Helmut Kohl wäre am heutigen Freitag 90 Jahre alt geworden. FOTO: DPA
+
Helmut Kohl wäre am heutigen Freitag 90 Jahre alt geworden. FOTO: DPA

Kein großes Gedenken

  • vonDPA
    schließen

Die Planungen für eine große Gedenkfeier zum 90. Geburtstag von Helmut Kohl liefen schon länger. Doch die Corona-Krise macht den Planern einen Strich durch die Rechnung. Jetzt wird es ein bisschen bescheidener.

Helmut Kohl war nicht nur der Kanzler der Einheit, er war auch einer der Architekten des modernen Europas." Mit diesen Worten würdigt die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer die innen- und außenpolitische Lebensleistung des großen Vorgängers im Parteivorsitz. Und vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie sagte sie der Deutschen Presse-Agentur anlässlich Kohls 90. Geburtstag weiter: "Heute steht unser Kontinent vor einer historischen Herausforderung. Dabei sollten wir auch an das denken, was Helmut Kohl geleitet hat. Europa war für den Christdemokraten Kohl der Garant für Frieden, Freiheit und Wohlstand."

Kohl habe "stets für eine Europäische Union gekämpft, die durch gemeinsame Werte verbunden ist ... Der große Europäer Kohl hätte sich heute mit voller Überzeugung dafür eingesetzt, dass wir die Herausforderungen der Zukunft gemeinsam angehen, einander helfen und uns nicht auseinanderbringen lassen." Das sind gewichtige Worte angesichts der aktuellen Kritik an Deutschland in der Krise - insbesondere aus Italien - und angesichts der auseinanderstrebenden europäischen Staaten.

Eine große Gedenkfeier für Europas Ehrenbürger Helmut Kohl: Das wäre gerade jetzt ein politisches Statement für eine schwächelnde EU gewesen. Im Herzen seiner Geburtsstadt Ludwigshafen, am Platz der Deutschen Einheit, wollte die CDU am heutigen Freitag Kohl ehren. Doch die Corona-Krise machte die Pläne einer öffentlichen Würdigung des früheren Bundeskanzlers zunichte. Auch eine Zeremonie zur Kranzniederlegung am Grab des 2017 gestorbenen Kohl in Speyer wird es nicht geben. Das Gedenken an den Pfälzer wird schlichter.

Nun soll es unter anderem Videos der rheinland-pfälzischen CDU-Landesvorsitzenden, Bundesagrarministerin Julia Klöckner, und von Christian Baldauf, Fraktionschef der oppositionellen CDU im Mainzer Landtag, geben. "Selbstverständlich schmerzt es sehr, nicht vor Ort sein zu können", sagte ein Sprecher der CDU Rheinland-Pfalz. Der Schutz der Bevölkerung in der Corona-Krise gehe aber vor. Und Peter Uebel, CDU-Fraktionschef im Ludwigshafener Stadtrat, betonte, alles sei in enger Absprache mit Kohls Witwe Maike Kohl-Richter erfolgt.

Der "Rekord-Kanzler" Kohl war 16 Jahre lang in diesem Amt. Er sei "ein Glücksfall für Deutschland und für Europa" gewesen, sagte der Vorsitzende der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung und frühere Bundestagspräsident Norbert Lammert der Deutschen Presse-Agentur. "Besonders in diesem Jahr, in dem wir das 30-jährige Jubiläum der Deutschen Einheit feiern ... und seinen 90. Geburtstag würdigen, wird die historische Größe Helmut Kohls als Kanzler der Einheit deutlich."

Kohl, der 1982 durch ein Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt (SPD) Kanzler wurde, war zunächst nicht unumstritten - auch in der eigenen Partei. Auf einem Parteitag im Herbst 1989 konnte er eine "Revolte" unter anderem seines langjährigen Generalsekretärs Heiner Geißler erfolgreich kontern. Dabei half Kohl, der später immer wieder als Parteipatriarch beschrieben wurde, neben seinem taktischen Geschick auch, dass er tief in der CDU verwurzelt war, bis in die unteren Parteigliederungen. Wohl wenige haben die CDU so geprägt wie Kohl. 25 Jahre war er Parteichef.

