Eisern Union, ein junger Spieler und das Haus mit den WGs
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Union Berlins Nachwuchsarbeit steht erneut in der Kritik.

Exklusive Recherche von Ippen Investigativ

„Katastrophale Betreuung“: Union Berlin ließ Zwölfjährige in WG wohnen

  • VonLaurenz Schreiner
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Der Fußball-Bundesligist 1. FC Union Berlin hat zwölfjährige Kinder in einer Wohngemeinschaft untergebracht – Eltern bezeichnen die Bedingungen dort im Nachhinein als katastrophal. Das zeigen Recherchen von Ippen Investigativ und dem ARD-Politikmagazin Kontraste. Eine Fördervereinbarung mit einem der Jungen legt offen, mit welchen Versprechungen schon Kinder gelockt werden. 

Als die beiden damals Zwölfjährigen, Paul und Felix, das erste Mal von Trainern des Bundesligisten Union Berlin besucht werden, leben sie schon einige Zeit in einer Wohngemeinschaft im Ost-Berliner Stadtteil Köpenick: Ein langer Flur, ein Wohnzimmer mit PlayStation, drei Zweierzimmer, ein Kühlschrank. 

Die WG in einem Mehrfamilienhaus hat der 1. FC Union zur Verfügung gestellt, weil die beiden als Nachwuchstalente gelten. Als Betreuer lässt der Verein dort einen 27-jährigen Sportpsychologen wohnen, der für die Kinder da sein soll. Doch der Betreuer selbst ist mit der Situation offenbar überfordert, heute nennt er die WG „provisorisch“ und zeitweise „nicht altersgerecht“. Kinder und Eltern berichten, er sei oft nicht zu Hause gewesen, die Kinder hätten am Ende der Woche häufig kein Essen mehr gehabt. Daher seien sie alleine einkaufen gegangen, hätten sich regelmäßig Tütensuppen oder Nudeln gekocht, sich selbst ins Bett gebracht und seien morgens alleine aufgestanden.

Beim Besuch der beiden für den Nachwuchs verantwortlichen Union-Trainer müssen Paul und Felix für die Gäste kochen. „Wir haben Burger gemacht“, sagt Paul heute, drei Jahre später, im Gespräch mit Ippen Investigativ* und dem ARD-Politikmagazin Kontraste. „Und wir mussten unser Zimmer aufräumen, die haben dann geguckt, ob das ordentlich ist.“

Das Geschäft mit dem Fußballnachwuchs – bei Union Berlin war es offenbar besonders problematisch

Das Geschäft mit Kindern, die als Fußballtalente gelten, wird schon seit Jahren kritisiert. Exklusive Recherchen zeigen, dass der Umgang mit dem Nachwuchs beim 1. FC Union Berlin offenbar besonders problematisch war. Mehr als zwei Jahre lang lebten drei zu Beginn zwölfjährige Kinder in einer WG – den Eltern zufolge ohne ausreichende Betreuung. 

Der 1. FC Union Berlin schreibt auf Anfrage, das Konzept sehe „Unterstützung in allen Lebensphasen und Erziehung zur altersgerechten Selbständigkeit vor. Bei der Wohnung handelte es sich um einen Erstbezug mit hohem Wohnstandard.“ Der für die Kinder zuständige Betreuer habe zudem „von Beginn an ein abgeschlossenes pädagogisches Studium“ gehabt und die Spieler vor der Schule und nach den Trainingseinheiten betreut. 

Für mindestens einen der Jungen stellte der Verein außerdem eine sogenannte Nachwuchsfördervereinbarung aus – sehr ungewöhnlich bei einem erst zwölfjährigen Kind. Anfangs versprochene 3000 Euro wurden zudem nicht ausgezahlt. Nach drei Jahren bei Union wurden die beiden Kinder im vergangenen Frühjahr aus dem Verein und damit auch der dazugehörigen Schule für Elitesportler geworfen – nur mit Glück fanden die Kinder fürs folgende, zehnte Schuljahr schnell genug eine neue Schule.

Union Berlin schreibt auf Anfrage, dass aus der Fördervereinbarung für die Eltern „keine Verpflichtungen oder eine vertragliche Bindung in irgendeiner Form“ entstünden. Diese freiwillige Zusatzleistung des Vereins sei deshalb beim Deutschen Fußball Bund (DFB) und der Deutschen Fußball Liga (DFL) nicht anzeigepflichtig. Dies bestätigte die DFL auf Anfrage.

