkopftes Rollenspiel nur für Sci-Fi-Nerds. Denn die Metropole Night City ist ein hartes Pflaster, in der die Menschen nur selten ein Blatt vor den Mund nehmen. Waren die direkten, aber nie ins Alberne abdriftenden Dialoge schon eine der großen Stärken von The Witcher 3, schießt CD Projekt hier erneut den Vogel ab. Jede noch so kleine Unterhaltung ist unterhaltsam geschrieben und dank gelungenem Motion Capturing so ins Spiel implementiert, dass das Zuhören auch nach Stunden noch Freude bereitet. Und Freude an Dialogen müssen Spieler von Cyberpunk 2077 haben, denn auch im neuen Projekt des polnischen Studios sind sie das A und O. Wer einen reinen Action-Shooter erwartet, ist in Night City an der falschen Adresse, denn nicht ohne Grund basiert Cyberpunk 2077 auf einem Pen&Paper-Rollenspiel von Mike Pondsmith.

Cyberpunk 2077: Schießen, Schleichen, Hacken – Wie gut spielt sich das First-Person-Rollenspiel?

Schießen, Schleichen, Hacken: Wie kaum ein anderes Spiel bringt Cyberpunk diese drei Elemente unter einen Hut.

Soll aber natürlich nicht heißen, dass CD Projekt RED die Gameplay-Elemente des First-Person-Rollenspiels vergessen hat. Ganz im Gegenteil. Obwohl sich der Entwickler aus Warschau mit Cyberpunk 2077 erstmals in Shooter-Gefilde vorwagt, können wir schon jetzt sagen: Auch spielerisch scheint alles aus einem Guß. Waren wir zunächst skeptisch, ob das Team Shooter-, Stealth und Hacking-Parts unter einen Hut bekommen kann, folgte während unserer Session die große Erleichterung. Dank der neuen Ego-Perspektive, die sich übrigens nicht wechseln lässt, spielt sich Cyberpunk 2077 richtig gut. Um den zahlreichen Gegnern, die Gangs und Mega-Konzerne Protagonist_in V auf den Hals hetzen, Herr zu werden, verfügt unser Charakter über zahlreiche Waffen, Tools und Technik-Spielereien.

So können wir uns ihnen im offenen Kampf entgegenstellen. Dazu gibt uns Cyberpunk 2077 ein Arsenal verschiedenster Waffen in sechs Raritätsstufen an die Hand. Von klassischen Pistolen über Katanas bis hin zu Sniper-Gewehren, die bei Bedarf sogar durch Wände schießen können, ist alles mit dabei, was sich Shooter-Fans wünschen können. Unterschieden werden die Waffen dabei in die drei Typen Power, Smart und Tech, die alle mit unterschiedlichen Arten von Munition, Stärken und Schwächen daherkommen. Einen klassischen Deckungshooter dürfen Spieler nicht erwarten, doch die offene Spielwelt ist so konzipiert, dass man fast überall Deckung vor feindlichem Beschuss findet. Die Schusswechsel fühlten sich bislang wuchtig und sehr direkt an, auch wenn unter der massiven Partikeleffekt-Flut beim Drauflosballern gern mal die Übersicht im Kampf leidet. Waffen sind jedoch nur eine Möglichkeit, Gegner in Cyberpunk 2077 auszuschalten.

Fast alles in Night City lässt sich Hacken, was dem Gameplay von Cyberpunk 2077 eine völlig neue Ebene verleiht.

Wer dem direkten Gefecht lieber aus dem Weg gehen möchte, um das Spiel durchzuspielen, ohne auch nur einen einzigen Gegner zu töten, kann sich stattdessen im Schleichen versuchen. Genau wie The Witcher 3 seinerzeit erfindet auch Cyberpunk 2077 das Rad hier nicht neu. Stattdessen setzt das Team auf bekannte Elemente aus anderen Spielen, die für das eigene Projekt verfeinert wurden. Mithilfe eingebauter Hacking-Hardware markieren wir Gegner und verfolgen so ihre Laufwege. Entdecken uns die Widersacher, füllt sich über ihrem Kopf eine Leiste, die uns signalisiert: Versteck dich oder stirb! Nach einer erfolgreichen Exekution von hinten schleppen wir ihre schlaffen Körper zur nächsten Mülltonne, um unsere Spuren zu verwischen. All diese Mechaniken sind eingeschworenen Gamern bereits bekannt, funktionieren im Kosmos von Cyberpunk 2077 aber hervorragend. Innovation liefert CD Projekt RED stattdessen bei der dritten großen Gameplay-Säule.

