Nicht von Churchills Format

  • vonJochen Wittmann
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Am Mittwoch war es mit dem Versteckspiel vorbei. Boris Johnson musste dem Parlament Rede und Antwort stehen. 40 Stunden lang war vom britischen Premierminister kein Pieps zu hören gewesen.

Am Montagabend hatte Johnson in einer sechsminütigen Fernsehansprache an die Nation die härtesten Einschränkungen des öffentlichen Lebens verkündet, die Großbritannien je erlebt hatte. Dann zog er sich in den Bunker der Downing Street zurück und ließ nichts weiter von sich hören. Am Mittwochmittag ging das nicht mehr: Der Premier musste zur "Prime Minister’s Questions" antreten, der wöchentlichen Fragestunde im Unterhaus.

Es war die vorerst letzte, denn das Parlament geht in die vorgezogene Osterpause. Für den Oppositionsführer und Labour-Chef Jeremy Corbyn war es die allerletzte, denn er gibt am 4. April den Parteivorsitz ab. Die sogenannten PMQs sind ein Herzstück des britischen Parlamentarismus: Der Oppositionsführer zieht den Regierungschef zur Rechenschaft, und die Geräuschkulisse ist oft ohrenbetäubend. Es ist traditionell das Duell der Alphamännchen, die vor ihrer jeweiligen Fraktion zu demonstrieren haben, wer der Stärkere ist. Corbyn war es selten. Aber diesmal konnte er den Premierminister zumindest einige peinliche Momente bereiten.

Corbyn hat viele kritische Fragen

Warum, fragte Corbyn, sei das Land so schlecht auf die Corona-Krise vorbereitet gewesen? Warum sei nicht schon vor Wochen die Order ergangen, mehr Schutzkleidungen und Masken zu besorgen? Warum wurde in Großbritannien so viel weniger getestet als in anderen Ländern? Und vor allem, so Corbyn: "Warum wurden Maßnahmen nicht schon vor Wochen, wenn nicht vor Monaten ergriffen?" Tatsächlich sind die drakonischen Einschränkungen des öffentlichen Lebens sehr spät erfolgt, viel später als anderswo in Europa.

Johnson hatte erst am Montagabend den Briten befohlen: "Ihr müsst zu Hause bleiben." Für die nächsten drei Wochen gebe es nur vier Gründe, sagte der Premier vor 27 Millionen TV-Zuschauern, das Haus zu verlassen: Einkäufe von Lebensmitteln und Medikamenten, einmal Sport treiben pro Tag, medizinische Betreuung oder die Fahrt zur oder von der Arbeit, wenn man zu bestimmten Berufsgruppen gehört. Damit schwenkte Großbritannien auf europäischen Kurs ein. Jetzt steht die Frage im Raum, ob Johnson mit seinem Zögern nicht Tausende von zusätzlichen Menschenleben riskiert hat. In einer Krise schaut eine Nation auf ihre politischen Führer. Johnson macht da keine gute Figur. Das Problem sind nicht nur die verspäteten Entscheidungen, sondern auch, wie sie vermittelt werden. Johnson ist ein begnadeter Kommunikator, aber leider nur im komischen Fach. Gravität liegt ihm nicht.

Johnsons Problem: Sein Stil ist genau darauf ausgerichtet. "Er kann", urteilte der Politico-Journalist Paul Taylor, "seinen inneren Clown nicht unterdrücken." Der Premierminister hat eine Biografie über Winston Churchill geschrieben und sieht sich selbst gerne mit dem Kriegspremier verglichen. Statt davon zu träumen, der größte Nationalheld der Briten zu sein, warnte ihn ein Leitartikler der "Times", laufe er nun Gefahr, zu einem Neville Chamberlain zu werden. Autsch, das saß. Chamberlain gilt wegen seiner Beschwichtigungspolitik gegenüber Hitler als Versager. jwi

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