Union Berlin: Über Monate mit Spielern, Eltern, Mitspielern und ehemaligen Mitarbeitern gesprochen

Ippen Investigativ und das ARD-Politikmagazin Kontraste haben für diese Recherche in den vergangenen Monaten mehrfach mit Spielern, Eltern, Mitspielern und ehemaligen Mitarbeitern des Vereins gesprochen. Dazu liegen uns zahlreiche Chatnachrichten, Videos aus der WG und Vertragsunterlagen vor. Die Namen der Jungen, die in der WG gelebt haben, sind uns bekannt. Weil sie aber noch immer Fußball spielen und Nachteile bei anderen Vereinen fürchten, haben wir sie in diesem Artikel geändert. 

Unser Reporter Laurenz Schreiner (folgen Sie ihm unter @LaurenzPM auf Twitter) recherchiert weiter zu Missbrauch im (Nachwuchs-)Fußball. Sie haben selbst Missstände erlebt oder Hinweise und Dokumente zu Machtmissbrauch, die unser Rechercheteam interessieren könnten? Wenden Sie sich vertraulich an recherche@ippen-investigativ.de

Diese Recherche folgt auf eine Veröffentlichung von BuzzFeed News Deutschland (heute: Ippen Investigativ) und der Märkischen Allgemeinen Zeitung im Frühjahr. Damals hatten wir darüber berichtet, dass mehrere Jugendliche und deren Eltern dem Verein vorwerfen, minderjährige Spieler schlecht zu behandeln und vor allem Kinder mit türkischem und arabischem Migrationshintergrund zu benachteiligen*.

Paul kommt aus einem Dorf in Brandenburg. 2018 wird er als Zwölfjähriger von Union Berlin entdeckt.

An einem Mittwoch im November steht Paul, mittlerweile 15 Jahre alt, auf einem Fußballplatz in Brandenburg. Auf der einen Seite stehen hohe Bäume, auf der anderen ist ein kleiner Spielplatz. Auf der Wiese sind Maulwurfshügel, es wirkt, als hätte schon länger niemand auf diesem Platz gekickt. 

Hier hat Paul früher oft alleine trainiert und von einer Karriere als Fußballspieler geträumt. Damals, 2018, spielt er noch bei einem kleineren Verein in der Nähe. In den Ferien nimmt er an einem Fußball-Camp des 1. FC Union teil. Ein Trainer ist überzeugt von ihm und will, dass Paul zum großen Berliner Verein wechselt. Doch eine Fahrt zum Trainingsplatz dauert mehr als eine Stunde. Beide Eltern sind berufstätig und müssen sich noch um jüngere Geschwister von Paul kümmern. Also bietet der Verein dem Jungen an, in eine der vereinseigenen WGs zu ziehen, um den Weg zu verkürzen. 

Union Berlin verspricht dem Nachwuchs gute Bedingungen in seinen WGs

Der Verein verspricht den Eltern zufolge beste Bedingungen: Optimale Betreuung, kostenlose Unterkunft und Verpflegung, enger Austausch zwischen Fußballklub und der Flatow-Oberschule, einer Eliteschule des Sports. In einer „Unterbringungsvereinbarung“ aus dem Jahr 2020, die Ippen Investigativ und Kontraste vorliegt, heißt es außerdem, dass Spieler „pädagogisch betreut“ werden. „Die Betreuungszeit geht von sonntags 18:00 Uhr bis freitags 09:00 Uhr“, steht in dem Dokument. (Die Unterbringungsvereinbarung veröffentlichen wir hier geschwärzt im Original.)

Für den Jungen wird ein Traum wahr, die Eltern nehmen das Angebot an. „Wir haben Union vertraut“, sagt Pauls Mutter. „Sonst hätten wir unser Kind mit zwölf Jahren niemals freiwillig in die Wohnung gegeben.“ 

Es gibt zu dieser Zeit zwei WGs in dem Haus in Köpenick-Oberspree. In der unteren wohnen vier Jungen im Alter zwischen 16 und 19 Jahren. Zwei Namen von Spielern stehen noch im November 2021 auf einem improvisierten Klebeschild am Hauseingang, sie spielen längst bei anderen Klubs. In der oberen WG wohnen damals mehrere 15- bis 16-jährige Jungen. Hier ziehen 2018 Paul und 2019 Felix sowie ein weiterer zwölfjähriger Junge ein. 

