Bewegung am Horizont
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Bewegung am Horizont

Nicht über den Berg

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Die gute Nachricht: Der britische Premier Boris Johnson hat seine Covid-19-Erkrankung überlebt, ist aus dem Krankenhaus entlassen worden und wird sich zunächst auf seinem Landsitz erholen. Die schlechte Nachricht: Die Cornoa-Krise geht im Königreich unvermindert weiter.

Während sich in Deutschland die Kurve der Corona-Infizierten abzuflachen scheint und die Zahl der Toten bei etwas über 3000 liegt, verschlimmert sich die Lage in Großbritannien. Am Ostersonntag wurde die traurige Marke von mehr als 10 000 Covid-19-Opfern überschritten. In einem Video wandte sich der Premier nach seiner Entlassung an die Nation. "Es hätte so oder so laufen können", sagte Johnson, "der staatliche Gesundheitsdienst NHS hat mir das Leben gerettet, keine Frage." Seine Botschaft an die Briten im Kampf gegen Corona nahm die Form einer vorbehaltlosen Huldigung des NHS an: "Wir werden gewinnen, weil unser NHS das schlagende Herz unseres Landes ist. Er ist das Beste unseres Landes. Er ist unbesiegbar. Er ist von Liebe angetrieben." Der NHS, so hatte einst der Schatzkanzler Nigel Lawson bemerkt, "ist das nächste, was die Engländer an Religion haben." In seinem rhetorisch brillanten Video beschwor Johnson diesen Glauben an den NHS, pries das Personal der nationalen Institution und versuchte damit, die Briten aufzurütteln: "Es ist dank diesen Mutes, dieser Aufopferung, dieses Pflichtbewusstseins und dieser Liebe, dass unser NHS unbesiegbar war."

Die Aufmunterung können die Briten brauchen, denn die Situation bleibt kritisch. Großbritannien hat den Höhepunkt der Pandemiewelle noch nicht erreicht. Sir Jeremy Farrar, der Direktor des Wellcome Trust und wissenschaftliche Berater der Regierung, sagte gegenüber der BBC, dass die Opferzahlen weiterhin ansteigen und dass das Land "wahrscheinlich eines der am schlimmsten, wenn nicht das am schlimmsten betroffene Land in Europa sein wird."

Lektionen von Deutschland lernen

Er zog den direkten Vergleich zu Deutschland, wo ein Massentests und Isolierung dem Land "kritische sechs bis acht Wochen Zeit" gegeben hätten, um das Gesundheitssystem auf die Pandemie vorzubereiten. "Zwangsläufig werden wir", sagte Farrar, "die Lektionen lernen müssen, wie Deutschland es geschafft hat, die Epidemie bisher zu kontrollieren."

Noch wird nicht laut thematisiert, was in Großbritannien schief lief, weil Kritik in Zeiten des nationalen Abwehrkampfes nicht gut ankommt. Opposition wie Medien halten sich zurück. Aber einige Fragen werden dennoch gestellt. Warum wurden Warnungen der wissenschaftlichen Berater vor einer Pandemie ignoriert? Weshalb war die Nation nicht besser vorbereitet und hat sich nicht mit Schutzkleidung bevorratet? Wieso hat man nicht früh Massentests durchgeführt und eine Eindämmung erreicht, wie es Südkorea gelang? Und vor allem: Warum hat es erst bis zum 23. März gedauert, bis ein Lockdown ausgerufen wurde? Die Antwort von Regierungsvertretern besteht vor allem darin, man würde sein Bestes tun. Es wird immer offensichtlicher, das das nicht genug ist.

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