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Putin-Test für G20 platzt: Lawrow geht vorzeitig – ZDF-Reporter nach Frage „sofort rausgeschmissen“

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Von: Michelle Brey

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Sergej Lawrow verlässt den G20-Gipfel auf Bali vorzeitig. Ein Journalist fliegt nach einer Frage an den russischen Außenminister raus.

Nusa Dua/München - Unter großem Medienaufgebot ist der russische Außenminister Sergej Lawrow am Freitag (8. Juli) zu den Gesprächen der G20-Außenminister eingetroffen. Der eskalierte Ukraine-Konflikt prägte diesen Termin: Schon beim Eintreffen des Außenministers kam es zu einem Zwischenfall. Kurze Zeit später verließ Lawrow dann direkt nach seiner Rede den Saal.

G20-Gipfel überschattet von Russlands Krieg in der Ukraine

Das G20-Außenministertreffen gilt aufgrund der Teilnahme Lawrows als äußerst heikel. Während die EU und die USA wegen des Ukraine-Kriegs Sanktionen gegen Russland verhängt haben, halten sich G20-Staaten wie China, Indien und Südafrika mit einer Verurteilung des russischen Einmarschs in der Ukraine zurück.

Die Anwesenheit Lawrows bei den Gesprächen gilt auch als Test für eine mögliche Teilnahme von Kremlchef Wladimir Putin am G20-Gipfel am 15. und 16. November, der wiederholt auf Bali stattfindet. Mehrere Staaten haben ihre Teilnahme infrage gestellt, sollte Putin persönlich zum Gipfel kommen.

G20-Gipfel: ZDF-Reporter fliegt nach Frage an Lawrow zum Ukraine-Krieg raus

Bei seiner Ankunft im Badeort Nusa Dua war Lawrow höflich, aber zurückhaltend von der indonesischen Außenministerin Retno Marsudi begrüßt worden. Der Handschlag etwa mit Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne) und ihrem Amtskollegen aus den USA, Anthony Blinken, fiel im Vergleich deutlich herzlicher aus.

Der russische Außenmister Sergej Lawrow wird von Retno Marsudi, Ministerin für Auswärtige Angelegenheiten der Republik Indonesien, empfangen.
Der russische Außenmister Sergej Lawrow wird von Retno Marsudi, Ministerin für Auswärtige Angelegenheiten der Republik Indonesien, empfangen. © Britta Pedersen/dpa

Bei der Begrüßung Lawrows hatten sich zwei deutsche Journalisten zu Worte gemeldet. Sie riefen dem russischen Außenminister Fragen zu. Andreas Kynast, ZDF-Korrespondent, rief an Lawrow gerichtet: „When do you stop the war“ (deutsch: „Wann beenden Sie den Krieg?“). Wie der Journalist im Anschluss via Twitter mitteilte, sei er „von der indonesischen Sicherheit sofort rausgeschmissen“ worden. Weitere Einschränkungen für Kynast gab es zunächst offenbar nicht. Ein zweiter deutscher Journalist rief Lawrow die Frage zu: „Why don‘t you stop the war?“ (deutsch: „Warum beenden Sie den Krieg nicht?“). Der Außenminister reagierte nicht.

Ukraine-Krieg: Lawrow verlässt G20-Gipfel vorzeitig - Baerbock-Rede entzieht er sich

Kurz darauf sorgte Lawrow für einen Eklat. Zunächst hieß es aus Delegationskreisen, dass der russische Außenminister offenbar den Saal direkt nach seiner Rede verließ. Die Wortmeldungen seiner Kritiker hörte er sich demnach gar nicht mehr an - und entzog sich somit auch der Replik von Baerbock. Andere Quellen sprachen von einem noch brisanteren Zeitpunkt: Wie die Nachrichtenagentur AFP von Diplomaten hörte, verließ Lawrow das Treffen bei der Rede Baerbocks. Zu diesem Zeitpunkt habe sie Russland für seinen Angriffskrieg in der Ukraine kritisiert.

Baerbock war als amtierende Vorsitzende der G7-Gruppe führender demokratischer Wirtschaftsmächte direkt nach Lawrow als nächste Rednerin vorgesehen. Noch am Donnerstagabend hatte sie gesagt, sie werde in ihrer Rede beim G20-Gipfel „sehr deutliche Worte finden, dass wir diesen Bruch des internationalen Völkerrechts nicht akzeptieren“. Das sonst übliche „Familienfoto“ solle es nicht geben, so die Politikerin.

„Nichts zu besprechen“: Lawrow kritisiert Politik des Westens im Ukraine-Krieg

Im Anschluss warf Lawrow dem Westen vor, den Übergang zu einer friedlichen Lösung des Konflikts in der Ukraine zu verhindern. Wenn die EU und die USA einen Sieg der Ukraine auf dem Schlachtfeld anstrebten, „dann haben wir wahrscheinlich mit dem Westen nichts zu besprechen“, sagte er vor Journalisten. Des Weiteren warf er dem Westen vor, die Ukraine um Präsident Wolodymyr Selenskyj zu drängen, für die Kämpfe „seine Waffen zu benutzen“.

Er kritisierte, dass die Vertreter westlicher Staaten Russland wegen der Lage in der Ukraine als „Aggressor“ und „Besatzer“ anprangere. Russland sieht es als sein Recht einer unabhängigen Politik an, seine Interessen in der Ukraine mit militärischer Gewalt durchzusetzen und kritisiert die westlichen Sanktionen als illegal. Er sei nach Bali gekommen, um sich einen Eindruck zu verschaffen, „wie der Westen atmet“, sagte Lawrow.

Die Sprecherin des russischen Außenministeriums teilte zuvor der dpa auf Anfrage mit, Lawrow führe noch „bilaterale Gespräche“ bevor er sich an die Presse wende und abreise. Er wollte demnach weder am offiziellen Essen noch an der Nachmittagssitzung der G20 teilnehmen.

Ukraine-Krieg setzt sich fort - Putin: „Noch nichts Ernsthaftes begonnen“

Indes setzt sich Russlands Angriffskrieg in der Ukraine weiter fort. Nach der Einnahme von Luhansk greifen russische Truppen massiv in Donezk an. Alle Informationen zur militärischen Lage im Ukraine-Krieg finden Sie hier.

Erst kürzlich sprach Putin einen Satz aus, der noch weitaus Schlimmeres befürchten lässt. „Jeder sollte wissen, dass wir im Großen und Ganzen noch nichts Ernsthaftes begonnen haben“, sagte der Kreml-Chef. (mbr mit dpa)

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