Drei Zwölfjährige ziehen bei Union Berlin in eine WG mit 16-jährigen Jugendlichen

Felix spielt schon seit 2017 beim 1. FC Union. Anfangs fahren ihn seine Eltern aus Brandenburg noch viermal pro Woche zum Training, holen ihn dafür nachmittags direkt von der Schule ab. Im Auto macht Felix die Hausaufgaben, nach dem Training geht es direkt ins Bett. Eine Fahrt dauert mehr als eine Stunde. „Das ist für uns eine Qual gewesen“, sagt Felix’ Vater.

„Die Betreuung war katastrophal.“ Eltern beschweren sich über die aus ihrer Sicht mangelhafte Betreuung ihrer Kinder.

Beide Jungen sind zum Zeitpunkt des Einzugs zwölf Jahre alt. Der 1. FC Union schreibt auf Anfrage, dass in den vergangenen fünf Jahren vier Spieler unter 16 Jahren in der WG gelebt haben. „Die Betreuung war katastrophal“, sagt der Vater von Felix rückblickend. Der Verein nennt diese Beschreibung „unglaubwürdig“. Während der Zeit in der WG hätte die Familie gesagt, dass sich die Spieler sehr wohl fühlen und bei Union bleiben wollen.

Nun ist es im Fußballgeschäft mittlerweile normal, dass Spieler schon sehr jung quer durch Deutschland ziehen, weil ein Verein aus der Bundesliga lockt. Doch dann werden die Spieler üblicherweise in einem Internat oder bei Gastfamilien untergebracht, damit sie auch abseits des Trainings optimal betreut sind. Die Praxis des 1. FC Union, extrem junge Spieler in einer WG wohnen zu lassen, ist unter den 36 Klubs der Ersten und Zweiten Bundesliga wohl einzigartig. Das legt eine Umfrage von Ippen Investigativ und Kontraste nahe, bei der 27 Vereine der ersten beiden Bundesligen geantwortet haben.

Musste der zwölfjährige Union-Nachwuchs spät abends alleine durch Köpenick?

Als Betreuer lässt der 1. FC Union einen 27-Jährigen Studenten mit Master in Sportpsychologie in der WG wohnen, der sich um die Kinder kümmern soll. Doch dieser sei oft nicht zu Hause gewesen, erzählen die Jungen. Er spielte nebenbei höherklassig Handball. Wenn er Training hatte, seien die Jungen allein zu Hause gewesen. Der Betreuer habe die Kinder nicht vom Training abgeholt, sie hätten spät abends alleine vom damaligen Trainingsplatz durch Köpenick fahren müssen. Union Berlin schreibt auf Anfrage, dass der Verein für die Trainingsabende des Betreuers eine zusätzliche Betreuerin eingestellt habe. Diese habe dann auch für die Kinder gekocht.

Nachdem Paul als Zwölfjähriger in die Union-WG zieht, geht es ihm nicht gut. „Das war scheiße, wenn ich alleine war. Manchmal hatte ich ein bisschen Angst.“

Paul spricht leise, wenn er über die Zeit in der WG redet. „Ich hatte auch schöne Erlebnisse mit dem Betreuer, manchmal sind wir Basketball spielen gegangen“, sagt er. „Aber sonst war nie jemand da. Das war scheiße, wenn ich alleine war. Manchmal hatte ich ein bisschen Angst.“ Als Paul einmal den Schlüssel zur Wohnung vergisst, habe er nach dem Training am späten Abend stundenlang auf den Betreuer warten müssen.

Ein großes Problem sei auch gewesen, dass „der Betreuer“, wie ihn die Jungen nennen, nicht für die Kinder gekocht habe. Dabei steht im „Unterbringungsvertrag“ des Vereins, dass „eine ausgewogene und sportgerechte Grundversorgung sichergestellt” werde. Den Eltern zufolge habe der Verein zwar in der Regel Grundnahrungsmittel eingekauft, aber die Jungen hätten sich größtenteils selbst verpflegen müssen. Wenn abends Nahrungsmittel in der WG fehlten, hätten die Kinder zum Rewe gehen und selbst einkaufen müssen. Das Geld habe ihnen der Verein erstattet. 

