Ärzte und Pflegepersonal besprechen sich in der zentralen Notaufnahme des Uni-Klinikums Essen, das sich speziell auf Patienten eingestellt hat, die am Coronavirus erkrankt sind. FOTO: DPA
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Ärzte und Pflegepersonal besprechen sich in der zentralen Notaufnahme des Uni-Klinikums Essen, das sich speziell auf Patienten eingestellt hat, die am Coronavirus erkrankt sind. FOTO: DPA

Sorge um Pflegepersonal

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Der Höhepunkt der Corona-Krise steht in Deutschland nach Meinung vieler Experten noch bevor. In Kliniken und Heimen arbeiten Menschen schon seit Wochen unter Hochdruck. Wie halten sie der Krise stand?

Pflegefunktionäre machen sich große Sorgen um die Arbeitskräfte in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Das Personal stehe in allen medizinischen Einrichtungen angesichts eines "eklatanten Mangels an Schutzkleidung" und lokal sehr unterschiedlichen Informationen zum Beispiel von den Gesundheitsämtern unter massivem Druck, sagte Carsten Hermes, Sprecher der Sektion Pflege der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN). Betroffene selbst berichten zudem von enormer psychischer Belastung.

Die Menschen in den betroffenen Kliniken erbrächten maximale Anstrengung, "niemand fährt mehr richtig runter", so Hermes. Viele fürchteten auch, Angehörige anzustecken. Die Arbeitsbelastung sei stellenweise enorm: "Wir haben genug Betten und Beatmungsgeräte. Was uns fehlt, sind gut ausgebildete und erfahrende Fachkräfte auf Intensivstationen." Zwar gebe es keine genauen Zahlen zu der Frage, wie viele Pflegekräfte mit welchem Ausbildungsgrad in Deutschland an welchen Stellen arbeiteten. Die Grippewelle 2017/2018 habe aber gezeigt, dass es auf Intensivstationen stellenweise sehr knapp sei.

Eine Intensivpflegerin aus einem Krankenhaus im Saarland sagte, auch ihr bereite vor allem die personelle Ausstattung Sorge. Der Blick auf "das schlimmstmögliche Szenario in Italien und Spanien" löse bei vielen großes Unbehagen aus, "weil man nicht weiß, ob uns das auch noch ereilen wird". Viele hätten panische Angst davor, den Höhepunkt der Corona-Welle nicht bewältigen zu können. Auch hier gebe es Tendenzen, sich dem Ganzen entziehen zu wollen, das verschärfe die ohnehin schwierige Personalsituation potenziell noch.

Die Krankenschwester wünscht sich mehr Solidarität unter dem Personal in Kliniken und mehr Empathie von der Leitung, wo Personalknappheit teilweise mit der Aufforderung, ein wenig schneller zu arbeiten, beantwortet werde. "Ich fühle mich alleingelassen und das hat nichts mit mangelnder Schutzkleidung zu tun."

Thomas van den Hooven, Pflegedirektor am Universitätsklinikum Münster, sagte, die Situation für Personal in den Pflegeheimen sei besonders schwierig, weil sie kaum eine Lobby hätten. "Die Pflegenden in diesen Bereichen haben kaum die Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen." Das gelte ebenso für die ambulante Pflege. Auch der Verdienst sei oft signifikant geringer als bei Pflegenden in Kliniken.

Appell an die Tarifparteien

Familienministerin Franziska Giffey (SPD) appellierte an die Tarifparteien in der Pflege, bei ihren laufenden Verhandlungen die derzeitige Coronavirus-Pandemie zu berücksichtigen. Einmalzahlungen seien zwar nett, es müsse aber strukturelle Veränderungen geben, sagte die Ministerin.

"Die Politik muss hinhören, wo der Schuh drückt", sagte Hermes. Bisher werde aber noch zu oft über statt mit dem Pflegepersonal geredet. Hinzu komme, dass Pflegekräfte außerhalb des Managements in viele Entscheidungen nicht miteinbezogen würden.

"Die Mitarbeiter schauen den kommenden Wochen mulmig entgegen", sagte Thomas Knieling, Bundesgeschäftsführer des Verbands Deutscher Alten- und Behindertenhilfe. Das Material sei knapp, das Personal könne Vorgaben des Robert-Koch- Instituts, Handschuhe und Mundschutz regelmäßig zu wechseln, schlichtweg nicht einhalten. Knieling fürchtet darum vermehrt Klagen, wenn es zu Ausbrüchen in den Einrichtungen kommen sollte.

Derzeit kursieren viele Vorschläge, wie der Personalknappheit besonders bei den Intensivpflegern entgegengewirkt werden könne. "Wir wissen, dass sowohl das numerische als auch das fachliche Verhältnis von Patienten zu Pflegekräften auf Intensivstationen einen entscheidenden Einfluss auf die mittelbare Sterblichkeit hat", sagte Hermes. Die Krankenschwester gibt zu bedenken: Eine Beatmungstherapie brauche jahrelange Erfahrung. Personal nun nachzuschulen, könne allenfalls eine kleine Stütze sein. Eine ausgebildete Intensivpflegekraft mit Berufserfahrung könne dadurch aber nicht ersetzt werden.

Auch van den Hooven sagt, das nachqualifizierte Personal könne nicht ohne Aufsicht arbeiten, müsse aber in einer Krisensituation eingesetzt werden. "Das ist sicherlich nicht der Standard, aber es gibt dann keine Alternative."

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