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"Global statt national, weltoffen statt isolationistisch": In ihrer Rede an der US-Eliteuniversität Harvard hat sich Kanzlerin Angela Merkel (CDU) scharf vom Kurs von US-Präsident Donald Trump absetzt.

Merkels Abrechnung

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In Deutschland wird diskutiert, wie lange Angela Merkel noch Kanzlerin bleiben soll. An der Universität Harvard wird Merkel bei ihrem Auftritt wie ein Popstar gefeiert. In ihrer Rede erwähnt sie US-Präsident Trump kein einziges Mal - und rechnet doch mit ihm ab.

Immer wieder wird Angela Merkels Rede in Harvard von Applaus unterbrochen, sie ist der Stargast bei der Abschlussfeier an der US-Eliteuniversität in Cambridge. Rund 20 000 Absolventen und Angehörige, Professoren und Ehemalige feiern die unprätentiös auftretende Kanzlerin wie einen Popstar. Geschlagene 31-mal brandet bei Merkels 35-minütiger Ansprache Beifall auf, mehrfach erhebt sich das Publikum, um Merkel stehend Respekt zu zollen. Besonders viel Beifall gibt es an jenen Stellen, in denen Merkel mit US-Präsident Donald Trump abrechnet. Merkel gelingt dabei das Kunststück, den Namen des US-Präsidenten kein einziges Mal zu erwähnen. Trump ist der sprichwörtliche Elefant im Raum. Jeder weiß, auf wen Merkel anspielt, wenn sie sagt: "Mehr denn je müssen wir multilateral statt unilateral denken und handeln. Global statt national." Der bekennende Nationalist Trump scheint dagegen mit seiner "America First"-Politik seit zweieinhalb Jahren daran zu arbeiten, die Nachkriegsordnung auf den Kopf und jahrzehntealte Bündnisse infrage zu stellen.

"Protektionismus und Handelskonflikte gefährden den freien Welthandel und die Grundlagen unseres Wohlstandes", sagt Merkel. Trump hat zahlreiche Handelskonflikte vom Zaun gebrochen und droht mit Strafzöllen auf Autos aus der EU. Merkel fordert auch, alles Menschenmögliche zu unternehmen, um den Klimawandel in den Griff zu bekommen, und räumt dabei eigene Versäumnisse ein. Trump hat die USA - einen der größten Verursacher von Treibhausgasen weltweit - aus dem internationalen Pariser Klimaschutzabkommen zurückgezogen.

Merkel sagt, Klimawandel sei vom Menschen verursacht. Trump zweifelt das an (auch wenn er Klimawandel - anders als früher - nicht mehr für einen "Scherz" hält). Mit zustimmendem Gelächter wird Merkels Aussage quittiert, dass schwierige Fragen gelöst werden könnten, "wenn wir bei allem Entscheidungsdruck nicht immer unseren ersten Impulsen folgen, sondern zwischendurch einen Moment innehalten, schweigen, nachdenken, Pause machen". Kaum ein Politiker ist impulsiver als Trump.

Merkel fordert, Mauern einzureißen. Trump will eine Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen. Die Kanzlerin wirbt für "Wahrhaftigkeit gegenüber anderen und gegenüber uns selbst", und sie sagt: "Dazu gehört, dass wir Lügen nicht Wahrheiten nennen und Wahrheiten nicht Lügen." Kaum etwas ist deutlicher auf Trump gemünzt, der Berichterstattung kritischer Medien "Fake News" nennt und dessen Beraterin Kellyanne Conway den abstrusen Begriff "alternative Fakten" geprägt hat. An dieser Stelle bekommt Merkel besonders großen Applaus, Jubel bricht aus.

Bei allem Beifall: Harvard ist eine liberale Hochburg in den USA, repräsentativ für die Meinung im Land ist die Hochschule keineswegs. Die Begeisterung für Merkel ist auch darauf zurückzuführen, dass ihre Politik einen Gegenpol zu der Trumps darstellt. Dennoch ist bemerkenswert, wie ungemein positiv die Kanzlerin in Harvard aufgenommen wird - während sich in Deutschland auch etliche in ihrer eigenen Partei wünschen, dass sie lieber heute als morgen das Kanzleramt räumt.

Einen ganzen Tag nimmt sich Merkel Zeit, um an den Feierlichkeiten in Harvard teilzunehmen, bei denen auch die feierliche Verleihung der Ehrendoktorwürden anstehen - eine davon erhält Merkel selbst. Die offizielle "Harvard Gazette" nennt zur Begründung unter anderem die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin - just jenes Thema, das ihr zu Hause Kritik eingebracht hat wie kein anderes.

Merkel macht in Harvard wieder deutlich, dass ihre Zeit als Kanzlerin zu Ende geht - auch wenn sie kurz vor ihrer Reise noch einmal betont hatte, dass sie bis 2021 zur Verfügung steht. "Ich glaube, dass wir immer wieder bereit sein müssen, Dinge zu beenden, um den Zauber des Anfangs zu spüren und Chancen wirklich zu nutzen", sagt sie den Absolventen. "Und wer weiß, was für mich nach dem Leben als Politikerin folgt. Es ist völlig offen. Nur eines ist klar: Es wird wieder etwas Anderes und Neues sein."

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