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Männerkirche und Zölibat

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Zehn Jahre Missbrauchsskandal, Reformprozess, Sexualmoral: Man spricht über die katholische Kirche. Der Zölibat, die geforderte Ehelosigkeit von Priestern, wird seit Langem kontrovers diskutiert. "Die notwendige Verbindung von Ehelosigkeit und Priestertum lässt nicht nur die Kenntnis der Geschichte, sondern auch die Existenz Tausender legal verheirateter katholischer Priester vermissen." Sagt Adolf Hampel aus Hungen, emeritierter Professor für katholische Kirchengeschichte und Moraltheologie der Justus-Liebig-Universität Gießen. Ein paar Einblicke eines Theologen, der selbst Priester war und sich vom Zölibat entbinden ließ, um zu heiraten.

Die Sexualmoral der katholischen Kirche im 21. Jahrhundert - wie ordnen Sie das ein?

Wenn ich die Sexualmoral der katholischen Kirche damit vergleiche, was ich studiert habe und worüber ich an der päpstlichen Universität Gregoriana in Rom das Examen abgelegt habe, dann ist sie völlig unbrauchbar für die heutige Zeit. Wenn man bedenkt, dass schon Selbstbefriedigung eine Todsünde war und man eine Beichte darüber ablegen sollte, bevor man zur Kommunion ging... Es war eine Sittenlehre, die anhand eines Systems von Geboten das rechte Verhalten bestimmte. Konservative Kräfte in der Kirche halten sie weiter hoch.

Reden wir über den Zölibat. Katholische Priester sind ehelos. Das stimmt doch gar nicht in jedem Fall - oder?

In der römisch-katholischen Kirche des lateinischen Ritus hat sich der Zölibat für die Priester durchgesetzt. In der katholischen Kirche der Ukraine aber, die dem byzantinischen Ritus folgt, sind die Priester in der Mehrzahl verheiratet. Seit 1596 ist das ein Sonderfall. Damals beschloss eine Gruppe orthodoxer Bischöfe, sich der Jurisdiktion des Papstes unterzuordnen unter Beibehaltung aller orthodoxen Traditionen, auch der Priesterehe und der Liturgie.

Was wurde aus dieser Kirche?

1946 ist diese griechisch-katholische Kirche auf Anordnung Stalins verboten und dem russisch-orthodoxen Patriarchen von Moskau angegliedert worden. Die Kirche wehrte sich und ging in den Untergrund, viele Priester wurden inhaftiert. Bei einer Papstaudienz 1989 erklärte dann Michail Gorbatschow, die Westukrainer dürften nun einer Kirche ihrer Wahl zugehören. Da haben sich rund fünf Millionen Gläubige der katholischen Kirche angeschlossen. Heute zählt die griechisch-katholische Kirche der Ukraine 3000 Priester, 50 Bischöfe und 400 Ordenspriester. Die Behauptung einer geradezu notwendigen Verbindung von Ehelosigkeit und Priestertum lässt also nicht nur die Kenntnis der Geschichte, sondern auch die Existenz Tausender legal verheirateter katholischer Priester vermissen, was sie zu Priestern zweiter Klasse degradiert.

In der römisch-katholischen Kirche entwickelte sich die Sache anders...

Die strenge Vorschrift des Zölibats hat sich auch in der Westkirche erst allmählich etabliert. Noch um das Jahr 1000 waren sogar Bischöfe verheiratet. In der Synode von Konstanz im Jahr 1079, so ist überliefert, hat sich die Zölibatsvorschrift dann angeblich durchgesetzt. Entstanden ist diese Tendenz wohl über das Mönchstum. Die ehelosen Eremiten in der ägyptischen Wüste waren ein Anziehungspunkt für die Gläubigen - und oft beliebter als die Seelsorgepriester im Alltag. Dieses Ideal wurde dann ausgedehnt.

Und dieses System der Ehelosigkeit ist so geblieben?

Relativ unverändert, auch wenn es einige verheiratete katholische Priester gibt, die früher evangelisch waren oder Anglikaner. Wenn man allerdings Stimmen aus Afrika oder Südamerika hört, betrachten es katholische Gläubige dort als völlig normal, dass der Priester mit einer Frau zusammenlebt.

