Kardinal Matteo Zuppi, Erzbischof im norditalienischen Bologna, genießt wie auch Papst Franziskus den Ruf eines "Straßenpriesters". FOTO: DPA
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Kardinal Matteo Zuppi, Erzbischof im norditalienischen Bologna, genießt wie auch Papst Franziskus den Ruf eines "Straßenpriesters". FOTO: DPA

"Kapitalismus im Namen Gottes"

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Eine "arme Kirche für die Armen" wünscht sich der Papst, aber in katholischen Diözesen sieht die Wirklichkeit oft anders aus. Das norditalienische Bologna liefert jedoch ein gutes Beispiel, wie sich stattliche Einnahmen und kirchliche Werte vereinbaren lassen.

Geht es um die Katholische Kirche und Luxus, erwachen in Deutschland Erinnerungen an Franz-Peter Tebartz-van Elst und den Ausbau seiner Bischofsresidenz in Limburg. Mehr als 30 Millionen Euro ließ der "Protzbischof" dafür aus der Bistumskasse springen, darunter 15 000 Euro für eine Edelbadewanne.

Infolge des Skandals musste Tebartz-van Elst 2014 als Vorsteher der Diözese weichen. Ein verschwenderisch wirtschaftender Kirchenfürst vertrug sich so gar nicht mit der Vision der "armen Kirche für die Armen" seines Chefs im Vatikan, Papst Franziskus.

Der Erzbischof im norditalienischen Bologna, Kardinal Matteo Zuppi, hat hingegen ein ganz anderes Modell im Umgang mit Geld etabliert. "Mit Geld muss man sehr vorsichtig, sehr entschlossen und sehr besonnen sein, denn seine Fähigkeit zu korrumpieren ist unglaublich", sagt der 64-Jährige im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

Bologna gehört zu den reichsten Erzbistümern Italiens. Es verfügt auch deshalb über ein beträchtliches Vermögen, weil der 2012 gestorbene Inhaber des Maschinenbauunternehmens FAAC der Diözese sein Firmenvermächtnis vererbte. Seither kontrolliert das Erzbistum den lokal ansässigen, aber global agierenden Hersteller von Automatik-Antrieben und Steuerungen.

Unter kirchlichem Dach ist das Geschäft weiter gediehen, allerdings unter strengen ethischen Auflagen: Profite dürfen nur in Forschung, Entwicklung oder die Arbeiterwohlfahrt gesteckt oder der Kirche für Wohltätigkeitszwecke gegeben werden. "Kapitalismus im Namen Gottes" nennen italienische Medien das. Zwischen 2012 und 2018 stiegen FAACs Umsätze um mehr als 50 Prozent auf 430 Millionen Euro, die Zahl der Angestellten verdoppelte sich auf rund 3000 Mitarbeiter.

FAAC gehört in der Corona-Krise zu den wenigen Unternehmen in Italien, deren Betrieb weiterläuft, wenn auch stark reduziert. Von der landesweiten Sperre wurde die Firma verschont, weil sie als Hersteller und Ersatzteillieferant von Automatiktüren und Schranken auch Krankenhäuser und Supermärkte ausrüstet, wie Unternehmenschef Andrea Moschetti der Deutschen Presse-Agentur erklärt.

Die Dividenden der Firma, die der Kirche zugute kommen, sollen laut Moschetti 2020, wie im vergangenen Jahr, bei rund zehn Millionen Euro liegen. Für das kommende Jahr sei allerdings wegen der anhaltenden Krise mit weniger zu rechnen, auch das internationale Geschäft der Firma leide erheblich.

Nach Angaben de Diözese flossen 2019 eine Million Euro der FAAC-Dividende in die Steuerkasse, 2,5 Millionen in Rücklagen für schwierige Zeiten sowie 6,5 Millionen in verschiedene Wohltätigkeitsprojekte. Das Geld sei etwa an die Unterstützung von Familien, Bildung und regionale Jobfindungsprogramme gegangen. Dazu kamen Projekte, die jeder der Diözese vorschlagen kann. 2019 wurden 32 Vorschläge zur Förderung ausgewählt.

Nach Ansicht von Moschetti steht die Kontrolle der Kirche dem wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens nicht im Weg. "Man bittet uns, besondere Rücksicht auf unsere Angestellten zu nehmen", sagt er, etwa bei großzügigen Regelungen zur Kinderbetreuung und anderen Vorzügen für die Arbeiter. Das sei keinesfalls ein Hemmschuh: "Es ist eine Win-Win-Situation. Die Leute sind glücklich, für uns zu arbeiten, also sind sie auch produktiver und wir haben einen geringeren Personalwechsel", führt Moschetti aus. Kardinal Zuppi mische sich nicht in Management-Belange ein, es gebe aber oft einen Austausch darüber, wie das Geschäft läuft.

Der gebürtige Römer Zuppi gehört unter den Würdenträgern der katholischen Kirche zur progressiven Sorte. Er genießt wie auch Papst Franziskus den Ruf eines "Straßenpriesters". Ebenso wie der Jesuit aus Argentinien lehnt er Pomp und Protokoll ab. Meist radfahrend ist "Vater Matteo" häufig auf den Straßen Bolognas anzutreffen. Als Residenz hat er ein Seniorenheim für Geistliche gewählt. Und er betrachtet die Kirche als Ort, der allen offen steht, auch Homosexuellen beispielsweise. "Natürlich, sie sind unsere Brüder", kommentierte er das.

Wirbel um Tortellini

Im Oktober sorgte Zuppi für einen Aufreger, als er für das Festmahl zu Ehren von Bolognas Schutzheiligen Tortellini ohne Schweinefleisch servieren ließ. Die mit Huhn gefüllten Teigtaschen waren somit auch für Muslime genießbar - das kam aus Sicht konservativer Hardliner nicht nur einem Hochverrat an der Küche Bolognas gleich, sondern auch einem Einknicken der Kirche vor linker politischer Korrektheit.

Auf das Thema angesprochen, ist es das einzige Mal, dass Zuppi kurz irritiert wirkt. Ein "Roter Priester"-Image weist er von sich. "Ich bin nicht parteiisch, die Kirche ist nicht parteiisch, das ist sie nie gewesen", sagt er. Die Tortellini seien eine Frage des gesunden Menschenverstands gewesen. Dann schmunzelt er. "Von allem, was ich weiß, hat sich die Version mit Hühnchen gegenüber der mit Schwein als beliebter herausgestellt. Muss am Neuigkeitswert gelegen haben."

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