"Ist mein sechsjähriger Sohn der nächste?", steht auf dem Schild von Kyle Servance (unten, r.). Er ist Teil der Protestbewegung gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA als Antwort auf den Tod von George Floyd. FOTO: DPA
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"Ist mein sechsjähriger Sohn der nächste?", steht auf dem Schild von Kyle Servance (unten, r.). Er ist Teil der Protestbewegung gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA als Antwort auf den Tod von George Floyd. FOTO: DPA

Präsident auf Tauchstation

  • vonThomas J. Spang
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In seiner Rede zur Amtseinführung beschrieb Donald Trump die USA in düstersten Farben als Land des "Blutvergießens". Mit mehr als 100 000 Toten der Covid-Pandemie, Massenprotesten und Unruhen in Amerikas Metropolen droht diese Fiktion nun Realität zu werden.

Pünktlich zu Beginn der nächtlichen Ausgangssperre in der amerikanischen Hauptstadt gingen im Weißen Haus die Lichter aus. Als ob niemand zu Hause wäre, verschwand der Wohnsitz des Präsidenten an der Pennsylvania Avenue gegen 23 Uhr im Dunkel der Nacht, während ein paar Straßenblöcke weiter Geschäfte, Autos und Sternenbanner in Flammen aufgingen.

Statt Trost und Führung in der Doppelkrise einer nicht kontrollierten Pandemie und Rassenunruhen zu zeigen, die sich nach dem Tod des Schwarzen George Floyd unter dem Knie eines weißen Polizisten in Minneapolis so schnell verbreiteten wie der tödliche Covid-19-Erreger, geht der Präsident auf Tauchstation.

Sprichwörtlich. Am Freitag brachte der Secret Service Trump und seine Familie in den Bunker des Weißen Hauses, der seit den Tagen nach den Terroranschlägen vom 11. September verwaist war. Angeblich aus Sorge vor Demonstranten, die versuchten, zu der schwer gesicherten Residenz des Präsidenten vorzudringen.

Während von Boston, New York und Washington, über Miami, Louisville und Chicago bis Houston, Los Angeles und Seattle Hunderttausende Menschen auf die Straßen gingen, um - meist friedlich - gegen Polizeigewalt und den strukturellen Rassismus in den USA zu demonstrieren, ist von Trump nicht viel zu sehen.

Aus seinem Versteck markiert er dafür umso mehr den starken Mann. Und gießt Öl ins Feuer. Der Präsident droht den Demonstranten vor dem Weißen Haus mit dem Einsatz "bissiger Hunde" und "überwältigender Waffengewalt".

Was aus dem Weißen Haus jenseits der martialischen Rhetorik fehlt, ist politische Führung. Keine Rede an die Nation, obwohl ihn Mitarbeiter dazu drängen. Kein Treffen mit Vertretern der Bürgerrechtsbewegung und keine öffentliche Anteilnahme für die Betroffenen.

Philonise Floyd, der Bruder des vergangenen Montag getöteten 48-Jährigen, sagt, ein Kondolenzanruf des Präsidenten sei "blitzschnell" vorüber gewesen. "Er hat mir nicht einmal Gelegenheit gegeben, etwas zu sagen."

Dabei hätte Philonise viel zu sagen gehabt. Wie die Demonstranten in Amerikas Straßen, die ihm erklären könnten, warum der tödliche Covid-19-Virus, die neue Massenarbeitslosigkeit und die Gewalt der Polizei Minderheiten, speziell Afroamerikaner, so überproportional treffen.

Zum Beispiel Jimmy Mills, der im Epizentrum der Unruhen ein Friseurgeschäft betreibt. Vor zwei Monaten musste Mills wegen der Pandemie seinen Barbershop schließen. Er fing sich selber das Virus ein. Jetzt sollte es wieder losgehen. Doch daraus wird nun nichts, weil sein Geschäft bei den Unruhen in Flammen aufging.

Wer sein Geschäft angezündet hat, weiß Mills nicht. Der Gouverneur von Minnesota, Tim Walz, bezweifelt, dass es Menschen aus der Nachbarschaft waren. "Wir haben Anlass, zu glauben, das Akteure von außen die berechtigten Proteste gegen den Mord an George Floyd infiltrieren", sagt der Demokrat am Sonntag. Und deutet auf weiße Nationalisten als mutmaßliche Krawallmacher hin.

Einen Beweis dafür liefert Walz nicht, der wiederholt Zielscheibe giftiger Twitter-Attacken des Präsidenten war. Auch Trump bleibt Belege für seine Behauptung schuldig, die Antifa-Bewegung stecke hinter den Unruhen. "Die Gewalt und der Vandalismus werden von der Antifa und anderen gewaltsamen Gruppen des linken Flügels angeführt", behauptet Trump und droht damit, er werde diese als "terroristische Bewegung" einstufen. Nach Aussagen von Rechtsexperten ist das nicht möglich, weil das Gesetz nur erlaubt, ausländische Organisationen als Terrorgruppen zu bezeichnen.

Nach Ansicht von Analysten deutet das auf die eigentliche Strategie des Präsidenten hin. Vor den Wahlen will er sich wie einst Richard Nixon während der Unruhen nach dem Tod Martin Luther Kings 1968 als harter Hund profilieren.

Ob das bei den Wählern ankommt, ist die Frage. Denn anders als vor einem halben Jahrhundert sorgen sich die Amerikaner laut jüngsten Umfragen mindestens so sehr um eine tödliche Pandemie wie über die Unruhen.

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