Denn was wäre ein Cyberpunk-Setting ohne Hackerangriffe aus dem Hinterhalt? Das professionelle Hacken von Umgebung und Gegnern ist in Cyberpunk 2077 den sogenannten Netrunnern vorbehalten. Doch selbst wenn wir V zum größten Haudrauf von Night City geskillt habt, könnt wir trotzdem die einfachsten Hacker-Jobs übernehmen. Da die Cyber-Kontrolle über Geräte und Menschen allerdings gelernt sein will, verfügt V über eine Art Hacking-Ressource, das sogenannte Cyberdeck, die verhindert, dass wir alles und jeden in Night City unter unsere Kontrolle bringen können. Stattdessen fordert jeder Hack von uns eine bestimmte Anzahl von Punkten, die wir einsetzen, um Kameras zu übernehmen, Gegner kurzfristig erblinden zu lassen oder an einen bestimmten Ort zu locken. Doch selbst wenn wir im ersten Moment nicht genügend Punkte für einen Hack zur Verfügung haben, können wir mithilfe eines Minigames unsere Cyberdeck-Kosten reduzieren.

Cyberpunk 2077: Customization und Charakterfortschritt – Ein waschechtes Rollenspiel trotz Shooter-Mechanik?

Hinzu kommen zahlreiche Möglichkeiten, den eigenen Charakter weiter zu verbessern. Ein dediziertes Klassensystem gibt es in Cyberpunk 2077 jedoch nicht. Stattdessen hat der Spieler jederzeit die Kontroller darüber, in welche Richtung der seinen Charakter entwickeln möchte. Das funktioniert mithilfe von zwei verschiedenen Ressourcen. Erfahrungspunkte erhalten wir in der Regel für Quests. Beim Levelaufstieg könnt ihr sie in diese fünf verschiedenen Attribute stecken, die euch in verschiedensten Bereichen verbessern:

Cyberpunk 2077 Attribute

Attribut

Klasse

Effekt

Body

Körperkraft

  • Erhöht Lebenspunkte
  • Verringert Streuung von Kugeln
  • Erhöht Nahkampfschaden
  • Erhöht maximale Ausdauer
  • Reflex

    Koordination und Geschwindigkeit

    • Erhöht kritische Trefferchance
    • Erhöht Angriffsgeschwindigkeit
    • Erhöht Ausweichchance

    Intelligence

    Intellekt und Gedächtnis

    • Verringert Schwierigkeit beim Hacken
    • Verringert benötigte Zeit, um Programme hochzuladen
    • Verringert den Memory Pool

    Technical Ability

    Technisches Wissen

    • Erhöht die Rüstung
    • Erhöht die Chance, Crafting-Materialien zu looten

    Cool

    Selbstkontrole und Willenskraft

    • Verbessert Stealth
    • Verringert Sichtbarkeit für NPCs
    • Erhöht kritischen Schaden
    • Erhöhrt Effekt-Resistenzen

    Zusätzlich dazu kaufen wir innerhalb dieser fünf Skill-Bäume einzelne Perks, die uns aktiv beim Überleben in Night City helfen oder passive Boni geben. Der Talentbaum Cool beispielsweise ist weiter unterteilt in Stealth und Cold Blood. Während wir unsere Perk-Punkte im Stealth-Baum beispielsweise dafür einsetzen, Gegner von erhöhter Position meucheln zu können, gibt uns der Cold Blood-Baum spielerische Vorteile, wenn die Lebenspunkte von V unter 40% fallen..

    Cyberpunk 2077: Bei Ripperdocs können wir neue Implantate für unseren modifizierten Körper kaufen.

    Auch wenn die zweite Ressource im ersten Moment mehr nach TeenagerPhantasie als einer tatsächlichen Spielmechanik klingt, ist sie enorm wichtig: Street Credibility (kurz Street Cred). Unsere Glaubwürdigkeit auf den Straßen von Night City erhöhen wir durch zahlreiche Open World-Aktivitäten oder, indem wir uns auf die Jagd nach Cyber-Psychos machen. Das sind Nebenquests, in denen wir Verbrechern auf die Spur kommen und diese anschließend im Kampf ausschalten müssen – vergleichbar mit den Monsterjagd-Quests aus The Witcher 3. Je höher unsere Street Cred, desto mehr Händler öffnen uns in Night City ihre Pforten und desto bessere Items warten auf uns.