Viele Menschen befremdet, dass es einerseits die Forderung nach Ehelosigkeit gibt und andererseits vieles unter der Decke bleibt: Lebenspartnerinnen von Priestern oder Kinder, für die die Kirche bezahlt.

Man hat lange sogar versucht, jenen, die das Priesteramt verlassen, wirtschaftlich Steine in den Weg zu legen. In Italien wurde 1928 zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Mussolini-Regime verabredet, dass kein Ex-Priester eine Staatsanstellung bekommt.

Auf diese Weise wollte man Priester bei der Stange halten?

Ja. Der jetzige Papst macht nun zentimeterweise Schritte und empfiehlt den Bischöfen, auch dann wirtschaftlich für einen Priester zu sorgen, wenn dieser sein Amt verlässt.

Aber das rüttelt nicht an den Festen des Zölibats?

Kürzlich gab es eine Versammlung der Bischöfe des Amazonas-Gebiets. Da wurde von einer großen Mehrheit vorgeschlagen, für entlegene Regionen sogenannte viri probati - bewährte Männer, zum Beispiel Katecheten, die auch verheiratet sein können - die Priesterweihe zu geben, damit sie die gläubige Bevölkerung seelsorgerlich betreuen.

Das hat Papst Franziskus in seiner mit Spannung erwarteten Stellungnahme aber gerade abgelehnt - zur Enttäuschung vieler.

Franziskus hat leider Angst vor seinen Gegnern und vor einer Spaltung der Kirche.

Welche Rolle spielt der emeritierte deutsche Papst Benedikt, der sich kürzlich noch einmal explizit zum Zölibat bekannt hat, im Kampf um Reformen?

Dass Benedikt im Vatikan verblieben ist, halte ich für eine der Hauptschwierigkeiten. Er fügt mit seinem Verhalten der Kirche großen Schaden zu, weil konservative Kräfte und Gegner des Kurses von Franziskus sich weiter auf Benedikt berufen. Er habe klare Linien gegeben, heißt es dann, der jetzige Papst nicht. Man muss leider sagen, dass es in Rom auch eine deutsche konservative Gruppe gibt mit Gerhard Ludwig Kardinal Müller, Walter Kardinal Brandmüller und Georg Gänswein, Privatsekretär Benedikts, die sich um den früheren Papst scharen. Benedikt hatte versprochen, sich nicht mehr zu Wort zu melden - genau das tut er aber.

Es hingen so viele Hoffnungen daran, dass Papst Franziskus eine Erneuerung der Kirche anstoßen würde. Sind diese Hoffnungen unbegründet?

Ich hoffe dennoch weiter auf Franziskus. Er beruft sich nie auf Dogmen, nie auf Konzilsbeschlüsse. Er beruft sich immer auf Jesus. Jesus mit seiner Bergpredigt, mit seiner Zuwendung zu den Armen und Kranken - Jesus ist für Franziskus die einzige gültige Berufungsinstanz. Das würde ich auch für meinen Glauben in Anspruch nehmen.

Steht der Zölibat denn in der Bibel?

Die Begründung des Zölibats aus der Heiligen Schrift ist so dürftig, dass man sie nicht anführen kann. Zum Beispiel im ersten Brief an die Korinther sagt Paulus, der selbst ehelos lebte: "Es ist besser, zu heiraten, als sich in Begierde zu verbrennen." Und diese Situation trifft sicher auf viele zu. Ich war von 1958 bis 1971 selbst ans Zölibat gebunden - und finde mich in diesem Zitat durchaus wieder.

Warum hält die Kirche so eisern daran fest?

Vielleicht auch, weil der ehelose Priester verfügbarer für die Kirche ist als ein verheirateter Mann mit Familie. Er kann leichter irgendwohin versetzt werden.

Ihre Meinung: Befördert der Zölibat Missbrauch durch Kleriker?

Psychologen sehen das offenbar nicht so. Ich bin jedoch überzeugt, dass in vielen Fällen durchaus ein Zusammenhang besteht. In der griechisch-katholischen Kirche in der Ukraine sind Pfarrer zu 90 Prozent verheiratet. Ich habe keine Statistik zur Hand, aber was ich von dortigen Priestern und Bischöfen höre, spricht dafür, dass es dort kein solches Problem wie im Westen im Hinblick auf Missbrauch gibt. Das Amt und die Vertrauensstellung eines Priesters spielen aber auch eine Rolle.

