Nach 17 197 Tagen geht ein historisches Kapitel zu Ende. 47 Jahre und einen Monat war Großbritannien nach dem Beitritt 1973 Mitglied in der EU und deren Vorläufer. Nun hat das Vereinigte Königreich die Bande mit Brüssel gekappt. FOTO: AFP
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Nach 17 197 Tagen geht ein historisches Kapitel zu Ende. 47 Jahre und einen Monat war Großbritannien nach dem Beitritt 1973 Mitglied in der EU und deren Vorläufer. Nun hat das Vereinigte Königreich die Bande mit Brüssel gekappt. FOTO: AFP

Ein Land stürzt sich in den Brexit

  • vonJochen Wittmann
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Der Schock kam gleich nach dem Aufwachen. Es ist Freitag, der 24. Juni 2016, gegen halb acht Uhr morgens. Aus dem Radio klingt die Stimme von David Dimbleby, ein Urgestein der BBC. "Das britische Volk hat gesprochen", sagt Dimbleby, "und die Antwort ist: Wird sind draußen."

Die Umfragen hatten keine Vorwarnung gegeben. Ach du meine Güte. Abends zuvor war man ins Bett gegangen mit der Erwartung, dass die Briten die Kurve schon kriegen werden. Morgens dann der Schlag in die Magengrube noch vor dem Frühstück. Und eine dumpfe Angst mischt sich hinein vor dem, was kommen wird. Die Sonne scheint, auf der Straße gehen die Leute ihrer Wege, und auch der Verkehr bewegt sich ganz normal - aber auf einmal ist nichts mehr wie vorher.

Nach 43 Jahren, fünf Monaten, drei Wochen und zwei Tagen der Mitgliedschaft hatte sich Großbritannien am 23. Juni 2016 entschieden, nicht mehr Mitglied im Klub sein zu wollen. Tschüss Europäische Union, sagten 51,9 Prozent gegenüber 48,1 Prozent der Wähler. Das scheint auf den ersten Blick ein knapper Ausgang zu sein, aber es waren immerhin 17 410 742 Briten, die die Scheidung verlangten - rund 1,3 Millionen mehr als drin bleiben wollten. An der demokratischen Legitimität des Votums kann es keinen Zweifel geben. Die Wahlbeteiligung war mit 72 Prozent so hoch wie bei keiner landesweiten Wahl seit 30 Jahren.

Nichts ändert sich, alles ändert sich. Seit Mitternacht ist Großbritannien kein Mitglied der EU mehr, sondern ein sogenanntes Drittland. Doch erst einmal bleibt alles beim Alten in der sogenannten Übergangsphase. Bis zum 31. Dezember dieses Jahres wird noch mit der EU verhandelt, und Großbritannien verbleibt weiterhin im Binnenmarkt, sodass der Waren- und Personenverkehr so weitergeht wie bisher. Danach aber, ob man nun ein Abkommen aushandeln kann oder nicht, ist endgültig Schluss mit der Mitgliedschaft in Zollunion und Binnenmarkt. Premierminister Boris Johnson hat das sogar ins Austrittsgesetz schreiben lassen: Eine Verlängerung wird es nicht geben.

Ab Neujahrstag 2021 wird Großbritannien eigene Wege gehen und lehnt ausdrücklich eine zukünftige Angleichung an EU-Normen ab. Stattdessen setzt man auf "regulatorische Divergenz", was bedeutet, dass man eigene Standards setzen und der EU Konkurrenz bei der Besteuerung, dem Sozial- und Arbeitsrecht, bei Umwelt- und Verbraucherschutz und in vielen Bereichen mehr machen will.

Der Brexit hat das Land verändert wie kein anderes Ereignis der Nachkriegszeit. Die psychologische Verfassung des Königreichs nach dem Referendum lässt sich zusammenfassen in einem Wort: Scherbenhaufen. Der Kampf um Europa hinterließ ein zerrissenes Land. Ein Land, das gespalten ist nicht nur zwischen den Altersgruppen, wo die Jungen mehrheitlich für den EU-Verbleib und die Älteren für den Austritt gestimmt haben. Gespalten auch zwischen den sozialen Klassen, wo gering qualifizierte Lohngruppen im Brexit-Lager standen und die besser ausgebildeten Bürger sich für die Europäische Union ausgesprochen haben. Und es ist zudem ein Land, das geografisch zerrissen ist: Drei große Regionen, London, Nordirland und Schottland, wollten vom Brexit nichts wissen. Im Fall von Schottland kann das noch ernste Konsequenzen haben, denn das Land will jetzt ein zweites Unabhängigkeitsreferendum ansteuern.

Auch in Nordirland werden die Stimmen immer lauter, die ein Zusammengehen mit der Irischen Republik im Süden der Insel fordern. Darin, meinte der Historiker und Publizist Timothy Garton Ash, "liegt eine tiefe Ironie: Ebenjener Brexit, der von postimperialistischen Illusionen englischer Größe lebt, wird wohl zur Sprengung des ursprünglichen kleinsten englischen Empires führen: das dieser Inseln. Nur Wales wird dann noch übrig sein, um zu entscheiden, ob es bleiben will oder gehen."

