Einreiseverbote und strenge Kontrollen: Fast frei von Autos zeigte sich gestern die deutsche Autobahn A93 nach Österreich vor der Grenzübergangsstelle Kiefersfelden. FOTO: DPA
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Einreiseverbote und strenge Kontrollen: Fast frei von Autos zeigte sich gestern die deutsche Autobahn A93 nach Österreich vor der Grenzübergangsstelle Kiefersfelden. FOTO: DPA

Kreuz aus Kreide am Reifen

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Abstand halten, um gesund zu bleiben. Was im Kleinen gilt, wird jetzt auch zwischen einigen europäischen Staaten in die Tat umgesetzt. Mancherorts ist der Start der Grenzkontrollen etwas rumpelig. Aber im Großen und Ganzen läuft schon jetzt alles nach Plan.

Das grenzenlose Europa - es ist in Quarantäne geschickt worden. Die Entscheidung fiel den politisch Verantwortlichen nicht leicht. Viele Menschen zeigen am ersten Tag Verständnis für die neuen harten Regeln, die jetzt wegen der rasanten Verbreitung des neuartigen Coronavirus auch in Deutschland vorübergehend an den Grenzen zu fünf Nachbarländern gelten. Dennoch: Die Verunsicherung ist groß. Auch weil niemand vorhersagen kann, wie lange das strenge Grenzregime noch nötig sein wird.

"Ich habe viele Fragen, aber ich bekomme keine Antworten", klagt ein Mann aus dem Elsass, der zum Arbeiten nach Baden-Württemberg kommt. Im Fernsehen habe er am Sonntagabend gesehen, dass Deutschland am Montag die Grenzen schließe. Seither wisse er nicht genau, wie lang dies dauere und was das für ihn konkret bedeute. Und ob sein Samstagseinkauf, den er gerne in Deutschland mache, noch möglich sei.

Die Beamten der Bundespolizei lassen den Mann über die Grenze, da er in Deutschland arbeitet. Das Elsass ist zwar Corona-Risikogebiet. Berufspendler sollten daher daheim in Frankreich bleiben. Wer trotzdem über die Grenze zum Arbeiten kommt, wird aber vorerst nicht abgewiesen. Einkaufstouristen sollen allerdings draußen bleiben.

Weiter südlich an der Grenze zur Schweiz ist das Bild ähnlich. "Wir haben jedoch den Eindruck, dass viele Schweizer vorbereitet sind", sagt Katharina Keßler von der Bundespolizeiinspektion Weil am Rhein. An der Grenzstation auf der Autobahn zwischen Basel und Weil am Rhein (Kreis Lörrach), eine der größten Europas, registrieren die Beamten deutlich weniger Autos als sonst. "Vorrang hat nun der Warenverkehr", sagt Antje Bendel vom Hauptzollamt Lörrach. Zollverfahren würden beschleunigt, um den grenzüberschreitenden Warenverkehr nicht zu beeinträchtigen. Versorgungsengpässe in Corona-Zeiten sollen so verhindert werden.

Kilometerlanger Rückstau

Auf der deutschen Mosel-Seite, die Schengen gegenüber liegt, stehen Bundespolizisten an drei Übergängen. Jeder Autofahrer wird angehalten und angesprochen - ob auf der A8, am Europa-Kreisel oder in Perl-Nennig. Zu Frankreich bildete sich beim Übergang Goldene Bremm in Saarbrücken ein kilometerlanger Rückstau.

Mehrere Dutzend Menschen seien so am Vormittag zurückgewiesen worden, sagt der Sprecher der Bundespolizeiinspektion Bexbach, Karsten Eberhardt, im saarländischen Perl. Sie hätten keinen triftigen Grund für eine Einreise angeben können. Die Reifen ihrer Autos wurden mit einem Kreuz aus Kreide vorne und hinten markiert, damit sie bei einer anderen Kontrollstation gleich erkannt werden könnten und nicht noch einmal überprüft werden müssten.

Es seien nicht nur Luxemburger und Franzosen gewesen, sondern auch Menschen anderer Nationalitäten, die nicht ins Land gelassen wurden, berichtet Eberhardt. Deutsche Staatsbürger dürften einreisen ebenso wie Pendler, Handwerker und Lastwagen mit Waren.

"Es handelt sich ja um eine vorbeugende Maßnahme", sagt der Luxemburger Serge Leyder. Er darf passieren. Seine Firma hat er in Luxemburg, das Lager aber in Deutschland. Andere aber grummeln ein bisschen. "Ich verstehe nicht, warum in einem Supermarkt Deutsche einkaufen gehen dürfen, aber Luxemburger und Franzosen nicht", meint Armand Perzylembski aus Frankreich, als er wieder umkehren muss.

Nur ein paar Hundert Meter entfernt von der Kontrollstelle am Europa-Kreisel liegt der Ort, an dem Vertreter aus Deutschland, Frankreich, Luxemburg, Belgien und den Niederlanden am 14. Juni 1985 als ersten Schritt zum "Schengen-Raum" den Verzicht auf Grenzkontrollen vereinbarten. Die Unterzeichner saßen damals auf dem Schiff "Princesse Marie-Astrid", das an der Uferpromenade von Schengen ankerte - unweit des heutigen Europa-Museums, das derzeit wegen der Corona-Pandemie geschlossen ist. Heute gehören 26 Länder mit über 400 Millionen Einwohnern zum Schengen-Raum. Nach Angaben der EU-Kommission gibt es jedes Jahr etwa 1,25 Milliarden Reisen über die Grenzen innerhalb dieser Region.

Kontrollen auch im Norden

Ein Sprecher der Polizei Niederbayern, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will, ist kurz angebunden: "Wir haben hier keinen Liveticker zu den Grenzkontrollen." Größere Staus gebe es in seinem Grenzabschnitt noch nicht. "Mit kleineren Behinderungen und Wartezeiten muss man natürlich rechnen. Gerade die Ortsansässigen suchen sich die kleineren Routen."

Kontrollen gibt es auch im Norden, an der Grenze zu Dänemark. Gegen 7.30 Uhr fangen die Bundespolizisten am Grenzübergang Kupfermühle/Krusau in der Nähe von Flensburg an, den Verkehr über einen Parkplatz umzuleiten. Ein Mannschaftswagen steht quer auf der Bundesstraße, Absperrband flattert im Wind. Beamte mit Kellen weisen die Auto- und Lastwagenfahrer in die richtige Spur. Es sind relativ wenige Fahrzeuge unterwegs, in die Gegenrichtung nach Dänemark staut sich der Pendlerverkehr auf mehreren Hundert Metern. "Moin, wo möchten Sie hin", fragen die deutschen Beamten die Fahrer. Lassen sich Ausweise zeigen. "Wir sind noch in der Findungsphase", sagt einer der Beamten zu der etwas rumpelig gestarteten Kontrolle - wie man sich am besten aufstellt, um möglichst schnell zu kontrollieren, welche Dokumente man sich vorlegen lassen muss. In den kommenden Tagen soll die Infrastruktur verbessert werden.

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