Finden Sie, dass die Kirche jetzt glaubwürdiger reagiert im Umgang mit Tätern und Opfern in Missbrauchsfällen?

Seit vor zehn Jahren die Missbrauchsfälle am Canisius-Kolleg der Jesuiten in Berlin öffentlich gemacht wurden und der Skandal seinen Lauf nahm, ist eine Entwicklung vor sich gegangen in der katholischen Kirche in Deutschland. Die heutige Haltung ist wohl die, dass Verstöße gegen staatliche Gesetze nicht weiterhin allein innerkirchlich abgewickelt werden können. So war das lange Zeit Tradition in der katholischen Kirche: Die Welt braucht gar nichts zu erfahren, der Betreffende wird von uns bestraft. Und die Strafe bestand oft einfach darin, dass man den Priester auf eine andere Stelle versetzte.

Statt der Opfer schützte die Kirche also die Täter in ihren eigenen Reihen?

Ja, vor staatlicher Bestrafung und der Öffentlichkeit. Man wollte keinen Imageverlust haben. Gerade dadurch wurde er umso größer. Ich glaube aber, jetzt sind die Bischöfe zu der Haltung gekommen, dass solche Verfehlungen und Verbrechen vor den Staatsanwalt gehören - zusätzlich zu kirchlichen Folgen, indem der Betroffene des Priesteramts enthoben werden sollte.

Die katholische Kirche in Deutschland hat sich gerade auf einen Weg zur Erneuerung begeben, unter Beteiligung von Laien. Hat das nicht nur Alibicharakter?

Die Sexualmoral, die Lebensführung der Priester und die Machtfrage sind Themen des sogenannten Synodalen Wegs, der einen Reformprozess in Gang bringen soll. Ich meine, das wird für die katholische Kirche in Deutschland ein Impuls sein. Die Weltkirche wird das aber nicht übernehmen. Wenn am Ende dieses Prozesses empfohlen würde, wir brauchen verheiratete Priester, dann wird das Veto aus Rom kommen. Dennoch halte ich es für gut, dass dieser Prozess jetzt in Bewegung kommt.

Nun ist aber gerade Reinhard Kardinal Marx überraschend als Chef der Bischofskonferenz zurückgetreten, der als Macher hinter dem Reformprozess gilt. Ist der "Synodale Weg" jetzt gefährdet?

Kardinal Marx ist zu bedauern. Es kommt auf seinen Nachfolger an, in welchem Geist es weitergeht. Wenn es Rainer Maria Kardinal Woelki aus Köln würde, dann steht es mit dem "Synodalen Weg" schlecht. Wenn keine tiefen Reformen kommen, sage ich: Die Leitung unserer Kirche hat eine masochistische Lust an ihrer Selbstabschaffung.

Für viele Katholiken spielen die Dogmen der Kirche keine große Rolle mehr für ihren Glauben. Ist das nicht eine Bankrotterklärung der Institution?

Was ich der Institution zugutehalte, ist der Transport der Botschaft Jesu, wie sie in der Heiligen Schrift dargestellt ist, bis auf den heutigen Tag. Und dass sie nichts daran geändert hat, auch wenn sie sich selbst oft nicht daran gehalten hat.

Was müsste sich am Priesterberuf ändern, um die Institution Kirche in der heutigen Zeit wieder glaubhafter zu machen?

Der Papst lebt es meiner Meinung nach vor - d ie Einfachheit der Lebensführung. Die Bischöfe müssten auf all das Brimborium verzichten. Das wäre schon ein Fortschritt und müsste sich auf die Pfarrer auswirken. Und noch etwas: Dass man 30 Pfarreien zusammenlegt, weil man keine Priester mehr hat, ist der völlig falsche Weg. Wir brauchen mehr Priester, wir brauchen kleinere Gemeinden, denn dort wächst die Kirche. Das wäre das Ideal: Kleine Pfarreien mit einem meinetwegen verheirateten Priester an der Spitze, der in der Lage ist, all die positiven Kräfte in seiner Pfarrei zu bündeln, und auch ein Vermittler ist zwischen den Konservativen und den Vorwärtsdrängenden. Ein Mensch, an dessen Lebensweise und Beispiel man sehen kann, dass da etwas dran sein könnte am Christsein.

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