„Papa, wie funktioniert ein Wasserkocher?“ – Kinder und Eltern machen Union Berlin Vorwürfe

Auf Anfrage schreibt der 1. FC Union, die alters- und sportgerechte Versorgung der Kinder sei zu jeder Zeit sichergestellt gewesen. Auch Essenswünsche der Spieler seien berücksichtigt worden. Felix’ Vater erinnert sich jedoch an Anrufe von seinem Sohn. „Papa, wie funktioniert ein Wasserkocher?“, habe er gefragt. Damit kochte sich Felix 5-Minuten-Terrinen, manchmal gab es auch Nudeln, über die der Junge noch Rosmarin streute. 

Als die Jungen ihren Eltern davon erzählen, beschweren diese sich beim 1. FC Union. Der Verein habe angekündigt, die Situation zu verbessern und einen Caterer zu bestellen, berichten die Eltern gegenüber Ippen Investigativ und Kontraste. Daraus sei aber nichts geworden. Stattdessen habe der Verein vorgeschlagen, einmal im Monat gemeinsam zu kochen. Einige Monate später sei dann an zwei Tagen in der Woche eine Haushälterin in der WG vorbeigekommen, an diesen Tagen sei für die Jungen auch Abendessen gekocht worden. Auf Anfrage schreibt der 1. FC Union, dass zwischen den Beschwerden der Eltern bis zu der Einstellung der zusätzlichen Betreuungskraft lediglich „ca. drei Wochen“ vergangen seien. Danach habe es von den Eltern keine Beschwerden mehr gegeben.

Im Telefonat mit Ippen Investigativ und Kontraste reagiert der Betreuer überrascht auf die Vorwürfe. Als er 2017 zum 1. FC Union gekommen sei, seien die Bedingungen dort tatsächlich schlecht gewesen. „Kaltes Wasser, kein Essen, kein Internetzugang für die Jungs“, fasst er die damalige Situation zusammen. Sein Ziel sei dann gewesen, die Betreuung zu verbessern und die Jungen in Absprache mit dem Verein und den Eltern selbstständig zu machen. Er habe mit den Kindern viel unternommen, gemeinsam gegrillt, Champions-League-Abende und Spieleabende organisiert. Zu Weihnachten sei in der WG gemeinsam Plätzchen gebacken worden. Regelmäßig habe er gutes Feedback der Eltern bekommen. 

Der von Union Berlin bezahlte Betreuer sagt: Die Wohnung war nur vorübergehend gedacht

Außerdem habe es genug Möglichkeiten gegeben, die Kleidung zu waschen, wöchentlich sei eine Reinigungsfrau in der WG vorbeigekommen und hätte geholfen. Trotzdem habe er den Verein früh darüber informiert, dass die Strukturen weiterentwickelt werden müssten. „Es war ja immer die Rede davon, dass man die WG nur so lange behält, bis das neue NLZ-Gebäude steht, in dem das Internat ist“, sagt er. „Aus meiner Perspektive war die Wohnung nur vorübergehend gedacht.“ Noch heute ist das Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) des Vereins nicht eröffnet, Ende August 2021 feierte der Verein den Spatenstich.

Wie oft die Jungen alleine in der WG waren, kann der Betreuer heute nicht mehr rekonstruieren. „Ich bin der Meinung, dass ich immer da war“, sagt er. Außerdem habe er für ausreichend Essen gesorgt. „Dass nicht alle Lebensmittel jeden Tag da waren, das ist in jedem Haushalt so“, sagt er. „Jeden Montag bin ich einkaufen gegangen. Aber wenn jemand zum Beispiel sechs Joghurts isst und der andere keines, dann ist am Dienstag eben kein Joghurt mehr da. Das musste dann nachgekauft werden. Das war ja kein Hotel, bei dem jeden Tag Lebensmittel ankommen und man nur ausladen muss.“ 

Die Eltern sind in einem Dilemma. Einerseits finden sie schon früh, dass die Betreuung in der WG ganz anders ist als vom Verein zuvor versprochen. Der Klub, so sehen sie das, kümmert sich nicht ausreichend um seinen Nachwuchs. Andererseits werden Unterkunft und Verpflegung von Union bezahlt. Und ihre Kinder sind zunächst glücklich beim 1. FC Union. „Mein Sohn hat immer gesagt, ich regele das alleine“, sagt Pauls Mutter. 