Nach der Maueröffnung im November 1989 aber machte Kohl das meiste richtig. Er verhandelte erfolgreich mit Michail Gorbatschow, den er wenige Jahre zuvor noch mit dem NS-Propagandisten Joseph Goebbels verglichen hatte, über die deutsche Wiedervereinigung. Zudem überwand er auch die Widerstände in der EU, vor allem den der britschen Regierungschefin Margaret Thatcher und des französischen Präsidenten François Mitterrand. Das Versprechen an die Ostdeutschen, rasch blühende Landschaft zu schaffen, ist wohl eher als Ausrutscher zu sehen. Kohl blieb im Kanzleramt bis 1998 - dann nutzte Rot-Grün die Wechselstimmung.

Kohls Europapolitik galt wie die Konrad Adenauers zunächst der weiteren Aussöhnung mit Frankreich. Das Bild von Kohl und Mitterrand 1984 Hand in Hand auf einem Soldatenfriedhof hat heute noch große Symbolkraft. Letztlich entwickelte sich aus den jeweiligen Beziehungen deutscher Kanzler und französischer Präsidenten - vor Kohl und Mitterrand bestand auch eine Politikerfreundschaft zwischen Helmut Schmidt und Valéry Giscard d’Estaing - jene immer wieder beschworene deutsch-französische Achse. Jenseits dieser Achse war es vor allem Kohl, der die europäische Integration voranbrachte und federführend für die Gründung der Europäischen Union am 1. November 1993 in Maastricht war sowie bei der Einführung des Euro zur Jahrtausendwende.

Kohl wurde am 3. April 1930 in Ludwigshafen geboren und starb am 16. Juni 2017 in seinem Haus im Stadtteil Oggersheim. In Mainz trat der promovierte Politologe Kohl 1969 das Amt des Ministerpräsidenten an. 1976 wechselte er in die Bundespolitik. Den Festakt zu seinen 80. Geburtstag 2010 feierte der Altkanzler schon im Rollstuhl. 2008 war er in seinem Haus gestürzt, die Ärzte diagnostizierten ein Schädel-Hirn-Trauma. Bald nach seinem Tod waren Ideen einer Würdigung des Politikers im öffentlichen Raum laut geworden.

In der Domstadt Speyer gibt es heute ein Helmut-Kohl-Ufer und in Mainz einen Helmut-Kohl-Platz. Doch die Initiative, die Ludwigshafener Rheinallee nach dem Sohn der Stadt zu benennen, scheiterte am Widerstand der Anwohner und Geschäftsleute vor Ort. Auch im benachbarten Frankenthal wurde das Projekt, den Rathausplatz in Helmut-Kohl-Platz umzubenennen, nach Unwillen in der Bevölkerung kassiert.

Das könnte als Hinweis gedeutet werden, dass Kohl nicht nur als Kanzler der Einheit und als großer Europäer gesehen wird, sondern in der Bevölkerung auch umstritten ist. Hauptgründe dürften die Spendenaffäre sein sowie die sogenannten Bundeslöschtage.

Spendenaffäre als dunkler Schatten

Ende 1999 räumte Kohl ein, über Jahre Spenden an die CDU in einem Gesamtvolumen von mehr als zwei Millionen D-Mark nicht im Rechenschaftsbericht angegeben zu haben. Er lehnte es ab, die Namen der Spender öffentlich zu nennen, weil er ihnen sein Ehrenwort gegeben habe. Diese Haltung, eine persönliche Ausnahme von einer gesetzlichen Regelung für sich in Anspruch zu nehmen, brachte ihm viel Kritik ein und kostete ihn letztlich den CDU-Ehrenvorsitz.

Beim Wechsel im Kanzleramt zu Gerhard Schröder (SPD) wurde Kohl vorgehalten, sensible Akten und Dateien vernichtet zu haben ("Bundeslöschtage"). Der kürzlich verstorbene Sonderermittler Burkhard Hirsch (FDP) wies eine erhebliche Aktenlücke nach, unter anderem in der Leuna-Verkaufsaffäre, bei Rüstungsgeschäften mit dem Nahen Osten oder bei der Treuhandprivatisierung. An Kohl schieden sich auch die Geister.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare