Johnson und der Tunnelblick

  • schließen

(jwi). Boris Johnson macht es noch einmal spannend. Auf der Zielgeraden des britischen Wahlkampfes leistete sich der Chef der konservativen Regierungspartei einen Patzer. Johnson wurde von einem Journalisten gefragt, was seine Reaktion auf das schockierende Foto eines auf dem Boden einer Notaufnahme liegenden Buben wäre. Der vierjährige Jack Williment-Barr war mit Blaulicht in das Krankenhaus von Leeds eingeliefert worden, bekam aber kein Bett und musste Stunden auf einem Notlager aus Winterjacken auf dem Boden des Hospitals ausharren. Johnson weigerte sich, das Foto auf dem Smartphone des Reporters anzusehen. Er antwortete ausweichend. Auf Nachfragen des Journalisten griff er sich einfach dessen Handy und steckte es ein.

Das Foto ist ein Sinnbild für die desolaten Zustände im nationalen Gesundheitsdienst NHS. Die Opposition schlachtete Johnsons Reaktion sogleich aus. "Herzlos" sei sie gewesen, sagte der finanzpolitische Sprecher Labours, John McDonnell, und Parteichef Jeremy Corbyn erklärte: "Ihn kümmert die NHS-Krise einfach nicht." Jeder Tag, der vom Thema Gesundheitssystem dominiert wird, ist ein taktischer Sieg für die Opposition. Meinungsumfragen sehen die Konservativen auf der Siegesstraße. Doch der Streit um Johnson hat den Wahlkampf kurz vor dem Urnengang am morgigen Donnerstag noch einmal belebt. Vor allem auch deswegen, weil der Premierminister ein roboterhaftes Verhalten, ein geradezu mechanisches Ignorieren an den Tag legte. Kopfschütteln löste auch ein Radiointerview vom Vortag aus. Johnson wurde gefragt, was er seiner Freundin Carrie Symonds zu Weihnachten schenken wolle. "Den Brexit liefern", war seine Antwort.

Neun Sitze

Johnson hat den Tunnelblick und kennt ein einziges Thema: Brexit. Nur neun Sitze brauche er, ruft er den Briten zu, um eine Mehrheit im Unterhaus zu erreichen. Dann gebe es ein Ende mit dem "Zögern und Zaudern" beim Brexit. Mehr als drei Jahre habe das Land darauf gewartet, dass das Referendumsergebnis umgesetzt wird. Eine Stimme für Labour würde zu weiterer Verzögerung und einem zweiten Referendum führen. Nur er könne garantieren, dass Großbritannien "aus dem Leerlauf herauskommt". Beim Wahlvolk scheint die Botschaft gut anzukommen. Auf rund 43 Prozent kommen die Konservativen. Zwar zählt das Lager der "Remainer", die für den EU-Verbleib sind, etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung, aber viele von ihnen sind vom Brexit-Chaos frustriert und ziehen ein Ende mit Schrecken vor. In den Meinungsumfragen haben sich über die letzten Wochen eine Reihe von Trends herauskristallisiert, die gute Nachrichten für die Konservativen bedeuten. Das Zwei-Parteien-System feiert eine Renaissance. Zur Wahl standen somit vor allem die zwei großen Parteien, Labour und Konservative, die in den Umfragen auf zusammen rund drei Viertel der Stimmen kommen. Das bedeutet, dass die Brexit-Partei von Nigel Farage keinen Blumentopf gewinnen wird. Farage hatte, als er noch Chef der UKIP-Partei war, das Referendum erzwingen können. In den Europawahlen im Mai dieses Jahres erzielte die Brexit-Partei sensationelle 30,5 Prozent. Doch aufgrund des britischen Mehrheitswahlrechts wird Farage keine Chance eingeräumt, auch nur einen einzigen Sitz im Unterhaus gewinnen zu können. Seine Partei liegt zurzeit bei drei Prozent. Die nationalistischen Parteien in Schottland (SNP) und Wales (Plaid Cymru) können auf ein solides Ergebnis hoffen, weil ihr Wahlvolk geografisch konzentriert ist. Für die Liberaldemokraten dagegen wird sich der Urnengang als enttäuschend erweisen. Konnte man im Sommer noch glänzende Umfragewerte von mehr als zwanzig Prozent einfahren, sind die LibDems jetzt auf rund ein Dutzend Prozent zurückgefallen. Die Liberalen haben sich beim Thema Brexit radikal positioniert: Sollten sie die Wahl gewinnen, würde der Austrittswunsch ohne ein zweites Referendum zurückgezogen.

Für Labour scheint es nicht zu reichen. Zwar hat man seit Beginn des Wahlkampfes zulegen können, doch mit rund 33 Prozent liegt man immer noch um gut zehn Punkte hinter den Konservativen. Das Problem der Arbeiterpartei ist ihr Vorsitzender. Jeremy Corbyn ist bei den Briten so unbeliebt wie vor ihm noch kein Oppositionsführer. Zwar hat Labour ein radikales Wahlprogramm mit attraktiven Angeboten für die Bürger vorgelegt, aber den Leuten schaudert es bei der Vorstellung, Corbyn in der Downing Street zu sehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare