Engagiert: Der russische Umweltaktivist Wladimir Sliwjak demonstriert gegen den Kohleabbau. FOTO: DPA
+
Engagiert: Der russische Umweltaktivist Wladimir Sliwjak demonstriert gegen den Kohleabbau. FOTO: DPA

Russische Kohle für deutsche Kraftwerke

  • vonDPA
    schließen

Der Dreck vom Tagebau in Russlands größtem Kohlerevier zieht bis in das kleine Haus von Valentina Boriskina. "Die Fensterbänke sind oft schwarz. Ich muss ständig wischen", sagt die 75-Jährige. Sie wohnt im Kusnezker Becken in Sibirien. Nicht weit entfernt von ihrem Dorf graben Bagger nach Kohle. Ein Teil davon geht nach Deutschland, damit dort Kraftwerke Strom produzieren können. Die russische Kohle ist billig. Anwohner beklagen, dass sie den Preis dafür zahlen - weil die Betreiber der Bergwerke kaum Rücksicht auf ihre Gesundheit und die Umwelt nähmen.

Wie gefährlich die Industrie für die Menschen ist, wird am Ende des sibirischen Winters sichtbar. In den Kleinstädten liegt dann oft schwarzer Schnee. Idyllisch wirkt es nur, wenn es wieder schneit und die Landschaft weiß ist. "Es sieht aus wie eine geschnittene Torte: weiß, schwarz, weiß, schwarz", beschreibt Rentnerin Boriskina die Schneeschichten. "Aber ökologisch gesehen ist es eine Katastrophe." Ihr Mann Nikolai war Bergmann, nun bekommt er Rente. "Die Menschen arbeiten hier für die Kohle. Sie müssen ja von etwas leben", sagt der 71-Jährige. "Obwohl sie sehr gut wissen, dass es nicht gut für ihre Gesundheit ist."

Ein Bergarbeiter verdient im Schnitt umgerechnet mehr als 500 Euro im Monat. Tausende Arbeitsplätze hängen an der Kohleindustrie im Kusnezker Becken, mehr als sechs Flugstunden von Berlin entfernt. Das Gebiet im tiefen Sibirien ist größer als Bayern. In der Region förderten die 120 Bergbauunternehmen voriges Jahr 250 Millionen Tonnen.

Mehr als die Hälfte der sibirischen Kohle wird ins Ausland verkauft. Für Russland ist der schwarze Rohstoff eine wichtige Einnahmequelle: Allein im Januar verdiente das Land damit rund 835,1 Millionen US-Dollar. Nach Deutschland gingen im vorigen Jahr 19,36 Millionen Tonnen. Dem deutschen Verein der Kohleimporteure zufolge waren dies 0,6 Prozent mehr als 2018. 45 Prozent der in die Bundesrepublik importierten Kohle kamen demnach aus Russland.

Die Rohstoffgroßmacht ist nicht nur bei Öl und Gas ein wichtiger Exporteur, sondern eben auch bei Kohle. "Russland liegt für uns sehr günstig und hat Transportkostenvorteile gegenüber den USA, Kanada und Kolumbien", begründet dies der Geschäftsführer des Vereins, Franz-Josef Wodopia. "Auch die Produktionskosten sind sehr wettbewerbsfähig."

Anders als Moskau hat Berlin beschlossen, aus der klimaschädlichen Stromproduktion auszusteigen. Nach dem Willen der Bundesregierung sollen Kohlekraftwerke bis spätestens 2038 vom Netz gehen. Die Sorge russischer Umweltschützer wie Wladimir Sliwjak von der Organisation Ecodefense ist, dass Deutschland bis dahin weiter Kohle aus Russland kauft.

Russland denkt gar nicht an einen Kohleausstieg. Im Gegenteil: In den nächsten Jahren soll nach dem Willen der Regierung noch mehr abgebaut werden - zum Beispiel, um den Energiehunger Chinas zu stillen. Sliwjak meint, den Deutschen, 4500 Kilometer weiter, müsse klar sein, dass sie aus Sibirien keine saubere Kohle bekommen.

Im Bundestag ist das Problem bekannt. "Die Bedingungen des Kohleabbaus im Hauptlieferland Russland sind ein Grund mehr für den Kohleausstieg", meint Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer. Deutsche Kraftwerke sollten bis dahin Mindeststandards beim Abbau durchsetzen.

Die Kohleimporteure sagen, dass sie darauf schon achten. "Tatsächlich sind die Bedingungen, unter denen in Russland Steinkohle gefördert wird, teilweise beunruhigend", sagt ein Sprecher des Energieriesens RWE. RWE setze auch mit Russland auf einen "kooperativen Ansatz".

Umweltschützer Sliwjak sagt, in der Bevölkerung wachse der Unmut. Es gebe Proteste, zehn bis 15 Aktionen im Jahr. "Doch viele schweigen lieber." Witali Schestakow aus dem Ort Kisseljowsk gehört nicht dazu. Er hatte im vergangenen Jahr mit anderen Bewohnern einen Asylantrag für Kanada gestellt. "Ziel war nicht auszureisen, sondern unsere Behörden zum Handeln zu bewegen." Er ärgert sich, dass es nicht weit von seinem Haus auf einer Fläche mit Abraum vom Tagebau unterirdisch brennt. Dort schmilzt der Schnee, giftiger Rauch steigt auf. Die Menschen haben Angst, dass die Brände auf die Wälder übergreifen. In den Städten und Dörfern riecht es nach Kohle. Manchmal werden die Häuser erschüttert, wenn in einem Tagebau gesprengt wird. Die Journalistin Natalia Subkowa berichtet von Krebserkrankungen in der Bevölkerung. Die Bergbaufirmen versuchen, die Menschen zu besänftigen, indem sie Geld für soziale und ökologische Projekte geben. "Wir wollen erreichen, dass die Behörden eine Strategie nach dem Ende der Kohleförderung haben", sagt Umweltschützer Sliwjak. Ansonsten drohe hier eine soziale Krise. dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare