Der schwierige Weg aus dem Keller

  • vonThomas J. Spang
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Die Wahlkampfkundgebung des designierten Präsidentschaftskandidaten der Demokraten in Tampa im US-Bundesstaat Florida begann, wie sie immer beginnt. Ein Schüler rezitierte den Treueschwur, ein örtlicher Mobilisierer warb Freiwillige und ein DJ spielte Rhythm & Blues. Dann meldete sich aus dem "Off" eine unsichtbare Stimme: "Bin ich zu sehen?"

Unbeabsichtigt formulierte Joe Biden damit die Gretchenfrage des Covid-19-Wahlkampfs, der den Herausforderer Donald Trumps seit März in den Keller seines Hauses in Wilmington im US-Bundesstaat Delaware verbannt hat. Dort richtete die Partei dem Kandidaten ein Fernsehstudio ein, aus dem sich Biden regelmäßig in den lokalen Medien der alles entscheidenden Wechselwählerstaaten zu Wort meldet.

In Tampa probierte er eine virtuelle Kundgebung aus, die nicht nur wegen der stockenden Zappelbilder und peinlichen Pausen problematisch war. Biden wirkte so distanziert, wie er räumlich tatsächlich war. Tausende Kilometer entfernt vom Ort des Geschehens.

Er würde gerne erleben, dass er aus dem Keller herauskommt und spricht, verspottete Trump den bisherigen Wahlkampf seines Konkurrenten. Und der Wahlkampfmanager des Präsidenten Brad Parscale warnte Biden, er könne sich nicht verstecken. Die erfolgreichen Architekten der Wahlkämpfe Barack Obamas, David Axelrod und David Plouffe, sind sich in diesem Punkt mit Trumps Wahlstrategen überraschend einig. Online-Reden aus dem Keller reichten nicht, schrieben sie Biden in einer Kolumne in der "New York Times" ins Stammbuch. Er komme damit wie ein Astronaut rüber, der sich von der Internationalen Raumstation auf der Erde melde.

Bidens größter Vorteil in dem sich abzeichnenden Wahlkampf ist sein größter Fluch. In der Pandemie verkörpert der Demokrat für die im Kern verunsicherten Amerikaner ein Stück unaufgeregte Normalität. Als Vizepräsident Barack Obamas organisierte er nach dem Absturz der Finanzmärkte 2008 den Wiederaufbau der Wirtschaft und bewies Kompetenz bei der Handhabung der Ebola- und H1N1-Krise. Der Zwang unter Covid-19 soziale Distanz zu halten, nimmt dem 77-Jährigen aber auch etwas von seinem größten Vorteil: Bidens menschliche Wärme und die aus eigener schmerzhafter Erfahrung erworbene Fähigkeit, echtes Mitgefühl zu zeigen. Qualitäten, die dem amtierenden Präsidenten gänzlich fehlen.

In diesem Kontext spielen auch die Belästigungsvorwürfe der ehemaligen Mitarbeiterin von Bidens Senatsbüro in Washington, Tara Reade, eine Rolle. Ihre mehrfach veränderten Schilderungen der Ereignisse vor fast drei Jahrzehnten, werden von Biden entschieden bestritten und von keinem ihrer 21 ehemaligen Kollegen bestätigt. In einem Meinungsstück für das Magazin "Medium" outete sie sich 2018 als glühende Verehrerin des russischen Autokraten Wladimir Putin.

Allein das sollte hellhörig machen, nachdem Russland sich 2016 schon einmal zugunsten des ausgewiesenen Sexisten Trump in den Wahlkampf eingemischt hatte.

Bisher zeigen die Vorwürfe keine Wirkung in den Umfragen. Obwohl die meisten Amerikaner (86 Prozent) von Reade gehört haben, halten sie den Demokraten dadurch nicht für disqualifiziert. Im Gegenteil hält Biden konstant einen Neun-Punkte-Vorsprung vor Trump und führt überraschend stabil in Wechselwählerstaaten wie Michigan, Wisconsin, Florida, Arizona und Pennsylvania.

Dennoch: Das Virus beraubte Biden der Siegerrunde nach dem Erfolg bei den Vorwahlen und des Krönungsparteitags mit Tausenden Anhängern. Hinzukommt der enorme Vorsprung, den der Reality-TV-Star Trump in den sozialen Medien hat, und die Skrupellosigkeit, mit der er die Wahrheit beugt. Biden braucht dringend eine robuste Strategie, die ihn als Alternative sichtbar macht. Die aus dem Off gestellte Frage "Bin ich zu sehen?" muss bisher mit einem klaren "noch nicht" beantwortet werden. Thomas Spang

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