Paul hat selbst die Hoffnung, Fußball-Profi zu werden. Auch deshalb halten sich seine Eltern zunächst mit Kritik an Union Berlin zurück.

Im Sommer 2019 steigt der Verein in die Erste Bundesliga auf, bei dem entscheidenden Spiel gegen Stuttgart dürfen die Nachwuchskicker im Stadion An der Alten Försterei mitjubeln. Der Traum ihres Sohnes, irgendwann mal selbst dort zu stehen, lebt. Die Eltern haben Sorge, diesen Traum mit zu viel Kritik am Verein zu zerstören. Auch der Betreuer berichtet davon, dass die Eltern nur zurückhaltend Kritik geäußert hätten und die WG sogar teilweise gelobt hätten. Heute hat Pauls Mutter eine andere Sicht auf den Jugendfußball. Die WG sei für ihren Sohn deutlich zu früh gewesen, sagt sie, „weil die Kinder denken: Ich bin da bis auf alle Ewigkeit sicher und man verspricht mir den Himmel auf Erden. Aber so ist es leider nicht.“ Vorwürfe, ihr Kind nicht aus der WG geholt zu haben, macht sich die Mutter nicht. Der Verein habe immer signalisiert, die Zustände verbessern zu wollen.

Betreuungssituation unzureichend: NLZ-Leiter eines Bundesliga-Konkurrenten kritisiert Union

Der NLZ-Leiter eines anderen Bundesligisten hält nach diesen Schilderungen von Ippen Investigativ und Kontraste die Betreuungssituation beim 1. FC Union für unzureichend. Man müsse als Verein eine Rundumbetreuung schaffen, man brauche Leute mit Fach-Hintergrund und keine Berufsanfänger beziehungsweise Studenten. Zeitfenster ohne Betreuung  seien fatal. Der Altersunterschied der Jungen innerhalb einer WG sei mit 12-Jährigen und 15- bis 16-Jährigen außerdem viel zu groß, sagt der NLZ-Leiter.

Erst im Sommer 2020 verbessert sich die Situation strukturell für die Jungen. Der Verein mietet Räume einer ehemaligen Filmfabrik an, die Jungen dürfen umziehen. Die Betreuung am neuen Standort soll sich nach Aussagen der Eltern und des Betreuers stark verbessert haben. Nun sei für die Jungen gekocht worden. Doch nach Recherchen von Ippen Investigativ und ARD-Kontraste wohnen offenbar bis heute Nachwuchsspieler von Union in einer der alten WGs in Köpenick. Im November 2021 beobachten wir, wie sie mit Union-Rucksäcken und Trainingskleidung von der WG zum Trainingsplatz gehen. 

Union Berlin schreibt auf Anfrage, dass der Verein dort aktuell eine WG mit fünf U19-Spielern unterhalte. Die Jugendlichen würden von einer Erzieherin und Hauswirtschaftlerin, einer Online-Nachhilfe, einem externen Caterer und einer Reinigungsfachfrau unterstützt.

Das Wohnhaus, in dem sich die WG befindet. Bis heute leben hier Nachwuchsspieler von Union Berlin.

Union lockte Kinder wie Felix und Paul aber nicht nur mit der Aussicht auf optimale Betreuung und kostenlose Verpflegung, sondern zumindest teilweise auch mit Geld. Von einem der Kinder, Felix, liegt Ippen Investigativ und dem ARD-Politikmagazin Kontraste eine sogenannte Nachwuchsfördervereinbarung vor. (Die Vereinbarung veröffentlichen wir hier geschwärzt im Original.) In dieser wird dem damals zwölfjährigen Jungen eine monatliche Summe Geld versprochen. In dem Vertrag aus dem Januar 2019 ist Felix alleiniger Vertragspartner, unterschrieben haben seine Eltern. Der Verein wird vertreten durch den Präsidenten Dirk Zingler und den Geschäftsführer Nachwuchs- und Amateurfußball Lutz Munack. 

