Wachsam wieder raus und an die Arbeit: Premierminister Boris Johnson sprach am Sonntag aus seinem Amtssitz 10 Downing Street zur Nation. FOTO: DPA
+
Wachsam wieder raus und an die Arbeit: Premierminister Boris Johnson sprach am Sonntag aus seinem Amtssitz 10 Downing Street zur Nation. FOTO: DPA

Der lange Weg zur Freiheit

  • vonJochen Wittmann
    schließen

Der Weg in den Lockdown ist einfach, der Weg zurück in die Normalität dagegen schwierig. Großbritannien hat vor sieben Wochen das Land dichtgemacht und will jetzt nur ganz vorsichtig lockern. Ende März gab die Regierung die Losung aus: Bleibt daheim, schützt den nationalen Gesundheitsdienst NHS, rettet Leben. Seitdem kam das öffentliche Leben zum Erliegen und den Bürgern wurde sogar das Sonnenbaden im Park untersagt.

Am Sonntagabend richtete sich Premierminister Boris Johnson in einer Fernsehansprache an die Nation und stellte einen grob umrissenen Fahrplan aus der Corona-Krise vor. Ab sofort lautet der neue Slogan: Bleibt wachsam, kontrolliert das Virus, rettet Leben. Das strenge Daheim-bleib-Gebot wird aufgelockert, aber nur ein wenig. Ab sofort darf man mehr als einmal am Tag nach draußen, um Sport zu treiben. Auch das Lesen auf einer Parkbank wird gestattet, ebenso wie das Sonnenbaden. Und man darf sogar ein paar Hundert Meilen weit reisen, um in die Nationalparks oder ans Meer zu kommen.

Das war es dann schon fast mit den Lockerungen. Weitergehende Schritte, sagte Johnson, könnten erst dann geschehen, wenn eine Reihe von Bedingungen erfüllt seien: Die R-Rate müsse unter 1 bleiben und fallen, die Situation in den Altenheimen unter Kontrolle gebracht werden, die Kapazitäten des NHS gesichert sein und die Testkapazitäten erhöht werden. Nur dann könnten ab Juni wieder Geschäfte und Schulen und ab Juli Restaurants, Kinos und andere Betriebe mit Publikumsverkehr öffnen.

Allerdings will der Premierminister, dass die am Boden liegende Wirtschaft wieder ins Rollen kommt. "Wir müssen jetzt betonen", sagte Johnson, "dass jeder, der nicht von zu Hause aus arbeiten kann, zum Beispiel Arbeiter aus dem Bau- und dem verabeitenden Gewerbe, aktiv ermutigt werden sollen, zur Arbeit zu gehen." Sein Aufruf stieß umgehend auf Kritik seitens der Gewerkschaften und der Labour-Opposition. "Ein Rezept für Chaos", kommentierte die Generalsekretärin des Gewerkschaftsverbandes TUC Frances O’Grady: "Die Regierung hat immer noch nicht Richtlinien zur Sicherheit von Arbeitern veröffentlicht. Wie kann dann der Premierminister mit zwölf Stunden Vorwarnung den Leuten sagen, dass sie zurück zur Arbeit gehen sollen?" Auch Labour-Chef Keir Starmer kritisierte Johnson: "Was das Land erwartet hatte war Klarheit und Konsens, und wir bekamen beides nicht."

Das passt dann auch ins Bild, dass Johnson nur für England sprach und die anderen Landesteile wie Schottland, Wales und Nordirland nicht mitziehen wollen. Die Botschaft ans Volk, sagte die schottische Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon, müsse weiterhin klar sein: Bleibt zu Hause! Sie will ebenso wie ihr walisischer Amtskollege mit "maximaler Vorsicht" verfahren und bis auf Weiteres keine Lockerungen erwägen. Die Bevölkerung sieht das ähnlich. Wie eine Reihe von Meinungsumfragen belegen, haben die Briten Angst vor einer Aufhebung des Lockdowns. Eine klare Mehrheit akzeptiert, dass der Weg in die Freiheit ein langer Weg sein wird. Jochen Wittmann

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare