Mit ihm starb vor 40 Jahren der Garant für die Einheit: der jugoslawische Staatspräsident Josip Broz Tito, hier mit seiner Ehefrau Jovanka. FOTO: ARCHIV
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Mit ihm starb vor 40 Jahren der Garant für die Einheit: der jugoslawische Staatspräsident Josip Broz Tito, hier mit seiner Ehefrau Jovanka. FOTO: ARCHIV

Titos Tod und Jugoslawiens Sterben

  • Rüdiger Geis
    vonRüdiger Geis
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Zehntausende säumen vor 40 Jahren die Bahnstrecke zwischen Ljubljana und Belgrad, als der blaue Sonderzug vorbeifährt. Es ist die letzte Fahrt für den einen Tag zuvor verstorbenen jugoslawischen Staatschef und Garanten der Einheit, Josip Broz Tito. Zehn Jahre später steht der von ihm geformte Staat vor dem Bürgerkrieg.

Seine Beerdigung wird zu einem einzigartigen Beleg für die Bedeutung seines Jugoslawiens in der Welt. Am 4. Mai 1980, vor 40 Jahren, verstirbt der Gründer und langjährige Staatschef des sozialistischen und föderativen Vielvölkerstaats, Josip Broz - drei Tage vor seinem 88. Geburtstag. Am 8. Mai wird er in Belgrad beigesetzt, im Beisein von 31 Präsidenten, sechs Prinzen, 22 Premierministern und 47 Außenministern, darunter auch der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt und der DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker.

Die Trauer und die Tränen der Menschen sind anlässlichlich des Ereignisses echt. Denn mit Josip Broz, der in den 30er Jahren den Decknamen Tito annahm, ist der allseits re-spektierte Garant der Einheit dieses Flickenteppichs aus Völkern und ethnischen Minderheiten nicht mehr da. Viele befürchten, dass sich die früheren Feindschaften und Rivalitäten wieder Bahn brechen, vor allem zwischen den dominierenden Serben als größtem Bevölkerungsanteil und den Kroaten, bosnischen Muslimen und Kosovo-Albanern.

Tatsächlich kommt es knapp ein Jahr später und dann erneut 1986 zu Unruhen in der autonomen serbischen Provinz Kosovo. Die Bestrebungen der dort deutlich überwiegenden Kosovarennach einer eigenen Teilrepublik werden gewaltsam unterdrückt. Insgesamt aber funktioniert der Staat Jugoslawien - nun mit einem kollektiven Staatspräsidium - weiter. Im Innern allerdings hat der Gärungsprozess des Verfalls schon begonnen. Doch wer war dieser Josip Broz Tito, der das Land 35 Jahre lang zusammenhielt? Broz wird am 7. Mai 1892 im kroatischen Kumrovec geboren. Kroatien und Slowenien gehörten damals noch zur k.u.k-Monarchie Österreich-Ungarn. Er absolviert eine Schlosserlehre, arbeitet später als Metallarbeiter auch bei Benz in Mannheim und Daimler in Wiener Neustadt.

Partisanenarmee fünfte Siegermacht

Im Ersten Weltkrieg gerät er in russische Kriegsgefangenschaft und kommt mit den Ideen der bolschewistischen Revolution in Kontakt. Seitdem ist seine politische Heimat der Kommunismus. Nach seinem freiwilligen Einsatz im spanischen Bürgerkrieg formt er 1941 - als Folge des deutschen Einmarschs in der Sowjetunion - die kommunistische Partisanenbewegung. In ihr engagieren sich Zehntausende Angehörige aller jugoslawischen Volksgruppen, wobei die Serben die bedeutendste stellen. Mit Unterstützung der westlichen Alliierten besiegt er die internen Gegner - serbische Tschetniks und die faschistisch-kroatischen Ustascha - und auch die italienischen und deutschen Besatzer.

Im Grunde ist Jugoslawien die fünfte Siegermacht, weil es weitgehend aus eigenen Kraft die Befreiung schafft. Dies hat nicht nur ein gesteigertes Selbstbewusstsein der Bevölkerung zur Folge, sondern auch bei Tito selbst. Der verfolgt nun einen eigenen Weg zum Sozialismus, was dem großen Bruder in Moskau überhaupt nicht passt. So kommt es 1948 zum Bruch mit dem eigentlich von Tito verehrten Stalin.

