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Ukraine: „Die meisten Freunde von mir bleiben immer noch in Kiew“

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Von: Lukas Rogalla, Daniel Dillmann

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Ukraine-Konflikt
Russische Truppen haben den Angriff auf die Ukraine gestartet: In Kiew schlafen Menschen in einer U-Bahn-Station, die als Luftschutzkeller genutzt wird. © Emilio Morenatti/dpa

Daria Stashuk und ihre Familie kommen aus Kiew. Während des Angriffs Russlands schildert sie im Interview ihre Eindrücke aus der Hauptstadt und dem Westen der Ukraine.

Frankfurt/Kiew – Russland* hat am Donnerstag (24.02.2022) einen Angriff auf die Ukraine* gestartet. Im ganzen Land kommt es zu Gefechten. Russische Truppen rücken bis nach Kiew vor. Die Kämpfe haben längst die Hauptstadt des Landes erreicht.

Dort lebt eigentlich Daria Stashuk mit ihrer Familie. Seit dem Angriff der russischen Armee hält sie sich in der Westukraine auf, wo die Lage zunächst etwas ruhiger ist. Die 22-Jährige schildert im Interview ihre Eindrücke des Ukraine-Konflikts.

Frau Stashuk, wie ist die Situation in Kiew?

Die Situation in Kiew ist super schlecht. Menschen versuchen, die Stadt zu verlassen. Manche fahren mit dem Auto, manche gehen zu Fuß. Es gab lange Schlangen an Tankstellen, Supermärkten, Apotheken und Banken – fast alles ist nun geschlossen. Am Donnerstagmorgen, etwa zwischen 6 und 7 Uhr, wurden mehrere Städte attackiert. Alle haben Angst. Menschen in den Städten, wo es eine U-Bahn gibt, sitzen dort, wenn Alarm ausgelöst wird, oder in anderen Bombenkellern. Manche bleiben zuhause.

Ukraine: Angriff Russlands eine Überraschung

Ist die Angst größer geworden?

Bis zum Angriff dachten alle, dass es nur eine Provokation von Russland ist. Alle dachten, dass die Eskalation nicht weiter als bei der Volksrepublik Donezk und der Volksrepublik Luhansk gehen kann. Alle meinten, dass es Wahnsinn ist, dass die gesamte Ukraine attackiert wird. Das ist eine Katastrophe nicht nur für die Ukraine, aber auch für Russland, Europa und die Welt.

Ukraine-Konflikt: Menschen suchen in einer U-Bahn-Station Schutz vor Angriffen Russlands.
Ukraine-Konflikt: Menschen suchen in einer U-Bahn-Station Schutz vor Angriffen Russlands. © Privat

Kam der Angriff von Russland also als Überraschung oder hat man ihn kommen sehen?

Der Angriff selbst ist echt eine Überraschung. Es gab doch Gespräche und vor ein paar Tagen wollte mein Vater, dass wir in eine andere Stadt fahren sollen, da Kiew attackiert werden kann. Wir glaubten ihm nicht. Im 21. Jahrhundert ist der Krieg unglaublich. Unser Land hat schon mehrere Kriege erlebt. Während des Ersten Weltkriegs war die Ukraine ein Teil des Russischen Kaiserreichs. Während des Zweiten Weltkrieg war die Ukraine ein Teil der Sowjetunion – wieder zusammen mit Russland. Unsere Geschichte verbindet uns. Wie kann man nach einer langen verbindlichen Geschichte so verräterisch und kaltblütig sein?

Wer die Möglichkeit hat – etwa Geld oder ein Auto – versucht die Stadt bzw. das Land zu verlassen

Daria Stashuk über die Situation in der Ukraine und Kiew

Ein paar russische Soldaten in der Ukraine sind gefangen genommen worden. Man hat sie verhört. Viele sind sehr jung und sagen, dass sie nicht wussten, dass sie zum Krieg fahren. Sie hätten gedacht, dass es nur Kriegsübungen sind. Ich weiß nicht, ob man darauf vertrauen soll, aber es gibt Fotos und Video von russischen Soldaten. Sie sind echt sehr jung, jünger als ich. Ich habe keine Worte. Das ist super schrecklich. Sie sind noch Kinder.

Gibt es Tendenzen, dass große Teile der Bevölkerung das Land oder die Stadt verlassen wollen?

Wer die Möglichkeit hat – etwa Geld oder ein Auto – versucht die Stadt bzw. das Land zu verlassen. Die meisten Freunde von mir bleiben immer noch in Kiew. Meine Großeltern sind 86 und 85 Jahre alt. Sie haben entschieden, in der Stadt zu bleiben, da sie schon nicht mehr in der Lage sind, irgendwohin zu fahren. Sie erinnern sich immer noch an den Zweiten Weltkrieg, damals waren sie noch Kinder. Sie haben immer gesagt: „So etwas soll niemals mehr passieren.” Es tut mir sehr leid, dass sie es wieder erleben müssen. Es tut mir leid, dass wir alle es erleben müssen.

Ist noch so etwas wie Alltag möglich?

In der Ukraine gilt nun das Kriegsrecht. Alle Schulen und Kindergärten sind zu. Jetzt denkt man daran, wie man sich retten kann. Unser Alltag bleibt in der Vergangenheit. Es kann gefährlich sein, in den Städten zu bleiben.

Ukraine von Russland angegriffen: Regierung in Moskau ist „kriminell“

Haben Sie Raketenbeschuss auf Kiew mitbekommen?

Ich bin am Donnerstag um 6 Uhr durch den Lärm einer Explosion aufgewacht. Ich dachte, dass es nicht wahr sein kann.

Daria Stashuk aus Kiew
Daria Stashuk (22) ist Managerin und lebt in Kiew, hat die ukrainische Hauptstadt nach dem Angriff russischer Truppen jedoch verlassen. © Privat

Aus Donezk und Luhansk erreichen uns Bilder von feiernden Menschen mit Russland-Flaggen. Wie wirken solche Bilder auf Sie in Kiew?

Es ist ja sehr traurig, da wir alle, auch die Halbinsel Krim, ein Land waren, bis Wladimir Putin* anders entschieden hat.

Was halten Sie und Ihr Umfeld in Kiew von Putin und der Regierung in Moskau?

Die Regierung ist kriminell. Sie verstoßen jetzt gegen jegliches internationales Recht. Krieg ist keine Lösung. Putin wollte einfach zeigen, wie mächtig er ist. Man hat keine Ahnung, was nun weiter passieren wird.

Wichtige Informationen und Nachrichten zum Ukraine-Konflikt* finden Sie auf unserer Themenseite.

Ukraine: „Wir brauchen Hilfe und Beistand“

Was verstehen Leute außerhalb der Ukraine nicht vom Land oder Konflikt?

Der Grund des Konflikts selbst ist Geopolitik. Es gab zwei Vektoren: Entweder die Ukraine geht nach der Auflösung der Sowjetunion weiter zusammen mit Russland; oder sie orientiert sich an die westliche Welt. Aber die Situation ist zu kompliziert, um alles in ein paar Wörtern zu erklären.

Welche Reaktion erhoffst du dir nun von Europa und der Nato?

Wir schätzen die wörtliche Unterstützung der EU und Nato* sehr, aber leider ist es nicht genug. Wir brauchen Hilfe und Beistand. Die Weltgemeinschaft soll Putin stoppen, bevor es zu spät ist. (Interview: Lukas Rogalla und Daniel Dillmann) *fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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