Marco Seidl Japanträume, Ober-Wöllstadt
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Marco Seidl Japanträume, Ober-Wöllstadt

Die Rückkehr ins Paradies

  • Burkhard Bräuning
    vonBurkhard Bräuning
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Die biblische Geschichte vom Garten Eden kennt fast jeder. Der Garten, so heißt es, sei Gottes eigene Schöpfung gewesen, das Paradies auf Erden. Irgendwie liegt es in der Natur des Menschen, sich auch so ein Paradies zu schaffen. Nun seien die Vorstellungen, wie ein Garten auszusehen hat, sehr unterschiedlich. Wir laden unsere Leser in den nächsten Wochen dazu ein, uns ihre Paradiese zu zeigen. Und wir wollen die nach Ansicht einer Jury schönsten Gärten prämiieren.

Auf dem Land hatte noch vor 30 Jahren so gut wie jeder einen Nutzgarten. Angebaut wurden allerlei Salat- und Gemüsepflanzen, dazu gab es Beerensträucher und meist eine Ecke für Blumen. Das waren robuste Sorten, die was aushielten. Der Garten war nützlich. Er war wichtig für die Versorgung der Familie mit Lebensmitteln.

Dann gab es eine Zeit, in der immer mehr Beete zu Rasenflächen wurden. Selbst säen und ernten, das war irgendwie out. Man richtete sich einen kleinen Vorgarten her, schmückte seine Balkons mit Blumen, baute sich Terrassen und pflanzte rundherum ein bisschen Grünzeug. Aus den vielen Nutzgärten waren Ziergärten geworden.

Doch schon länger gibt es ein Comeback für den traditionellen Garten draußen auf dem Land. Und eine Parzelle in den Schrebergärten ist in vielen Städten nur schwer zu bekommen. Einen Garten zu haben, heißt heute für viele: Sich verwirklichen, Dinge nach eigenen Maßstäben zu gestalten. Zu probieren, was geht und was nicht. Zu experimentieren, aus Fehlern lernen - und vor allem auch viel Geld zu investieren. Hochbeete bauen, um wenigstens auf kleiner Fläche Gemüse anzubauen. Die Geschmäcker sind dabei nicht nur höchst unterschiedlich. Gerade bei den Ziergärten gibt es Entwicklungen, die umstritten sind. Gegen die sogenannten Steinwüsten regt sich mittlerweile Widerstand - auch seitens mancher Kommunen. Denn diese Steingärten verändern das Kleinklima und bieten weder Flora noch Fauna einen Lebensraum.

Und Gärtnern heißt heute aber auch für viele, im Einklang mit der Natur zu handeln. Und zum Beispiel Schmetterlingen Nahrung zu bieten und Igeln einen Unterschlupf. Aufgeräumte Gärten sind vielleicht schön anzusehen, bieten aber kein Zuhause für Insekten, Vögel und Säugetiere. Dabei gibt es aber nicht nur Schwarz oder Weiß. Es gibt viele nachahmeswerte Beispiele, wie man es machen kann, dass es sowohl dem Auge des Menschen gefällt, als auch für Tiere Lebensräume schafft.

(Hobby-)Gärtner zeigen gerne, dass sie kreativ sind, aber Kreativität ist nicht immer gleichzusetzen mit Ästhetik und Schönheit. Alte Autoreifen als Minibeetumrandung zu nutzen, wie man es immer noch sieht, ist nicht naturnah - und schön ist das auch nicht.

Egal, ob schön oder weniger attraktiv - der Trend zum Garten, zum blumengeschmückten Balkon und zur grünumrandeten Terrasse ist da. Und Gemüseanbau liegt voll im Trend. Wir möchten deshalb in den nächsten Wochen danach schauen, was unsere Leser sich für Paradiese geschaffen haben. Und starten deshalb als Sommeraktion einen Gartenwettbewerb - in drei Kategorien (siehe dazu auch gegenüberliegende Seite): Ziergarten, Nutzgarten sowie Terrasse/Balkon. Bis zum August können Sie uns ihre Fotos mailen und dazu einen Text von rund 1000 Zeichen. Im August wird dann eine Jury die Preisträger auswählen. Das Thema Garten wird bis dahin eine große Rolle auf den Regionseiten spielen. Wir geben Gartentipps, präsentieren von unseren Leser eingesandte Fotos und interviewen Experten.

Die Lust auf Garten hat in der Corona-Zeit noch zugenommen. Ob bepflanzter Balkon oder ein kleiner Park - das mehr oder weniger große Stück Grün bekomme für viele Menschen eine ganz neue Bedeutung, schreibt unsere Agentur dpa. "Alle wollen plötzlich gärtnern. Gärtnern ist das neue Kochen", sagt etwa die Berliner Gartenbloggerin Carolin Engwert ("Hauptstadtgarten.de"). "Vor Corona hatte mein Blog zum Beispiel rund 30 000 Leser pro Monat, jetzt sind es 120 000 Leser", erzählt sie, während sie in ihrem Berliner Schrebergarten Salat erntet. Auf ihrem Blog gibt Engwert Tipps fürs Gärtnern im Schrebergarten oder auf dem Balkon.

"Wenn man einen Garten hat, lebt es sich mit den Einschränkungen vermutlich etwas leichter", sagt die Gartenhistorikerin Anke Schmitz aus der Nähe von Offenbach. Sie hält die besondere Bedeutung der Gärten in der Corona-Zeit in ihrem Mitmach-Blog "Gardensinthetimesofcorona.com" (Gärten in Zeiten von Corona) fest. "Der Blog ist ein virtuelles Gartendenkmal", sagt sie.

Etwa 30 Gartenbegeisterte haben hier bereits ihre Erfahrungen aufgeschrieben: "In diesem Corona-Frühling haben wir unseren Garten eigentlich erst richtig kennengelernt", schreiben etwa Conny und Malte aus Eggstedt. Beide arbeiten im Homeoffice und verbringen jetzt deutlich mehr Zeit mit den drei Kindern im Garten, den die Familie seit zwei Jahren besitzt. Andreas aus Bochum berichtet, dass der von ihm mitbewirtschaftete Gemeinschaftsgarten während der Corona-Zeit auch für Nachbarn ein "Ort der Flucht vor der häuslichen Käseglocke" wurde.

Säen und ernten erlebt eine Boom

Für den Gartentherapeuten Andreas Niepel aus Hattingen in NRW sind seine Laube und der 350 Quadratmeter große Garten "so etwas wie das neue Statussymbol". "Allüberall beneidet mich plötzlich alle Welt darum. Es ist, als wenn der Besitz eines Schrebergartens zum Insel-Sylt-Aufkleber der Zwanzigerjahre geworden ist", sagt Niepel.

"Ein Garten ist derzeit der beste Ort, an dem man sich aufhalten kann. Ein größeres Glück gibt es im Moment nicht", meinte auch der Geschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Gartenfreunde, Stefan Grundei, schon zu Beginn der Corona-Krise. Eine Aussage, die auch zum Tag des Gartens am 14. Juni noch nichts von ihrer Aktualität verloren hatte.

Nicht nur das Pflanzen, Säen und Jäten erlebt einen neuen Boom. Auch Planschbecken, Trampoline und Spieltürme halten verstärkt Einzug in die Gärten. "Viele Familien haben sich auf Urlaub im eigenen Garten oder auf dem heimischen Balkon eingestellt."

Adam und Eva mussten den Garten Eden verlassen. Doch die Menschen haben sich schon immer ihr Paradies geschaffen. Und sind bis heute geblieben. Foto: PantherMedia

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