Merkel wirbt um Solidarität

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Angela Merkel wendet sich in den Zeiten von Corona in einer emotionalen Rede an die Bürger. Sie erklärt, ermutigt, zeigt Verständnis. Das ist ungewöhnlich - doch ziehen die Menschen mit?

Angela Merkel erklärt, wirbt um Verständnis für ihre Entscheidungen, findet hochemotionale Worte, sie spricht zu den Bürgern. In der Coronakrise scheint der Kanzlerin all das wichtig, was ihr die Kritiker in der Flüchtlingskrise als Defizit vorgehalten haben. Es ist, als ob der Kampf um Leben und Tod, um den es in den kommenden Wochen und Monaten in Deutschland geht, die 65-Jährige in der letzten Phase ihrer bald 15-jährigen Regierungszeit verändert.

Wie oft ist die Kanzlerin in der Finanzkrise vor gut zehn Jahren und später in der Flüchtlingskrise 2015 vorgeworfen worden, ihre Politik nicht zu erklären, zu nüchtern zu regieren und das Volk nicht mitzunehmen. Nur einmal gab es in der Bankenkrise den großen Auftritt. Als Merkel spürte, dass die Bevölkerung unruhig wurde, trat sie am 5. Oktober 2008 mit ihrem damaligen Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) vor die Mikrofone.

Als in der Flüchtlingskrise die erste Hilfsbereitschaft der Bürger für die Ankömmlinge kippte, sah sich Merkel wieder genötigt, vor die Presse zu gehen. "Wir schaffen das" - diese Botschaft fiel ihr später auf die Füße.

Doch in der Corona-Krise ist nun fast alles anders. Nach mehreren Auftritten auf der Berliner Bühne gemeinsam mit Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) oder allein im Kanzleramt wählt Merkel nun einen in ihrer Amtszeit bislang einmaligen Auftritt: zur Hauptsendezeit im Fernsehen. So etwas gibt es normalerweise nur zum Start ins neue Jahr - das zeigt, wie ernst die Kanzlerin die Krise nimmt.

Die Ansprache ist umso bemerkenswerter, als die Kanzlerin eben nicht auf diesem Wege das von vielen erwartete Ausgangsverbot verkündet. Vielmehr erläutert sie "nur" die bisherigen Maßnahmen. Doch wie sie es tut, ist außergewöhnlich.

Schon in den ersten Sätzen erklärt die Kanzlerin den Bürgern ihre Beweggründe für ihren Auftritt im Fernsehen: "Ich wende mich heute auf diesem ungewöhnlichen Weg an Sie, weil ich Ihnen sagen will, was mich als Bundeskanzlerin und alle meine Kollegen in der Bundesregierung in dieser Situation leitet." Es gehöre zur Demokratie, "dass wir die politischen Entscheidungen auch transparent machen und erläutern. Dass wir unser Handeln möglichst gut begründen und kommunizieren, damit es nachvollziehbar wird."

Es ist wohl die historische Dimension der Regierungsentscheidungen im Anti-Corona-Kampf, die die neue Zugewandtheit der Kanzlerin ausgelöst hat. Es dürfte aber auch einen Prise nüchterne Erkenntnis der Physikerin Merkel dahinterstecken. Denn die Kanzlerin wird sich keiner Illusion hingeben: Viele Maßnahmen werden nur ihre Wirkung erreichen, wenn die Menschen mitziehen.

Die Kanzlerin spürt offenbar, dass die Menschen jetzt ihre Ansprache, ihre Unterstützung brauchen, dass sie sich kümmert. Es wirkt fast, als umwerbe sie das Volk, Vernunft zu zeigen, damit es nicht zu einer solchen Ausgangssperre kommt, die in anderen Ländern schon Realität ist.

Fast beschwörend sagt sie: "Ich glaube fest daran, dass wir diese Aufgabe bestehen, wenn wirklich alle Bürgerinnen und Bürger sie als ihre Aufgabe begreifen."

Ganz persönlich wird die Kanzlerin auch, als es in ihrer Ansprache darum geht, den Ernst der Lage klarzumachen. Es gehe bei einer möglichen Überforderung der Krankenhäuser nicht einfach um abstrakte Zahlen einer Statistik, sagt die Kanzlerin, sondern es gehe um einen Vater oder Großvater, eine Mutter oder Großmutter, eine Partnerin oder einen Partner.

Und auch die Ängste der Bürger spricht die Kanzlerin an, als sie versichert: "Alle können sich darauf verlassen, dass die Lebensmittelversorgung jederzeit gesichert ist." Vorratshaltung ist in Ordnung, Hamstern unsolidarisch. Da ist er wieder, der Appell an die Solidarität.

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