Kontrollverlust nicht ausgeschlossen

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Krisenstäbe, Quarantäne, Pandemiepläne: Die Sorge um eine Ausbreitung des Coronavirus in ganz Deutschland greift immer mehr um sich. Wie gut ist das Land auf die drohende Epidemie vorbereitet?

Ernst treten Jens Spahn und Horst Seehofer am Donnerstag vor die Öffentlichkeit. Der Krisenstab ihrer Ministerien für Gesundheit und Inneres zum Coronavirus soll nun regelmäßig tagen. "In so einer Situation wie der jetzigen treibt viele Bürgerinnen und Bürger die Sorge um, wie jetzt damit umzugehen ist", sagt Spahn.

Kein Wunder: In rasendem Tempo prasseln Informationen über neue Coronavirus-Fälle auf die Menschen in Deutschland ein. Immer mehr Bürger fragen sich, was die Ausbreitung von SARS-CoV-2 für sie bedeutet. Hunderte sind allein in Nordrhein-Westfalen von Quarantäne-Anweisungen betroffen. Wie gut sind Deutschland und sein Gesundheitssystem für eine Corona-Epidemie gerüstet?

Spahn und andere Regierungs- und Behördenvertreter haben immer wieder betont: Deutschland verfüge über eines der besten Gesundheitssysteme der Welt. Man sei vorbereitet. Diemal bleibt der Gesundheitsminister nachdenklich: Es gebe Pandemiepläne und Abläufe. Die würden aber zu wenig geübt Wie sind die Szenarien? Wo sind dabei mögliche Schwachstellen?

Das Robert-Koch-Institut (RKI) bewertet die Situation seit vier Wochen in zwei Schichten in einem Lagezentrum. Dreh- und Angelpunkt der Krisenbewältigung sind erst einmal die 380 Gesundheitsämter. Sie schätzen die Lage vor Ort ein, informieren die Bevölkerung und ermitteln Kontaktpersonen. "Das sind die Gesundheitsämter gewohnt", sagt Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD). "Aber wenn es mehr Patienten werden, stoßen wir an Kapazitätsgrenzen."

Engpässe möglich

Absehbare Engpässe seien hausgemacht: 2500 Ärzte arbeiten in den Gesundheitsämtern. "Vor 15 Jahren waren es 30 Prozent mehr", so Teichert. Schon heute absolvierten viele Beschäftigte in den Ämtern Überstunden und Nachtarbeit. "An den Hotlines sind viele überlastet, weil etwa Menschen anrufen, weil vor ein paar Tagen in einer Disco jemand gehustet hat."

Wie kann es weitergehen? Hunderte Menschen in Nordrhein-Westfalen stehen unter Quarantäne - für 14 Tage. Verwandte und Nachbarn stellen Lebensmittel vor ihre Tür. "Wenn es mehr Infizierte gibt und die Kontaktpersonen alle in Quarantäne kommen, wird dies das öffentliche Leben ganz schön beeinträchtigen", sagt Teichert.

Spahn spricht von einer möglichen "nächsten Phase". Dann könnten nicht mehr möglichst alle Kontaktpersonen ermittelt werden. Auch Teichert sieht Grenzen solcher Maßnahmen: "Sobald es mehr solche Fälle werden, wüsste ich nicht, wie das gehen soll." Sie sieht die kritische Schwelle bei einer zwei- bis dreistelligen Zahl an Infizierten. Besonders geschützt würden dann Risikogruppen wie Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen. Der Fokus könnte sich dann auf Altenheime, Kindergärten, Schulen richten.

RKI-Präsident Lothar Wieler meint: "Wir werden diese Maßnahmen so stringent führen, wie es möglich ist." Wie ernst ist die Lage? "Das ist noch nicht außer Kontrolle." Aber es sei wie in einem Kriminalfilm - plötzlich kämen neue Indizien, neue Ausbrüche, neue Kontaktpersonen. Der Verlust der Kontrolle sei denkbar. Aber häusliche Quarantäne sei auch in einer nächsten Phase wichtig.

Wie sind die rund 1900 Krankenhäuser vorbereitet? "In allen Kliniken gibt es sogenannte Ausbruchsmanagementpläne", sagt Susanne Johna, Chefin des Ärzteverbands Marburger Bund und Pandemiebeauftragte der Bundesärztekammer. Die Abläufe bei Epidemien müssten nicht neu geregelt werden. Die Patienten würden dann so durch die Klinik geleitet, dass sie niemanden anstecken - und kämen in Einzelzimmer.

Hohe Bettendichte

Betten mit speziellen Unterdruckschleusen, wie sie etwa für extrem gefährliche Infektionskrankheiten wie Ebola vorgesehen sind, gibt es deutschlandweit nur 47. Für das Coronavirus braucht man diese den offiziellen Empfehlungen zufolge nicht. Mehr als 1400 internistische Abteilungen und über 1200 Intensivstationen stehen mit 28 000 Intensivbetten bereit, betont die Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG).

"Ein Isolierzimmer kann jedes Zimmer im Krankenhaus sein, in dem eine gegebenenfalls vorhandene, mit anderen Zimmern verbundene Lüftung abschaltbar ist und das über eine eigene Nasszelle verfügt", sagt ein DKG-Sprecher. Der Regensburger Infektiologe Bernd Salzberger meint: "Wir haben in Deutschland international die höchste Dichte an Krankenhausbetten, das hilft natürlich in einem Notfall." Engpässe aber kann es in verschiedener Form geben. Als Beispiel sagt ein DKG-Sprecher: "Wenn es keine Mund-Nasen-Vorrichtungen mehr gibt, kann ein Krankenhaus keine Eingriffe mehr durchführen."

Auch Personalengpässe seien denkbar - vor allem wenn sich Pfleger und Ärzte selbst infizieren oder als Kontaktperson unter Quarantäne gestellt werden. Mögliche Schwachstellen sehen Experten auch bei den Arztpraxen - der Deutsche Hausärzteverband äußert sich dazu zunächst auf Anfrage nicht.

Alle sind sich einig: Die Schwierigkeiten wachsen mit der Zahl der Fälle. Spahn schließt eine "Ausnahmesituation" nicht aus - mit immer mehr schweren Verläufen und der Notwendigkeit, Patienten zu isolieren und zu beatmen. Der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité sagte schon vor Tagen: "Es wird dann schwierig, die normale Versorgung aufrechtzuerhalten." Intensivbetten, die eigentlich für Operationspatienten benötigt würden, wären dann voll.

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