Arbeiten am Schreibtisch, arbeiten am Fenster: Doktorand Nicolas Rault lebt in Paris, derzeit 23 Stunden am Tag in seinem Ein-Zimmer-Appartement. FOTOS: NICOLAS RAULT
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Arbeiten am Schreibtisch, arbeiten am Fenster: Doktorand Nicolas Rault lebt in Paris, derzeit 23 Stunden am Tag in seinem Ein-Zimmer-Appartement. FOTOS: NICOLAS RAULT

Salut, Nico - wie geht’s?

  • Annette Spiller
    vonAnnette Spiller
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Nicolas Rault, 24, lebt in Paris - seiner Traumstadt. Im Moment allerdings im Corona-Lockdown, auf 25 Quadratmetern, allein, seit Wochen. Der Doktorand der Politikwissenschaften stammt aus der Normandie und hat Wurzeln in unserer Region: Seine Mutter wurde am Oberhof in Linden groß. Als Schüler und junger Mann machte der zweisprachig aufgewachsene Franzose zwei Praktika in unserer Mantelredaktion. Wie sich derzeit das Leben in der französischen Hauptstadt anfühlt, hat er seiner Patentante erzählt - der Autorin.

Paris hat über 2,1 Millionen Einwohner. Nicolas Rault ist einer davon. Nach dem Studium im bretonischen Rennes und einem Auslandsjahr in den USA lebt der Politikwissenschaftler seit Herbst 2018 in der französischen Hauptstadt in einem Ein-Zimmer-Appartement. Dort schreibt er seine Doktorarbeit, genießt das Stadtleben, hat viele Kontakte. Seit Dienstag, den 17. März, um 12 Uhr ist alles anders: Frankreich verhängte eine strenge Ausgangssperre, die zwischenzeitlich verschärft und verlängert wurde - bis 11. Mai. Das bedeutet: Nur zum Arbeiten, Arztbesuch und Einkaufen das Haus verlassen, eine Stunde täglich zum Spazierengehen oder zwischen 19 und 10 Uhr zum Sport im Freien. Abstand halten, nur mit Menschen aus dem eigenen Haushalt öffentlich unterwegs sein. Nicht lustig...

Salut Nico, wie geht’s dir?

Mir geht es gut, danke. Ich bleibe halt zu Hause (lacht).

Es war schon lange dein Wunsch, in Paris zu leben. Würdest du jetzt lieber woanders sein?

Oh ja! Ich wäre lieber auf dem Land, in einem großen Haus mit Garten und frischer Luft.

Deine Eltern leben auf dem Land. Warum bist du in der Stadt geblieben?

Ich wollte das Virus nicht zu meinen Eltern bringen. Ich bin Metro gefahren, habe Freunde getroffen... ein Risiko. Außerdem habe ich in Paris meine Bücher, und es ist einfacher, hier zu arbeiten. Und ich wollte diese Erfahrung machen, allein zu sein.

Wie lange hat es gedauert, bis du dich an diese neue Realität gewöhnt hast?

Vielleicht zwei Wochen. Aber ich weiß nicht, ob man sich überhaupt an so etwas gewöhnen kann.

Planst du jeden Tag neu?

Bis letzte Woche habe ich sogar sehr streng geplant, mit klarem Rhythmus. Ich bin früh aufgestanden, der Wecker stand auf sieben Uhr. Morgens habe ich von acht bis zwölf Uhr für meine Doktorarbeit gelesen. Damit bin ich echt gut vorangekommen.

Nicht schlecht. Und dann?

Nachmittags ab etwa 13.30 Uhr war ich mit anderen Arbeiten beschäftigt. Dann habe ich Korrekturen an den Arbeiten meiner Studenten gemacht. Eigentlich halte ich einmal in der Woche an meiner alten Hochschule in Rennes in der Bretagne eine Art Seminar. Das schließt normalerweise mit mündlichen Prüfungen der Studenten ab. Geht jetzt gerade nicht. Daher schicken sie mir ihre Ausarbeitungen.

Hört sich nach viel Schreibarbeit und Sitzen an.

Ja, das stimmt. Ich habe solche Sachen wie eine Bewerbung für ein Stipendium fertiggeschrieben. Außerdem war ich mit Artikeln beschäftigt, will vielleicht etwas veröffentlichen. Um 17 Uhr habe ich Schluss gemacht und bin rausgegangen, um ein bisschen zu laufen in der frischen Luft und mir die Sonne ins Gesicht scheinen zu lassen.

Dann ist aber immer noch viel vom Tag übrig...

