Organspender wird in Deutschland auch künftig nur, wer dem zu Lebzeiten ausdrücklich zugestimmt hat. Ein gestern vom Bundestag beschlossenes Gesetz sieht allerdings vor, die Bürger bei Behördengängen und Arztbesuchen zu einer Entscheidung zu ermuntern. FOTO: AFP
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Organspender wird in Deutschland auch künftig nur, wer dem zu Lebzeiten ausdrücklich zugestimmt hat. Ein gestern vom Bundestag beschlossenes Gesetz sieht allerdings vor, die Bürger bei Behördengängen und Arztbesuchen zu einer Entscheidung zu ermuntern. FOTO: AFP

Zwischen Leben und Tod

  • vonDPA
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Der Ton ist leise, die Parteigrenzen sind aufgehoben. Fast andächtig geht es im Bundestag zu bei der entscheidenden Debatte zur Organspende. Von der Entscheidung zeigen sich Betroffene hinterher aber bitter enttäuscht.

Barbara Backer muss schlucken, als das Ergebnis bekanntgegeben wird. "Das ist eine Katastrophe", sagt sie den Tränen nahe. "Mir sterben die Menschen unter den Händen weg." Von der Besuchertribüne des Bundestags hat die 59-Jährige zuvor die Debatte über die Zukunft von Organspenden in Deutschland verfolgt. Mehr als zwei Stunden dauert sie. Nach monatelangen Diskussionen soll eine Entscheidung in der so sensiblen Frage für Millionen Menschen her. Es geht um Selbstbestimmung und Solidarität. Es geht um die heikle Frage, ob es einen radikalen Neustart geben soll, um zu mehr Spenden zu kommen.

Das Ergebnis ist dann klarer, als manche erwartet hatten. Mit 292 zu 379 Stimmen scheitert der Vorstoß einer Abgeordnetengruppe um Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der eine kleine Revolution bedeutet hätte: Bisher sind Organentnahmen nur bei ausdrücklich erklärtem Ja zulässig. Künftig sollte es umgekehrt sein: Alle sind erst einmal Organspender, außer man sagt ausdrücklich Nein. Darauf hat auch Barbara Backer gehofft, die 2004 eine Leber transplantiert bekam. Sie setzt sich als Chefin des Vereins "Organtransplantierte Ostfriesland" auch politisch für mehr Organspenden ein und betreut Wartepatienten, Transplantierte, Angehörige und Freunde.

"Es fühlt sich an wie ein Schlag ins Gesicht für diese Leute", sagt auch Marius Schaefer. Der 19-jährige aus dem Sauerland sitzt mit Mundschutz neben seinem Vater auf der Besuchertribüne des Bundestages. Vater und Mutter hatten Marius als Elfjährigem das Leben gerettet - jeder gab einen Teil der Lunge. Die vielen Betroffenen, die auf ein Organ warten, hätten auf diesen Tag gebaut, sagt er enttäuscht. "Das Recht auf Leben sollte deutlich mehr zählen, als das Recht darauf, unversehrt begraben zu werden."

Am Rednerpult werden Mahnungen und Warnungen laut - oft in gegensätzlicher Stoßrichtung innerhalb einer Fraktion. Der Vorgänger von Spahn im Gesundheitsressort, Hermann Gröhe (CDU), mahnt: "Jeder Mensch hat ein Selbstbestimmungsrecht." Das Recht auf körperliche Unversehrtheit dürfe nicht erst durch einen Widerspruch aktiviert werden. Spahn räumt ein, es sei eine Zumutung, wenn man widersprechen müsste, wolle man nicht Organspender sein. Die sei aber eine Zumutung, "die Menschenleben rettet".

Ruhige Atmosphäre

Die Mehrheit bekommt der ebenfalls fraktionsübergreifende Vorschlag einer anderen Gruppe um Grünen-Chefin Annalena Baerbock. Demnach sollen alle Bürger mindestens alle zehn Jahre beim Ausweisabholen auf das Thema Organspende angesprochen werden. Sie sollen sich dann auch - was aber keine Pflicht sein wird - in ein neues Online-Register eintragen können. Es bleibt aber dabei: Wenn sie Organspender sein wollen, müssen die Bürger selbst aktiv werden und diesen Willen bekunden.

Die Atmosphäre im voll besetzten Bundestag ist fast andächtig. Von den 24 Rednern hat jeder fünf Minuten Zeit. Beide Seiten argumentieren grundsätzlich, ethisch, rechtlich. "Das, was ich will, das mir selbst zugute kommt, muss ich auch bereit sein, anderen zu geben", sagt Karl Lauterbach von der SPD, der mit Spahn schon jahrelang im Bundestag über Gesundheitspolitik verhandelt hat und in dieser Frage mit ihm einer Meinung ist. "Das ist in der Tradition der Aufklärung." Dieses Modell gebe es in vielen anderen europäischen Ländern, wo es auch zu mehr Organspenden komme.

"Man verkennt damit die Realität hier bei uns in Deutschland", entgegnet Baerbock. So könnten in anderen Ländern Organe auch bei einem Herztod entnommen werden, nicht nur bei Hirntod wie in Deutschland. Und vor allem gelte in Deutschland das Grundgesetz - und daraus abgeleitet das Recht auf Selbstbestimmung.

Besonders ruhig wird es immer dann, wenn die Abgeordneten von Betroffenen berichten. Über den einjährigen Daniel in München, der schon seit 420 Tagen auf ein Spenderherz wartet. Oder über das neunjährige Mädchen, deren Leben und das ihrer Familie sich seit fast zwei Jahren in dem winzigen Umkreis rund um die Herzmaschine in einer Hamburger Klinik abspielt.

Die Widerspruchslösung kommt nun nicht. Lauterbach rechnet damit, dass die Debatte darüber in ein paar Jahren wieder geführt werden wird, weil seiner Ansicht nach mit der jetzt gefundenen Lösung "die Spenderzahlen nicht besser werden".

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