    Cyberpunk 2077: Grafisches Brett – Wie gut sieht das Spiel wirklich aus?

    Nachdem The Witcher 3 zum Release in 2015 mit herben Downgrade-Vorwürfen zu kämpfen hatte, sorgte auch die grafische Power von Cyberpunk 2077 im Vorfeld für skeptische Gesicher bei den Fans. Die ersten Trailer von Night City, in denen sich die neongrelle Metropole in schillernden Facetten zeigte und so belebt schien, dass selbst die Shibuya-Kreuzung dagegen alt aussah, erschienen schlichtweg zu schön, um wahr zu sein und auch in unserer Cyberpunk 2077-Vorschau von der Gamescom 2019* blieb uns nicht anderes als Grafik und Spielwelt von Cyberpunk 2077 mit dem Prädikat "bombastisch" zu quittieren. Doch ist der Lack nach unserer Session nun ab und die Welt von Cyberpunk 2077 entmystifiziert? Ganz im Gegenteil. Nach unseren rund vier Stunden mit dem Spiel kommen wir zu dem Fazit: Downgrade war gestern, CD Projekt setzt auf grafische Upgrades.

    Es scheint als wäre der Neokitsch von Cyberpunk 2077 wie für Raytracing gemacht – eine Augenweide!

    Denn es scheint fast so als wäre nicht Cyberpunk 2077 für Ractracing optimiert, sondern Raytracing erst für Cyberpunk 2077 erfunden worden. Grafisch ist das First-Person-Rollenspiel schlichtweg eine Augenweide. Wir konnten die PC-Fassung mit Nvidia Raytracing-fähiger Grafikkarte ausprobieren und das Spiel damit so genießen wie es momentan nicht besser geht. Nicht ohne Grund hat der polnische Entwickler eigens ein Team nur für die Werbeplakate im Spiel aus dem Boden gestampft. Die glitzern und glänzen nun in dermaßen farbenfrohen Lichtspielen an den Fassaden der turmhohen Gebäude, dass wir auf dem Boden kaum eine Pfütze finden konnten, die das Licht nicht in atemberaubenden Wellen bricht. Doch damit findet die grafische Duftmarke von Cyberpunk 2077 noch nicht ihr Ende, denn auch die Texturen des Open-World-Abenteuers lassen kaum wünsche offen. Im Rahmen unserer vierstündigen Session konnten wir kaum zwei Texturen finden, die sich aufs Haar glichen – alles handgemacht und in der hauseigenen REDengine 4 entwickelt eben.

    Jetzt könnte man natürlich vermuten, dass hinter dieser Grafik-Fassade nichts weiter wartet als eine leere Spielwelt, sporadisch bestückt mit Werbetafeln und spektakulär texturiert. Doch Pustekuchen! Denn sobald man aus einem der im Kitsch-Stil eingerichteten Wohnblöcke tritt, zeigt sich, wie viel Liebe CD Projekt RED in Night City versenkt hat. Denn auch noch Jahre nach den ersten Trailern ist die Welt von Cyberpunk 2077 so belebt wie man es sich nur wünschen kann. An jeder Kreuzung gehen unzählige NPCS ihrem Tagwerk nach, reagieren dynamisch auf V und wirken dabei zu keiner Zeit wie seelenlose platzierte Entitäten. Selbst in den vermeintlich kleinsten Hinterhöfen tobt das blühende Leben. Egal ob naive Kinder, die sich in Nachbarschaft zu Drogenhandel, Sexarbeit und Gewalt mit einer Runde Seilspringen ablenken oder ein Tatort zwischen zwei Foodtrucks, der mit modernster Holo-Technologie untersucht wird: CD Projekt RED erzählt seine Geschichten nicht nur im Rahmen der Hauptquest. In Cyberpunk 2077 ist die Welt eine einzige pulsierende Geschichte.

    Cyberpunk 2077: Das belebte Night City ist der heimliche Star des Spiels.

    Cyberpunk 2077: Vertikalität als Nonplusultra – Wie groß ist die Spielwelt?