In den dreieinhalb Jahren seit dem Referendum sind die Gräben nicht flacher geworden. Die eine Hälfte der Briten wird sich nicht so ohne Weiteres damit abfinden wollen, von der anderen Hälfte aus der Europäischen Union gezerrt zu werden. Der Kampf um den Brexit hat die Atmosphäre vergiftet und den Ton der Auseinandersetzung immer schriller gemacht. Das Land hat einen massiven Verfall der politischen Streitkultur erlebt: Da werden Experten als parteiisch abgetan, der politische Gegner als Lügner hingestellt, Fakten ignoriert, und schließlich glaubt keine Seite der anderen irgendetwas mehr. Großbritannien ist auf dem Weg zur sogenannten Post-Truth-Gesellschaft, wie sie sich in den USA darbietet: verfeindete Lager, die sich noch nicht einmal mehr über das verständigen können, was als wahr gelten soll.

Und der Kulturkampf zwischen Brexit-Fans und Brexit-Gegnern wird täglich weitergeführt. Da gibt es auf der einen Seite die konservativen Massenblätter wie die "Daily Mail" oder den "Daily Express", die über "Brexit-Saboteure" lästern und eine harten Schnitt fordern.

Die "Mail" ging sogar so weit, die Richter des High Court, die für ein Mitspracherecht des Parlaments beim Brexit urteilten, zu "Volksfeinden" zu erklären. Da gibt es auf der anderen Seite die neu gegründete Wochenzeitung "The New European", die sich zum Sprachrohr der "48 Prozent", der sogenannten Remainer macht und für eine weiterhin möglichst enge Bindung an den Binnenmarkt wirbt. Mit kleiner Auflage zwar, aber sie hält sich am Markt und ist einer der wenigen erfolgreichen Neugründungen seit Jahrzehnten. Eine besonders unschöne Seite dieses Kulturkampfes ist die Renaissance des englischen Nationalismus. Der Nationalismus des "John Bull" ist nichts neues, den gab es immer. Aber früher wurde er in Schach gehalten von einem weltoffenen, kulturellen und liberalen Geist. Heute hat der englische Nationalismus Oberwasser, denn er fühlt sich als Gewinner, schließlich hat "das Volk gesprochen". Heute wird als unpatriotisch verleumdet, wer gegen einen harten Brexit argumentiert. Und die Welle des englischen Nationalismus, die sich im EU-Referendum Bahn gebrochen hatte, offenbarte eine besonders hässliche Seite: Die Zahl von rassistischen Übergriffen und fremdenfeindlichen Zwischenfällen in Großbritannien schnellte nach oben. Befeuert vom Brexit, begannen sich diejenigen Leute aus der Deckung zu wagen, die schon immer etwas gegen Ausländer hatten. Im ersten Monat nach dem Referendum kam es zu einem 41-prozentigen Anstieg der sogenannten Hassverbrechen mit fremdenfeindlichem Hintergrund.

Wobei zugleich angemerkt werden muss: Ich persönlich habe xenophobe Attacken nicht erlebt. In meinem Chor "Hackney Singers" finden sich keine Brexiteers. Kunststück, lässt sich einwenden, denn Hackney war der Stadtteil Londons mit der landesweit zweithöchsten Stimme für den EU-Verbleib: 78,5 Prozent. In meinem Schachclub allerdings gibt es einen Alistair, der mir erklären will, warum es absolut notwendig wäre, dass England die Brüssler Ketten abstreift und wieder ein souveränes Land wird, und dem ich nicht erklären kann, dass es die Ketten nicht gibt und die Souveränität niemals verloren ging.

Wenn man seit mehr als 20 Jahren im Land ist, fühlt man sich fast schon dazugehörig. Jetzt habe nicht nur ich, sondern auch viele andere Exildeutsche das Gefühl, man sollte sich schleunigst einen britischen Pass besorgen, um bei den nächsten Wahlen mit abstimmen zu können. Lagerdenken gibt es auch bei Exilanten. Der Kulturkampf wird mit dem Austritt nicht aufhören, auch wenn Premierminister Johnson das Ende des Streits proklamiert hat: "Jetzt können wir die Verbitterung und Spaltung der letzten drei Jahre hinter uns lassen und uns darauf konzentrieren, eine glänzende, aufregende Zukunft zu schaffen." Da kann man nur sagen: Viel Glück damit.

Das Remain-Lager jedenfalls wird das Einlösen der Versprechen fordern, mit denen das Leave-Lager Wahlkampf gemacht hatte: Wo sind die 350 Millionen Pfund pro Woche für den Staatlichen Gesundheitsdienst? Wann kommen die unglaublich vorteilhaften Freihandelsabkommen mit den USA, Australien, Kanada und all den anderen Ländern der "Anglosphere"? Was ist mit dem versprochenen wirtschaftlichen Aufschwung, sobald die Ketten abgestreift sind?

Auch wenn am 1. Februar die britischen Inseln von der Europäischen Union wegzudriften beginnen, muss das nicht heißen, dass man Abschied von einem Britannien nehmen muss, das den Europäern so viel gegeben hat. Das wird schon.

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