Union Berlin zahlte einem der Kinder über drei Jahre 3000 Euro

Union erklärt in dem Vertrag, „für talentierte Nachwuchsspieler auf einem gesonderten Konto, dessen Inhaber der Verein ist, im Rahmen eines Sparplanes monatlich einen individuell festgelegten Betrag“ zu sparen. Der angesparte Betrag werde aber nur ausgezahlt, wenn der Spieler in der Zeit „bestimmte Voraussetzungen“ erfüllt. Einen Rechtsanspruch auf das Geld gebe es nicht.

Für Felix wird festgelegt, dass der Verein im ersten Jahr, also in der Saison 2018/2019, monatlich 50 Euro sowie im zweiten und dritten Jahr monatlich 100 Euro anspart. Nach den drei Jahren soll der Spieler dann im Sommer 2021 die 3000 Euro ausgezahlt bekommen – aber nur, wenn ab dem 1. Juli 2021 mit ihm ein „gültiger Fördervertrag nach den Kriterien der DFL“ unterzeichnet wird. 

Tatsächlich dürfen erst mit Spielern aus dem U16-Bereich Förderverträge geschlossen werden. Solche Förderverträge müssen der DFL gemeldet werden. Der 1. FC Union schreibt auf Anfrage zunächst: „Ab dem Altersbereich U16 dürfen DFL Vereine Förderverträge schließen. An diese Regelung halten wir uns.“ Auf Nachfrage zum konkreten Vertrag mit Felix nennt Union die Vereinbarung eine „vereinsseitige Unterstützung und ein Zeichen der Wertschätzung gegenüber dem Spieler“. Sie würde nur selten Anwendung finden. Mit wievielen Spielern der Verein solche „Vereinbarungen“ geschlossen hat, gibt der 1. FC Union auf Nachfrage nicht an. „Die Sparvereinbarungen mit Spielern sind eine freiwillige Zusatzleistung des Vereins und daher bei DFL und DFB nicht anzeigepflichtig“, teilt der Verein mit.

Der DFB verweist auf Anfrage an die DFL. Diese antwortet Ippen Investigativ und Kontraste, dass die Vereinbarung der DFL nicht bekannt gewesen sei. Solche Vereinbarungen müssten den Verbänden aber auch nicht vorgelegt werden.

Die „Vereinbarung“ mit dem zwölfjährigen Felix enthält noch eine weitere, ungewöhnliche Klausel:  Die „Auflösung des Sparkontos und Auszahlung des Sparbetrages an den Spieler“ bleibe „dem Ermessen des Vereins vorbehalten“.

NLZ-Leiter hält Union Berlins Fördervereinbarung für „unseriös“ und „höchst bedenklich“

Der NLZ-Leiter eines anderen Bundesligisten nennt die Vereinbarung „unseriös“ und „höchst bedenklich“. Er habe so ein Dokument trotz langer Erfahrung im Jugendfußball noch nie gesehen und ärgert sich über „schwarze Schafe“ in der Branche. Über solche Verträge werde eine Abhängigkeit geschaffen. Es sei verantwortungslos von Vereinen, die Träume der Jungen und finanzielle Hoffnungen der Eltern auszunutzen.

Der Sportrechtler Philipp Fischinger von der Uni Mannheim sieht bei der Fördervereinbarung von Union Berlin ein Geschmäckle.

Für den Sportrechtler Philipp Fischinger von der Uni Mannheim ist die Vereinbarung aus juristischer Sicht zulässig. Er sieht hier „eine Art bedingte Handgeldprämie“, es werde keine Arbeitspflicht des Jungen verlangt. „Moralisch kann man darüber streiten, ob der Vertrag ein Geschmäckle hat und schon 12-Jährige mit der Hoffnung auf eine große Fußballkarriere geködert werden“, sagt Fischinger. Er sieht zum einen die Eltern in der Pflicht, den Kindern die geringen Chancen auf den Traum vom Fußballprofi aufzuzeigen. Zum anderen schlägt er vor, dass der DFB die jungen Spieler schon früh besser über ihre Perspektiven aufklärt.

Schließlich zeigen Studien, dass es eher schadet, wenn Talente schon früh ausgewählt werden. Die Sportwissenschaftler Arne Güllich und Paul Larkin forschen seit mehreren Jahren zur Nachwuchsförderung im Fußball. Ippen Investigativ und Kontraste liegt eine unveröffentlichte Studie der beiden Forscher exklusiv vor. Für diese Studie haben die Forscher 57 Studien zur Talentförderung ausgewertet, darunter aus Deutschland, Großbritannien, Kanada und den Niederlanden. Ihre Studie belegt: Je früher ein Junge ins Nachwuchsleistungszentrum aufgenommen wird, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er später Fußballprofi wird.