    Trotzdem fragen viele zunächst nach dem Umfang des Spiels, wenn es um Spielspaß geht. Doch auch hier hat CD Projekt eine passende Antwort parat. So sei Cyberpunk 2077 flächenmäßig The Witcher 3: Wild Hunt deutlich unterlegen, doch die tatsächliche Größe der Spielwelt befindet sich on par mit der des Fantasy-Epos rund um Geralt von Riva. Denn während man als Monsterschlächter noch stets in die Ferne geschaut hat, um sein nächstes Ziel zu entdecken, wandert der Blick in Cyberpunk 2077 unweigerlich nach oben. Vertikalität heißt das Stichwort, das sich CD Projekt RED ganz oben auf die Fahne geschrieben hat, um Night City zu der Metropolis zu machen, die sie ist. Statt die Spielwelt also bereisen, geht es im düsteren Sci-Fi-Brett aus Warschau vielmehr darum, sie zu erklimmen. Die vielen Schichten der Stadt ermöglichen es nicht nur, mehr Geschichten auf vermeintlich weniger Raum zu erzählen, auch spielerisch profitiert Cyberpunk 2077 von seiner Vertikalität, denn sie zwingt den Entwickler ganz automatisch dazu, deutlich mehr mögliche Wege von A nach B zu finden als bei einer platten Szenerie.

    Cyberpunk 2077 setzt auf Höhe statt auf Weite. Nur in den Badlands verzichtet das Spiel auf Vertikalität.

    Doch die Vertikalität bringt auch Nachteile mit sich. So entpuppen sich die Pferdestärken, mit denen V in Cyberpunk 2077 ausgestattet wurde, schnell als Einbahnstraße. Genau wie einst bei Plötze hat der Spieler jederzeit die Möglichkeit, sich eines seiner Fahrzeuge an die Seite zu rufen. Da die meisten interessanten Quests und Aktivitäten aber in luftiger Höhe stattfinden, bleiben die zahlreichen Vehikel, von Motorrad bis hin zum Käfer, mit denen sich in Cyberpunk 2077 herumcruisen lässt, hinter ihrem Potenzial zurück – nicht zuletzt deshalb, weil auch die Fahrzeugsteuerung derzeit noch recht schwammig daherkommt. Deutlich mehr Eingewöhnungszeit verlangt die Orientierung in Night City. Dadurch, dass CD Projekt RED viele Ebenen übereinanderstapelt und sich points of interest (POIs) nicht selten in ein und demselben Gebäude befinden, kann die Suche nach ihnen schnell zur Zerreißprobe werden. Glücklicherweise zeigen Questmarker ziemlich akkurat die Höhenunterschiede im Spiel an, doch durch die vielen verwinkelten Gänge und die recht eindimensionale Karte lässt Cyberpunk 2077 hier Potenzial liegen. Bis zum Release am 19. November darf CD Projekt RED hier gern noch nachbessern.

    Cyberpunk 2077: Fazit zum Next-Gen-Brecher von CD Projekt RED

    Nach viel zu kurzen vier Stunden mit dem neuen Mammut-Rollenspiel von CD Projekt RED ist für uns eines klar: Cyberpunk 2077 wird zum Release die Gaming-Landschaft erschüttern. Nicht, weil es First-Person-RPGs in Sachen Gameplay revolutioniert. Genau genommen macht es nicht viel mehr, als altbekannte Shooter- und Stealth-Elemente aufzugreifen und auf ein Rollenspiel-Fundament zu setzen, das seit Jahren Gold-Standard in der Branche ist. Und doch hat bisher kein anderes Rollenspiel diese Aspekte so griffig und schnörkellos miteinander verschmolzen. Stattdessen ist sich das polnische Studios der eigenen Stärken so dermaßen bewusst, dass es nicht viel mehr braucht als Setting und Spielwelt, um schon jetzt eine Messlatte für Next-Gen-Rollenspiele zu setzen, an der sich die Konkurrenz noch in fünf Jahren die Zähne ausbeißt. Night City ist der Inbegriff einer belebten Spielwelt und bietet perfekten Nährboden für eine erwachsene, schmutzige Geschichte, die das Cyberpunk-Genre in neue Höhen katapultieren wird. Denn wenn CD Projekt RED eins kann, dann ist es Geschichten zu erzählen, die es wert sind, gehört zu werden, mit Figuren, die es wert sind, getroffen zu werden und Dialogen, die es wert sind, in Stein gemeißelt zu werden. Nun soll es zusätzlich auch noch eine Cyberpunk 2077 Serie auf Netflix* geben. 

    *ingame.de ist Teil des bundesweiten Redaktionsnetzwerkes der Ippen-Digital-Zentralredaktion

    Rubriklistenbild: © CD Projekt RED

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