Vor zehn Jahren werden Informationen öffentlich, dass am katholischen Elitegymnasium Canisius-Kolleg in Berlin zwischen 1975 und 1982 mindestens 22 Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht worden sein sollen. In den folgenden Wochen kommen Fälle in katholischen Einrichtungen in ganz Deutschland ans Licht. FOTO: DPA
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Vor zehn Jahren werden Informationen öffentlich, dass am katholischen Elitegymnasium Canisius-Kolleg in Berlin zwischen 1975 und 1982 mindestens 22 Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht worden sein sollen. In den folgenden Wochen kommen Fälle in katholischen Einrichtungen in ganz Deutschland ans Licht. FOTO: DPA

Ein Leben lang

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Als der Missbrauchsskandal vor zehn Jahren ins Rollen kam, erschütterte er zuerst vor allem die katholische Kirche. Dann wurde immer deutlicher: Das Problem reicht weit über die Kirche hinaus. Viele Betroffene haben inzwischen ihre Geschichte erzählt - sie leiden ein Leben lang.

Matthias Katsch war 13, als es losging. Der Sportlehrer, ein Jesuit, misshandelte ihn immer wieder stundenlang mit Schlägen auf den nackten Hintern. Der Lehrer sprach von einer Erziehungsmaßnahme mit Heilwirkung. Dass hier ein Sadist Befriedigung suchte, ahnte Katsch, der damals am katholischen Canisius-Kolleg in Berlin zur Schule ging, nicht. Jahrelang hat der heute 56-Jährige diese Dinge "weggepackt in den hintersten Winkel", wie er sagt. Seit zehn Jahren führt der studierte Philosoph und Management-Trainer nun einen politischen Kampf für Aufarbeitung, Entschädigung und mehr Kinderschutz - unter anderem als Mitglied der unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, als Chef der Betroffeneninitiative "Eckiger Tisch" und als Buchautor.

"Wir waren ja damals Kinder. Und wenn du nicht gleich gesprochen hast: Die Hürde nach einer Woche, einem Monat oder einem Jahr, die wird immer höher. Wie soll man das erklären, dass man sich nicht sofort gewehrt hat und nicht sofort Hilfe gerufen hat?" So erklärt er, warum viele Betroffene erst sehr viel später oder nie über das Erlittene sprechen.

Die unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs bietet seit 2016 diesen Menschen die Möglichkeit, anonym gehört zu werden. Mehr als 1500 Betroffene haben inzwischen über die schlimmen Ereignisse ihrer Kindheit berichtet. Einige davon sprechen auch öffentlich darüber, um anderen Mut zu machen:

Maria Winter, 62, lebt heute in Frankreich im Grenzgebiet zu Baden-Baden. Bei ihr beginnt der Missbrauch schon im Kleinkindalter. Die Täter kommen aus dem Umfeld der Familie. Später wird sie immer wieder vom eigenen Vater vergewaltigt. Als Jugendliche bleibt ihr nur die Flucht in die Obdachlosigkeit. Sie fühlt sich "wie vertrieben aus dem eigenen Leben", erzählt sie heute. Jahrelang leidet Maria Winter unter den Folgen, es gibt Suizidversuche. "Ich habe immer gedacht: Ich bin zu nichts gut, ich kann nichts und tauge nichts." Mithilfe einer Traumatherapie lernt sie später, mit dem, was geschehen ist, umzugehen und zu leben. Mit 40 gelingt es ihr, einen Abschluss zur Arbeitspädagogin zu machen. Die 62-Jährige hat das Gefühl, dass das Thema Kindesmissbrauch heute in der Gesellschaft ernster genommen wird, als vor zehn Jahren.

Katarina Sörensen*, 46, lebt in Bremen und wurde als Jugendliche in den 90er Jahren von einem evangelischen Pfarrer missbraucht. Es beginnt, als sie 14 ist, mit Küssen und Liebesschwüren. Dabei bleibt es nicht. Am Ende stehen Manipulation und emotionale Erpressung. Sie kommt von dem Pfarrer nicht los, einem dreißig Jahre älteren Familienvater, der ihre emotionale Bedürftigkeit ausnutzt. "Es ist für die Betroffenen schwer zu erkennen, wie schlimm das ist, was passiert ist. Vor allem, wenn nicht direkt körperliche Gewalt im Spiel ist. Die Täter wickeln die Betroffenen ein. Es ist schwer, sich selbst daraus zu befreien", berichtet Sörensen heute. Die 46-jährige Linguistin hat sich ein Pseudonym zugelegt, möchte nicht erkannt werden. Dennoch will sie ihre Geschichte immer wieder erzählen "für die, die nicht sprechen."

Martin Schmitz, 58, aus Rhede in Nordrhein-Westfalen, ist Möbeldesigner und hat eine kleine Schreinerwerkstatt. Aufgewachsen ist er in einem strengen katholischen Elternhaus. Es gibt oft Prügel. Mit neun wird er Messdiener. Beim Umziehen für das Messedienen kommt es zu merkwürdigen Umarmungen durch den Pfarrer, irgendwann zu Küssen, in die Hose greifen. Auf einer Kinderfreizeit in den Sommerferien kommt der Pfarrer zu ihm ins Bett. Die Übergriffe gehen im Pfarrhaus und im Jugendheim weiter. "Als Kind habe ich mit niemandem darüber geredet. Wenn ich davon zu Hause erzählt hätte, es wäre mir nicht geglaubt worden und ich hätte Prügel bekommen." Als Jugendlicher und junger Erwachsener verdrängt Martin Schmitz den Missbrauch. Mit Ende dreißig, als er verheiratet ist und seine zwei Söhne geboren werden, kommt aber alles wieder: Er bekommt Albträume, Flashbacks, Krampfanfälle, Depressionen und Suizidgedanken. Nur der Gedanke an seine Familie und eine Therapie helfen ihm heraus.

Claudia Mönius, 51, ist Buchautorin und lebt in Nürnberg. Sie ist gerade elf, als der katholische Pfarrer ihrer Heimatgemeinde sich zum ersten Mal an ihr vergeht. Mehrmals die Woche über mehrere Jahre wird sie missbraucht. Aufgetreten sei der Pfarrer wie ein Vater. Die 51-Jährige ist heute überzeugt: Emotionale Vernachlässigung in ihrem Elternhaus spielte eine Rolle. "Der Pfarrer nutzte das aus. Ich fühlte mich verliebt." Auch sie muss später eine Therapie machen, leidet an Depressionen. Der Heilungsweg sei unendlich mühsam gewesen. "Ich bin nun seit fünf Jahren glücklich verheiratet mit einem annähernd gleichaltrigen Mann. Ich hab mir immer Kinder gewünscht, aber es war dann zu spät."

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