Nach dem Spaziergang habe ich Leute angerufen: Meine Eltern, meine Freunde, meine Patentante (lacht). Gegen 19 oder 20 Uhr habe ich gegessen. Um 20 Uhr klatschen viele Leute für die Menschen, die im Krankenhaus oder in den Geschäften arbeiten. Da höre ich zu oder mache mit... Und dann? Lesen, Filme schauen, Musik hören, schlafen gehen.

Du bis Musikfan. Was hilft dir gegen Lagerkoller?

Ich höre viel Bruce Springsteen. Auch Neil Young, Soul und R&B aus den Siebzigern, ein bisschen Jazz, zum Beispiel Miles Davis. Und ich entdecke für mich neue Musik, zum Beispiel das Livealbum Roseland NYC von Portishead.

Du hast noch ein paar Wochen vor dir...

Ja, leider. Seit etwa einer Woche halte ich es mit dem Rhythmus etwas lockerer, schreibe und lese nicht mehr so streng nach der Uhr. Ich versuche nach wie vor, eine gewisse Zeit raus- zugehen. Aber ich schlafe morgens etwas länger, weil ich abends nicht gut einschlafe. Ich bin nicht müde, habe einfach nicht genug Bewegung.

Kannst du derzeit denn irgendwie Geld verdienen?

Ich hoffe, dass ich das Honorar von meiner Lehrtätigkeit in Rennes bekomme, auch wenn ich nicht vor Ort sein kann. Ich arbeite ja trotzdem.

Fühlst du dich sehr alleine?

Am Anfang war ich tagsüber sehr beschäftigt, da war es einfach. Nach dem Spaziergang wurde es schwieriger. Wenn ich Leute am Telefon habe, ist das sehr schön. Wenn niemand erreichbar ist, habe ich schon dieses Einsamkeitsgefühl. Abends war es oft nicht sehr lustig. Gehört eben dazu.

Was fehlt dir am meisten?

Meine Freunde, meine Familie. Meine Aktivitäten, die ich hier in Paris habe. Ich treffe mich normalerweise mit Leuten in der Hochschule, mit Freunden in der Bar oder auf der Straße. Ich habe seit über einem Monat niemandem mehr gesehen, den ich kenne. Wir sprechen am Telefon, aber das ist nicht dasselbe wie ein direktes Treffen. Oder wie einfach mal auf ein Bier zusammen wegzugehen. Diese soziale Leben fehlt mir schon.

Wie stehst du mit Familie und Freunden in Kontakt?

Mit Freunden kommuniziere ich über Messenger. Aber ich telefoniere jetzt viel regelmäßiger als sonst mit ihnen. Trend in Frankreich ist gerade auch der "Apero-Skype" - wir skypen und nehmen einen Aperitif zusammen. Ich mache das aber nicht zu oft...(lacht)

Wenn du raus willst, brauchst du so ein Papier...

Das ist eine Ausgangserlaubnis, ein Formular, auf dem man selbst ausfüllt, warum man draußen ist und seit wann.

Was erlebst du beim Einkaufen?

Ich gehe jetzt nur einmal für die ganze Woche einkaufen. Es gibt einen kleinen Supermarkt auf der anderen Seite der Straße. Zu anderen Zeiten gehe ich für eine Packung Nudeln einfach mal rüber. Oder wenn ich Gemüse für das Abendessen brauche, hole ich mir das normalerweise schnell im Gemüsegeschäft und kaufe, was ich brauche, nicht mehr. Jetzt ist mein Kühlschrank ungewöhnlich voll.

Wie fühlt sich Paris an, wenn du draußen bist?

Es ist eine sehr erstaunliche Stimmung da draußen. Es fahren nur sehr wenige Autos. Auch sind viel weniger Leute auf der Straße zu sehen. Es herrscht eine ungewöhnliche Stille in unserem Viertel. Wenn man Leute auf dem Trottoir trifft, ist das auch seltsam, weil man diese Distanz halten muss.

Hast du ein Motto für deine ganz persönliche Corona-Quarantäne

Vielleicht carpe diem (Nutze den Tag).

Glaubst du, dass dich diese Zeit verändern wird?

Ja, klar! Es ist eine seltsame Erfahrung. Aber es ist gut für mich, mit dieser Isolierung zurechtzukommen. Ich hoffe trotzdem, dass sie bald zu Ende geht.

Was machst du als Erstes, wenn wieder alles läuft?

Dann gehe ich mit Freunden in eine Bar. Das wird eine sehr, sehr lange Nacht!

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