Über 50 Prozent der Nachwuchs-Fußballer haben psychische Belastungen, zeigt eine Studie

Eine frühe Förderung ziele vor allem auf biologisch frühreife Kinder ab, sagt Arne Güllich, Professor an der TU Kaiserslautern. Diese Kinder hätten körperliche Vorteile, die sich später jedoch ausgleichen. Außerdem sei moderates Training auf lange Sicht nachhaltiger als frühes extremes Training. Doch viele Vereine der Bundesligen setzen weiterhin auf das Scouting von sehr jungen Spielern.

Arne Güllich forscht seit Jahren zur Nachwuchsarbeit im Fußball. Er sieht die frühe Förderung in Leistungszentren sehr kritisch.

„Kinder haben ein Recht darauf, nicht unter ökonomischen Aspekten als Ware gesehen zu werden“, sagt Güllich und warnt: Für die vielen Spieler, die es nicht nach oben schaffen, sei die Ausmusterung eine Katastrophe. Über 50 Prozent der Jugendlichen hätten psychische Belastungen, die klinisch relevant sind, sagt Güllich. „Der Lebenstraum zerplatzt. Das ganze bisherige Leben gibt es nicht mehr. Die eigene Identität geht verloren.“

Als Felix im Mai 2021 darüber informiert wird, dass er den Verein nach drei Jahren verlassen soll, wird ihm und seinen Eltern das Geld aus dem angeblichen Sparplan nicht ausgezahlt. „Das ist ein abgekartetes Spiel“, sagt Felix’ Vater. „Nach dem Motto: Komm mal zu uns, das Geld kriegst du aber eh nicht.“

Im April 2021 endet die Zeit von Felix beim 1. FC Union. An einem Mittwochabend, so berichtet es der Vater von Felix, soll dessen Trainer den Eltern gesagt haben, dass die Zeit ihres Sohnes beim 1. FC Union vorbei sei. Am Donnerstag trainierte er noch mit, am Freitag schon wurde er nach dem Training verabschiedet – nach drei Jahren beim Verein und nach dem Auslaufen der „Nachwuchsfördervereinbarung“. Felix’ Vater ist noch immer wütend. „Es ist so ein unpägagogisches und unpsychologisches Verhalten, was Union da den Kindern antut“, sagt er. „Ich habe den letzten Glauben an dieses Nachwuchsleistungszentrum verloren.“

Ähnlich soll es bei Paul gelaufen sein. Mitte April 2021 hätten die Eltern einen Anruf vom Trainer bekommen: Paul müsse den 1. FC Union verlassen, er sei zu langsam. Noch im Februar habe der Jugendleiter in einem Gespräch aber keinerlei Andeutungen in diese Richtung gemacht, im März habe der Trainer Paul versichert, beim Klub bleiben zu können.

„Vorne rum erzählen sie, es ist alles gut und hintenrum kriegst du die Kugel gesetzt“, sagt ein Vater 

„Wir müssen ja planen, wir müssen uns um die Kinder kümmern“, sagt Pauls Vater. Schließlich bedeutet ein Rauswurf bei Union, dass der Junge die WG und die Schule, die eine Kooperationsschule des Vereins ist, verlassen muss. „Über das Gelüge bin ich am meisten enttäuscht“, sagt der Vater. „Vorne rum erzählen sie, es ist alles gut und hintenrum kriegst du die Kugel gesetzt.“ 

Die Art der Kommunikation ist auch für die Kinder brutal. Innerhalb weniger Tage müssen die Eltern eine neue Schule finden. Glücklicherweise nimmt eine Schulleiterin aus Brandenburg Paul direkt auf. Für Probetrainings bei anderen ambitionierten Vereinen ist es nun zu spät. Vorerst spielt Paul wieder bei einem Verein in der Nähe seiner Eltern, wo er jetzt auch wieder wohnt.