Jugoslawien bleibt kommunistisch, lässt sich aber nie in den sowjetischen Machtbereich oder in den Warschauer Pakt einbinden. Die neutrale Haltung zwischen West und Ost befördert auch Titos Engagement zur Gründung der Bewegung blockfreier Staaten Anfang der 60er Jahre.

Zu Titos Erfolgen zählen die Umwandlung eines Agrar- zu einem Industrieland, eine gegenüber anderen Ostblockstaaten größere Freizügigkeit und deutliche Verbesserung des Wohlstandes breiter Bevölkerungsschichten auf nahezu Westniveau - letztlich auch befördert durch die starke Wirtschaft in Slowenien und den Tourismus an der kroatischen Küste. Doch die Medaille hat auch eine Kehrseite: Politische Gegner lässt der Diktator gnadenlos verfolgen. Jegliche nationale Bestrebungen innerhalb Jugoslawiens werden unterdrückt.

Und: Der Wohlstand ist auf Pump gekauft. Just nach Titos Tod schlittert die Weltwirtschaft in eine erneute große Krise, ausgelöst durch den zweiten Ölschock 1979/80 infolge des Golfkriegs zwischen Irak und Iran. Um die Kredite zu bedienen, läuft in Belgrad die Druckerpresse auf Hochtouren. Bis Ende der 80er Jahre nimmt die Inflation unvorstellbare Ausmaße an und verursacht eine zunehmende Verarmung der Bevölkerung. Wie so oft in wirtschaftlichen Notzeiten, erwachen auch in Jugoslawien die alten nationalen Reflexe.

Den Anfang macht der serbische Präsident Slobodan Miloševic. Er propagiert zunehmend ein Jugoslawien unter seiner, sprich serbischer Kontrolle. Ihm gelingt die Gleichschaltung der autonomen Provinzen Vojvodina und Kosovo und der Teilrepublik Montenegro. In Slowenien scheitert sein Versuch am 1. Dezember 1989, mit herangekarrten Demonstranten die dortige Republiksregierung zur Aufgabe zu zwingen. Die benachbarten Kroaten lassen die meisten gar nicht durch.

Für die Slowenen ist dieser Okkupationsversuch aus Belgrad die Initialzündung, auf Eigenständigkeit zu setzen. Im Januar 1990 verlassen sie unter Protest den letzten Kongress des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens in Belgrad, nachdem alle ihre Reformvorschläge vom serbischen Block abgeschmettert wurden. Ihnen folgt kurz darauf die kroatische Delegation. Der erste große Schritt ins Chaos ist getan: Die Klammer des Staates, die Einheitspartei, ist zerbrochen.

Diskriminierungen und Autonomie

Der zweite Schritt im Jahr 1990 sind die ersten freien Wahlen im April/Mai in Kroatien, die den Nationalisten Franjo Tudjman an die Macht bringen. Dessen Regierung setzt sofort ein Programm der Diskriminierung der in Kroatien lebenden Serben um: Serbisch wird als staatsbildende Sprache aus der Verfassung entfernt, Serben aus dem öffentlichen Dienst entlassen und der rote Stern als Symbol der Einheit an den Polizeiuniformen gegen das Schachbrettmuster ausgetauscht, dass auch schon die Ustascha verwendet hatten.

Dritter Schritt: Die kroatischen Serben sind empört über die Diskriminierungen und bilden im Sommer 1990 paramilitärsche Gruppen in der Region Krajina im Küstenhinterland von Zadar und erklären mit Unterstützung Belgrads ihre Region zum autonomen Gebiet. Die Fronten verhärten im Jahr 1990 zunehmend. Zehn Jahre nach Titos Tod steht Jugoslawien vor einem Bürgerkrieg, der ein Jahr später ausbricht. Die Opfer durch Beschuss, Folter, Vergewaltigungen und Vertreibungen gehen in die Hunderttausende. Rund zweieinhalb Millionen Menschen verlieren ihre Heimat. Über vier Jahre dauert das blutige Gemetzel. Mit dem Vertrag von Dayton im November 1995, vor gut 25 Jahren, wird ein fragiler Friede geschlossen.

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