Der tägliche Nonsens: US-Präsident Donald Trump in der vergangenen Woche bei einem seiner berüchtigten Presse-Briefings im Weißen Haus. FOTO: AFP
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Der tägliche Nonsens: US-Präsident Donald Trump in der vergangenen Woche bei einem seiner berüchtigten Presse-Briefings im Weißen Haus. FOTO: AFP

Verantwortungsloses Gerede

  • vonThomas J. Spang
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Donald Trump erwägt auf Drängen seiner Berater, die täglichen Covid-19- "Briefings" aufzugeben. Seine Idee, Infizierten Desinfektionsmittel zu spritzen, weckt Zweifel an der mentalen Verfassung des Präsidenten.

Zwei Tage hintereinander tauchte der Präsident im Briefing-Raum des Weißen Hauses nicht auf. Die täglichen Unterrichtungen seien "Zeit und Aufwand nicht wert" begründete er seinen vorläufigen Verzicht auf Teilnahme an den täglichen Covid-19-Pressekonferenzen. Tatsächlich hatten ihn Berater und Parteifreunde gedrängt, mit der Selbstdemontage vor einem nationalen Publikum aufzuhören. Noch ist jedoch nichts entschieden.

"Ich kann es nicht erklären", kapitulierte der republikanische Gouverneur von Maryland, Larry Hogan, bei einem Interview auf ABC vor der Frage, was der Präsident wohl im Sinn hatte, als er bei seinem letzten Briefing ernsthaft vorschlug, Covid-19-Patienten Desinfektionsmittel zu injizieren. Es sei nicht hilfreich, wenn "öffentliche Personen" Desinformationen verbreiten und "einfach sagen, was ihnen so in den Kopf kommt", mahnte Hogan. Das Portal des Erzkonservativen Matt Drudge begrüßte seine Leser mit einer Fotomontage, die Kaubonbons aus dem Haushaltsreiniger "Clorox" zeigt. "Trump empfohlen", heißt es dazu sarkastisch. Sogar auf dem Haussender des Präsidenten, FOX, schreckten Moderatoren davor zurück, die Äußerungen Trumps zu verteidigen. "Es stört mich, dass das immer noch in den Nachrichten ist", räumte die Koordinatoren der Corona-Taskforce, Dr. Deborah Birx, am Sonntag auf CNN ein. Insgeheim dürfte die renommierte Expertin erleichtert sein, falls Trump auf seine Berater hört und von den Briefings absieht. Diese haben ihm interne Umfrageergebnisse gezeigt, die seine Wiederwahl im November infrage gestellt sehen.

Das Drehbuch des Präsidenten für den Wahlkampf muss nach Ansicht republikanischer Strategen wie Steve Schmidt bereits jetzt umgeschrieben werden. Konservative seien in der Vergangenheit oft als "dumm" karikiert worden. Trump habe seinen Gegnern mit dem verantwortungslosen Gerede "eine Story gegeben, das die Karikatur bestätigt".

Zumal dieses nun im Zusammenhang mit anderen Äußerungen in der Vergangenheit gesehen werden. Das "stabile Genie", wie Trump sich einmal bezeichnete, hatte unter anderen vorgeschlagen, Hurrikans mit Atombomben abzuwenden, die geplante Grenzmauer zu Mexiko durch Wassergräben gefüllt mit Alligatoren zu ergänzen oder den Dänen Grönland abzukaufen.

Die Idee seines WahlkampfTeams, den Herausforderer der Demokraten, Joe Biden, als tattrigen Greis zu porträtieren, der seine Gedanken nicht zu Ende führen kann und mit 77 Jahren nicht mehr fit für das Präsidentenamt ist, funktioniert so nicht mehr. "Dieses Argument hat er komplett verspielt", meint der ehemalige republikanische Kongressabgeordnete aus Florida, Carlos Curbelo.

Pommes, schlechte Laune und der "Noble"-Preis

Ein Sprecher Bidens sieht das ähnlich. Trump werde es nicht vergessen machen können, "den Leuten im nationalen Fernsehen nahegelegt zu haben, Desinfektionsmittel zu trinken". Seine Glaubwürdigkeit im Umgang mit der Pandemie hatte schon vorher massiv gelitten. Nur rund ein Drittel der Amerikaner vertrauten seiner Kompetenz in der Corona-Krise.

"Er hat das Privileg verloren, dass man über ihn wie über einen normalen Präsidenten berichtet", meint der Kolumnist E. J. Dionne in der "Washington Post". Es sollte nicht mehr ernst genommen, was Trump von sich gebe. "Die Medien müssen ihre Berichterstattung mit einer Art Verbraucherwarnung versehen." Sollte Trump seine täglichen Presseauftritte tatsächlich aufgeben, ginge ihm ein Kanal verloren, den er anstelle seiner Großkundgebungen zur Kommunikation mit seinen Anhängern genutzt hat. Und als Ventil gebrauchte, seinen Frust über die fehlende Anerkennung für sein Management der Pandemie abzulassen.

Wie die "New York Times" berichtet, ist der Präsident besessen vom Konsum der TV-Berichterstattung über ihn und taucht oft erst nach Mittag im Oval Office auf; meist schlechter Laune. Er telefoniere weniger und konsumiere Mengen an Pommes frites. "Ich arbeite von frühmorgens bis spät in die Nacht", beschwerte sich Trump über die "erfundene Geschichte" des amerikanischen Leitmediums. Am Sonntag entfesselte Trump anstelle seines Corona-"Briefings" einen Twitter-Sturm, bei dem er in gewohnter Manier auf die Medien einhackte. Und dem Zweifel über seinen geistigen Zustand weitere Nahrung gab. Mit Blick auf die Russland-Affäre fragte er, wann "all diesen Reportern" ihre "Noble"-Preise aberkannt würden. Dass er "Nobel"-Preis wiederholt falsch buchstabierte, war das kleinere Problem. Der Mann, der sich 2016 selbst als "sehr kluge Person" bezeichnet hatte, verwechselte den Nobel- mit dem Pulitzerpreis.

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