Der 1. FC Union erklärt auf Anfrage, die Leistungen beider Spieler hätten in ihrem letzten Jahr stagniert. Das könne man auch aus einer schriftlichen Leistungsbewertung schließen. Im November 2020 hätten die Eltern den Hinweis bekommen, dass ihre Söhne die „Weiterführungskriterien aktuell nicht erfüllen“ würden. Den Eltern sei mitgeteilt worden, dass die Spieler bis zum Saisonende am Training teilnehmen könnten und auch die WG so lange bewohnen dürften. „Beiden Spielern wurde zusätzlich die Möglichkeit für Probetrainingseinheiten bei möglichen neuen Vereinen gegeben“, schreibt Union Berlin. „Sämtliche Angebote wurden von beiden Spielern wahrgenommen.“ 

Union will derweil vermeiden, dass Informationen über die sogenannte „Nachwuchsfördervereinbarung“, an die Öffentlichkeit kommen. „Beide Parteien behalten Stillschweigen [...] über die getroffenen Fördervereinbarungen“, heißt es in dem Dokument. Und eine Episode aus dem  vergangenen Jahr zeigt, wie wichtig es dem 1. FC Union ist, dass auch die offenbar mangelhafte Unterbringung der Jungen nicht bekannt wird. 

Union Berlin lässt Interview über die WG wieder aus dem Internet nehmen

Damals gab Paul der Sportplattform „Fupa“ ein Interview zu den Bedingungen in der Jugendabteilung des 1. FC Union. „Im Gegensatz zu anderen Vereinen besitzt Union Berlin kein direktes Internat, allerdings zwei WGs, welche in Ueber18 und U13-U17 unterteilt sind“, heißt es in dem Interview zunächst. „Da der Verein auch auf Eigenverantwortung Wert legt, stelle ich mir, wie jeder andere auch, meinen Wecker selbst. Und auch für das Frühstück ist jeder selbst verantwortlich“, antwortet Paul in dem Interview. „Es ist ja auch so, dass ich seit dem Einzug in die WG selbst koche, dies habe ich sehr schnell gelernt.“ Ippen Investigativ und Kontraste liegt das ganze Interview vor.

Der Leiter von Unions Nachwuchsabteilung soll das Interview zunächst erlaubt haben, sagt Pauls Vater heute auf Nachfrage. Nachdem das Gespräch einige Stunden online war, ruft der Verein aber plötzlich bei „Fupa“ an und fordert die Plattform auf, das Interview wieder aus dem Internet zu nehmen. Dem Wunsch folgte die Sport-Webseite. Gegenüber dem Vater von Paul soll Union Berlin gesagt haben, dass der Verein nicht wolle, dass Details zu den WGs öffentlich werden. 

Nach dem Rauswurf bei Union Berlin fühlt sich Paul eine Zeit lang, als habe er „komplett versagt“.

Auf Anfrage erklärt der 1. FC Union, dass der Artikel nicht für eine „überregionale Plattform“ freigegeben worden sei. „Zum Schutz der Kinder erschien es unverantwortlich, den Artikel in dieser Form online gestellt zu lassen“, schreibt der Verein. Der beteiligte Redakteur von „Fupa“ sagt Ippen Investigativ und Kontraste, dass Unions Pressesprecher ihn am Telefon freundlich darauf hingewiesen habe, dass das Interview nicht genehmigt worden wäre. Der Pressesprecher habe aber angeboten, sich zusammenzusetzen und an einem neuen Artikel zu dem Thema zu arbeiten. 

Pauls Mutter sagt, es habe nach dem Rauswurf Wochen gegeben, da habe sich ihr Sohn gefühlt, als habe er „komplett versagt“. Trotzdem hat Paul den Traum, Fußballprofi zu werden, noch nicht aufgegeben. Nur wenn der 1. FC Union ihn noch einmal anrufen würde, würde er absagen. Bis heute hat keiner vom Verein mit ihm über den Rauswurf gesprochen.*Ippen Investigativ ist das Rechercheteam von IPPEN.MEDIA.

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Am. heutigen Donnerstagabend, 25. November 2021, sendet das ARD-Politikmagazin Kontraste um 21.45 Uhr einen Beitrag zu dieser Recherche.

Sie haben selbst Missstände erlebt oder Hinweise und Dokumente zu Machtmissbrauch, die unser Rechercheteam interessieren könnten? Wenden Sie sich vertraulich an recherche@ippen-investigativ.de

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